Leihen statt kaufen: Produkte aus Automaten

Zu Anfang war eine radikale Idee: Leihbar will – zunächst in Berlin – Automaten aufstellen, in denen Verbraucher wie in einem Schließfach Gegenstände finden, die sie brauchen, aber deshalb nicht kaufen wollen. Bohrer, Beamer, Staubsauger kann sich dann jede und jeder über eine App oder auf dem interaktiven Bildschirm auswählen und „und gegen eine faire Gebühr leihen“, sagt Michael Conzelmann vom Team des Start-ups im Gespräch mit global°. Kompromisse allerdings mussten die Entwickler eingehen.

 

Team des Leihbar-Start-ups aus Berlin: Andreas Arnold, Jess Keil, Marvin Horstmann, Michael Conzelmann (von links) mit Modell ihrer Leih-Box Foto: leihbar.org

Produkte teilen statt kaufen, so die Idee der Start-up-Gründer, ist nicht nur praktisch (weil der Stauraum entfällt oder die Kaufentscheidung und die Frage der Entsorgung) und sozial (weil Leiher mit anderen Tauschenden in Kontakt kommen) sondern auch ökologisch. Die Vision: Leihbar will nicht nur Produkte verleihen, sondern auch Partnerschaften mit den Produzenten der Gegenstände eingehen. Die sollen ihre Produkte selbst in den Sharing-Boxen einstellen und verleihen und im Falle des Falles sogar reparieren. „Das könnte manches Unternehmen, das auf Massenware, geringe Qualität, Reperaturunfreundlichkeit oder gar geplante Obsoleszenz setzt zum Umdenken bewegen“, schaut Conzelmann in die Zukunft.

Dieser Ansatz war für die Startphase wohl zu weitgehend. Daher macht das Jungunternehmen nun einen schritt nach dem anderen.

 

Ziel für Verbraucher ist Spaß – bloß kein Verzicht und Schuldgefühl

Die Leihbar-Idee will Conzelmann von der Debatte um Nachhaltigkeit trennen: „Nachhaltigkeit klingt nach Verzicht.“ Es gehe auch nicht darum, Konsumenten „Schuld zuzuweisen“. Michael Conzelmann: „Ethischer Konsum heißt das dann. Das Richtige zu tun hat einen fast religiösen Charakter angenommen.“ Er zieht sogar die Parallele zum mittelalterlichen Ablass-Handel, glaubt jedoch, dass „Menschen nicht gern mit ihren Schwächen konfrontiert werden: Verzicht und Schuld sind Gefühle, die zu einmaligen Spenden motivieren, aber nicht für eine dauerhafte Verhaltensänderung geeignet sind.“

Sein Konzept: Wir sprechen „lieber von Zukunftsfähigkeit.“ Die will Michael Conzelmann „nicht über gute Argumente“ erreichen. Er nennt das Beispiel Carsharing: „Auch vor 10 oder 20 Jahren war es wirtschaftlich und ökologisch nicht sinnvoll, ein eigenes Auto zu besitzen. Erst als ein US-Anbieter mit dem Slogan 300 Stunden Sex, 400 Stunden Parkplatzsuche warb, klappte es. Carsharing war einfach zu kompliziert und nicht sexy genug.

Heute funktioniert Carsharing nach Schwarm-Intelligenz: einstiegen, losfahren und das Auto irgendwo wieder parken. „Das ist der eigentliche Trick“, sagt Michael Conzelmann. Man könne es noch immer über Argumente verkaufen, stattdessen adressierten die Betreiber Sehnsüchte des Nutzers. „Sie betonen, wie sein Leben durch Carsharing bereichert werden kann“. Conzelmann ist überzeugt: „Das ist ein Bruch mit der grünen Idee, man müsse den Verstand ansprechen. Wenn das Herz nicht angesprochen wird, wenn man keine positiven Gefühle damit verknüpft, wenn man keine Geschichte erzählt, die besser ist als die alte, wird es nicht funktionieren.“

