Flüchtlinge und die „Arroganz des Helfens“

„Arroganz des Helfens“ ist die Überschift eines Interviews des Magazins „enorm“ mit Kilian Kleinschmidt. In Essen geboren, arbeitete er 22 Jahre als humanitärer Helfer für die UNO.

Zaatari Juli 2013 Foto: U.S. Department of State

Er war rund um den Globus tätig, zuletzt 22 Monate in Zaatari, einem der größten Flüchtlingslager der Welt, im Norden Jordaniens. Als er im Lager ankam, waren rund 110.000 Flüchtlinge dort untergebracht, zum größten Teil aus Syrien. Als „Bürgermeister von Zaatari“ war er maßgeblich daran beteiligt, dass aus dem damaligen Chaos heute eine der größten Städte Jordaniens geworden ist.

“Die meisten müssen in letzter Minute fliehen. Sie lassen alles zurück. Damit verlieren sie viel von ihrer Identität [...] In vielen Situationen wird man dann noch zu einem Massenprodukt, zu einer Nummer. Genau das passiert jetzt bei uns in Deutschland. Wir reden nicht mehr von Personen, sondern von Zahlen. Wie viele kommen? 800 000? Wie viele Betten brauchen wir? Für jeden gibt es dann 2100 Kilokalorien am Tag, Wasser und eine Pritsche. Zahlen, Statistik und Logistik sind ganz große Instrumente der Entmenschlichung […] Allen, die auf der Flucht sind, wird irgendwann unwahrscheinlich wichtig, ihre Individualität wieder aufzubauen. Ihre Themen sind: Wie kann ich beweisen, dass ich ein Mensch bin? Wie zeigen, dass ich mich um meine Familie kümmern kann? Aber in den Flüchtlingslagern auf der ganzen Welt wird versucht, genau das zu verhindern. Denn Individualität stört, sie ist chaotisch, mühsam und unpraktisch,“ beschreibt Kleinschmidt die Situation der Flüchtlinge in einem Interview des enorm-Magazins.

An anderer Stelle erzählt er ein Beispiel aus Kenia. Dort bekommt eine arme Familie einfach 1000 US-Dollar. Ohne Auflagen. Als er dazu etwas auf Facebook postet, kommt sofort Kritik von ehemaligen UN-Kollegen:

“Da muss man doch aufpassen! Das muss man überwachen! Sie können sich offenbar nicht vorstellen, dass eine Familie über das Geld entscheiden kann, sondern glauben, die Menschen seien zu dumm oder zu gierig. Das zeigt mir, dass diese Kollegen mit einer ziemlichen Arroganz ans Helfen herangehen.“

Ein Mann, der weiß wovon er redet. Ein hochinteressantes Interview, das dem Leser sicherlich einen differenzierteren Blick auch auf die derzeitige Flüchtlingssituation in Deutschland ermöglicht. Das vollständige Interview kann man hier nachlesen...

Quelle: enorm-Magazin

Cover: Econ Verlag

Infos zum im September 2015 erschiene Buch von Kilian Kleinschmidt „Weil es um die Menschen geht“ gibt es in Kürze.

 

 

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