Kunstschnee soll Gletscher der Alpen retten

(Kunst-)Schnee im Hochsommer soll das Abschmelzen der Gletscher verhindern: Am Morteratsch-Gletscher im Schweizer Oberengadin erproben Wissenschaftler eine Methode, dem Eisklotz zwischen Piz Bernina und Piz Palü wieder zu mehr Masse zu verhelfen. Ziel ist, dass das Eis wieder wächst statt abzutauen.

Piz Bernina Foto: Pixabay CC/PublicDiomain/Simon

Vor wenigen Jahren noch, mussten Touristen im Engadin auf der Alpensüdseite der Schweiz vom Haltepunkt "Morteratsch" der Bernina-Bahn nur wenige Minuten auf einem gut passierbaren Weg gehen. Schon standen sie an der Zunge des Morteratsch-Gletschers und erlebten echtes Bergsteiger-Feeling. Die Zeiten sind jedoch vorbei. Heute liegt das Talende des Eises über sechseinhalb Kilometer bergauf. Auch der Morteratsch schmilzt - unaufhaltsam.

 

Mit Kunstschnee dem Klimawandel die Stirn bieten

 

Bislang wenigstens. Das aber soll sich ändern. Die Engadiner engagierten den Meteorologen Hans Oerlemans. Der Professor im holländischen Utrecht soll das Abtauen umkehren. Gemeinsam mit Felix Keller von der Academia Engiadina in Samedan schrieb er eine Studie, die beweisen soll, wie die Schweizer Touristiker dem Klimawandel die Stirn bieten könnten.

 

Berninabahn Foto: Pixabay CC/PublicDomain/hpgruessen

Die Experten wollen probeweise auf einem nur etwa 20 mal 20 Meter großen Kunst-Gletscherchen im Bernina-Massiv ihre Berechnungen in der Realität überprüfen. Dort spielen sie Wettergötter und lassen im Sommer - wann immer es die Witterung erlaubt - Schneekanonen seine weiße Pracht auf den Gletscher sprühen. Der Sommerschnee soll nicht nur weiteres Schmelzen der Gletscherfläche verzögern, es soll sogar den Eispanzer regenerieren und ihn allmählich wieder aufbauen statt schwinden zu lassen.

Unweit dieses Versuchsgletschers wird auf dem als Skigebiet genutzten Diavolezzafirn seit nunmehr sieben Jahren in jedem ausgehenden Winter Schnee zusammengeschoben und unter einer weißen Vliesdecke vor der Sommersonne verborgen. Auch das soll übermäßiges Schmelzen des Eises mindern. Der gebunkerte Schnee dient in der folgenden Saison als Grundlage, auf der zunächst mit Kunst- später mit Naturschnee die Piste präpsriert wird, berichtet planeterde.de über die verzweifelten Rettungsversuche für die Alpengletscher in Zeiten des Klimawandels. "Ich hätte nie gedacht, wie effizient das ist", zitiert das Portal den Eisforscher Felix Keller.

 

Gletscher sollen wieder wachsen

 

Foto: Pixabay CC/PublicDomain/Hans

Es wird höchste Zeit. "Zehn Zentimeter Dicke im Durchschnitt würden ausreichen", sagt Oerlemans über das Projekt. Er stützt sich auf Computermodelle, die er mit den Daten seiner Wetterstation fütterte, die er seit Jahren am Morteratsch betreibt. Aber: Nur drei bis fünf Prozent der Sommertage haben die richtigen Klima-Bedingungen, um überhaupt Schnee im Sommer zu erzeugen. "An diesen Tagen müsste dann Schnee auf Vorrat produziert werden, der an den anderen Tagen wieder wegschmilzt", schildert planeterde.de die Sisyphosaufgabe und zitiert Oerlemans: "Wenn man das effizient macht, kann man mehr Schnee produzieren, als wieder wegschmilzt, und so eine Schneeschicht über den Sommer erhalten."

Der erhoffte Effekt: "Davon würde der Gletscher etwa 50 Meter pro Jahr profitieren, also statt 30 Meter Rückzug, die wir im Moment im Mittel haben, würde er etwa 20 Meter vorstoßen", sagt Felix Keller. Nach 30 oder 40 Jahren hätte der Morteratsch einen von den gut 2,5 Kilometern zurückgewonnen.

Allerdings bleibt dies wohl nur ein "Tropfen auf den heißen Stein". 100 Millionen Schweizer Franken (etwa 88 Mio €) schätzt der Experte, werde die Aktion in den kommenden Jahrzehnten vermutlich allein am Morteratsch verschlingen. Bleibt die VFrage: Wer zahlt das?

Nicht nur das. Das Verfahren braucht zudem Unmengen Wasser. Zum "Glück" liegt 250 Meter über der zu beschneienden Fläche der Pers-Gletscher. Bis 2015 floss er noch mit dem Morteratsch zusammen. Weil auch er sich zurückzog, sammelt sich heute sein Schmelzwasser in einem neuen See. Es müsste zwar mit einem Tunnel angebohrt werden, damit das Wasser auch an seinen Bestimmungsort gelangt, dafür würde das Gefälle zum Morteratsch die Energiekosten des Projekts gering halten kann, schreibt planeterde.de.

Noch freilich verstößt die Retttungsaktion für den Morteratsch auch gegen Umweltgesetze der Schweiz. "Ein solches Vorhaben ist nur dann verantwortbar, wenn im Prinzip die für die Gesellschaft wichtige Funktion des Gletschers, nämlich der Erhalt eines Süßwasserspeichers für die kommende Generationen auf dem Spiel steht", betont Felix Keller.

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