 

Freiheit vom belastenden Besitz: die Zeit sinnvoller Nutzen

Michael Conzelmann

Conzelmann: „Befreie Dich von belastendem Besitz und mache etwas Besseres mit Deiner Zeit.“ Immer mehr Menschen sehnten sich nach diesem Gefühl. Schon war das Leihbar-Konzept geboren: „Wir bringen hochwertige Geräte, deren Benutzung Spaß macht, wir vereinfachen mit unseren Leihautomaten den Zugang radikal. Wir bringen gute Dinge zu den Nutzern. Unser Anspruch nur ökologisch, wirtschaftlich und sozial zukunftsfähige Unternehmen zu listen, ist völlig nebensächlich, wenn die Erfahrung des Leihens sich nicht gut anfühlt, wenn das Richtige nicht zugleich begehrenswert ist.“

Natürlich sei das auch ein Bruch mit der Idee, die Verbraucher aufzuklären und zu besserem Konsum anzuleiten. Das nämlich sei nicht zielführend, sind sich Conzelmann und sein Team inzwischen einig. „Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen das Richtige tun, weil es das Einfachste ist“, bekennt er: Wichtig sei, dass es zukunftsfähige Unternehmen gäbe, „die einem ein Stück Seelenfrieden zurückgeben, weil sie eine in der Wissensgesellschaft immer wichtigere Dienstleistung bieten: Komplexitätsreduktion.“

 

Kompromiss und Crowdfunding

Das Team musste erkennen: „Wir mussten Kompromisse schließen.“ Gedacht hatten sie sich das anders: „Wir wollten es gleich von Anfang an richtig machen.“ Partnerunternehmen finden, die ihre Produkte zur Verfügung stellen, um sie an die Nutzer zu verliehen. Durch die Beteiligung der Hersteller an den Nutzungsgebühren sollten diese einen Anreiz haben, langlebige Geräte herzustellen, diese auf Reparierbarkeit hin zu designen. Conzelmann: „Wir wollten Gatekeeper sein, der sozial und ökologisch zukunftsfähige Unternehmen identifiziert, die Nachfrage bündeln und den Markt verändern.“

Es kam anders. „Wir müssen erst einmal beweisen, dass unsere Idee funktioniert, dass die Nutzer bereit sind, Geld für das Leihen zu bezahlen.“ Und Leihen statt kaufen ist als Geschäftsidee noch zu neu. Für Unternehmen stellt sie nur einen Bruchteil des Verkaufsumsatzes dar.“

Also: Neu denken. „Wir mussten erkennen, dass wir nur einen Bruch mit dem Business as Usual auf einmal wagen können: Nutzen statt Besitzen. Und später dann die Kreislaufwirtschaft. Ein Schritt nach dem anderen.“

Jetzt sucht das Team seine Idee mit Crowdfundig umzusetzen. „Wir bieten zahlreiche Dienstleistungen, die unseren Nutzern das Leben einfacher machen: Nutzen statt Besitzen, Komplexitätsreduktion, Seelenfrieden. Also liegt es nahe, unsere Nutzer so früh wie möglich an der Finanzierung zu beteiligen.“

Auch da hatten die Berliner ihren eigenen Ansatz: „Wir setzen auf Presumption: Unsere Nutzer erwerben eine Dienstleistung, bevor diese existiert.“ Heißt: „Wir bieten Interessierten auf unserer Website die Möglichkeit, uns Ihr Postleitzahl und besser noch Straße mitzuteilen. Dadurch wissen wir, wo die Nachfrage am höchsten ist. Dann suchen wir in diesen Kiezen nach geeigneten Standorten. Diese lassen wir im Crowdfunding gegeneinander antreten. Die User erwerben Startguthaben für unseren Service, die Location mit der höchsten Fundingsumme erhält eine Sharing-Box. So können wir im besten Fall die Hardware und die Geräte komplett vorfinanzieren.“

 

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