Tomaten und Lebensentwürfe

Mit Wwoof auf einem japanischen Bauernhof. Die Sonne brennt vom Himmel. Es riecht nach Tomaten. Nach frischen, saftigen riecht es auch, aber vor allem nach denen, die in der japanischen Spätsommerhitze verfault sind. Ich pflücke Tomaten und lege sie in einen blauen Plastikkorb. Wenn er voll ist, leere ich ihn in einen noch größeren Behälter – die Früchte mit Dellen oder Sonnenschäden kommen in eine Extrakiste – aus ihnen wird Tomatensaft gemacht. Immer wenn wir 20 Kilogramm Tomaten zusammen haben, hieve ich mit Julia, einer Buchhalterin aus Hongkong und Fibi, einer Japanologiestudentin aus Taiwan die Kisten von der Waage auf einen Stapel. Die Knie und der Rücken tun mir weh, denn die Tomaten wachsen nicht an Stangen nach oben sondern auf kleinen Erdwällen, die mit schwarzer Plastikfolie bedeckt sind. Wir müssen uns bücken oder hinknien um sie zu pflücken. In den letzten Tagen sind viele reif geworden – bis ich mit einer Reihe fertig bin muss ich mehrmals den Korb zur Kiste auf der Waage tragen. Endlich schallt die erlösende Mittagsmelodie – der japanische Ersatz für Kirchenglocken – über die Felder. Wir gehen zu Akio und Terumi ins Haus, um Mittag zu essen.

 

Foto: Friederike Meier

Austausch zwischen Reisenden und Bauern

 

Die beiden bauen seit ungefähr 15 Jahren Bio- Gemüse und Obst an, vor allem Äpfel, japanische Nashi-Birnen, Pfirsiche, Tomaten, Karotten und Zwiebeln. Für den Eigenbedarf haben sie zusätzlich ein Reisfeld, eine Menge verschiedenes Gemüse und Hühner. Nur Tofu und Milch müssen sie dazu kaufen. Am meisten Geld verdient die Familie mit dem Obst, denn gutes Bio-Obst lassen sich die menschen in Japan etwas kosten: Für eine Kiste mit drei Kilogramm Pfirsichen zahlen die Abonnenten umgerechnet 24 Euro.

 

Pfirsiche fertig zum Verschicken Foto: Friederike Meier

Terumi betreibt den Internetshop, in dem die Kunden ihre Obst- oder Gemüsekisten bestellen können. Auch Apfel- und Karottensaft und Pfirsichmarmelade sind im Angebot. Terumi und Akio können mit dem Verkauf ihrer Produkte, vor allem über das Internet, ihre fünfköpfige Familie ernähren und zusätzlich noch bis zu fünf Freiwillige, das sind im Moment wir: Julia, Fibi und ich.

Hier, in der Nähe der Stadt Matsumoto in den japanischen Alpen verbringen wir mehrere Wochen damit, gegen Kost und Logis Äpfel und Tomaten zu ernten, Unkraut zu jäten und für alle zu kochen. Die Organisation, die dahintersteht heißt wwoof. Ursprünglich in England entstanden, ist sie in vielen Ländern der Welt und in den meisten europäischen Ländern vertreten. Wwoof steht für World Wide Opportunities on Organic Farms. Das heißt übersetzt etwa „weltweite Chancen auf Bio-Bauernhöfen“ und beschreibt schon sehr gut, was wwoof bietet: Freiwillige und Höfe, die Hilfe von Freiwilligen suchen, finden über eine Internetplattform zueinander.

Dabei ist der direkte Austausch zentral: Der Freiwillige, auch wwoofer genannt, bringt Arbeitskraft und neue Ideen mit. Der Bauer oder auch „Host“ bietet Reisenden einen Einblick in die Kultur des Landes fernab von Hotels und ausgetretenen Touristenpfaden. Wwoofer ernten regionale Früchte, essen regionale Spezialitäten und lernen, wenn sie wollen, viel über ökologische Anbaumethoden.

Gemeinsames Essen spielt eine wichtige Rolle beim Wwoofen Foto: Friederike Meier

 

Begegnungen und Gespräche

 

Vor allem treffe ich beim Wwoofen aber Menschen, die herausfinden wollen, wie sie einmal leben wollen. Menschen, die ihre Träume noch suchen, treffen auf Menschen, die ihre Träume schon verwirklicht haben oder gerade dabei sind.

Akio zum Beispiel beschloss, einen eigenen Hof zu gründen nachdem er jahrelang bei Milchviehbetrieben gejobbt hatte. Zusammen mit seiner Frau Terumi pachtete er ein wenig Land und fing an. Die ersten Jahre waren schwer, es gab viele Rückschläge, aber die beiden hielten durch. Wwoofer waren fast von Anfang an Teil der Gemeinschaft, zu der auch noch mehrere Angestellte gehören. Einer von ihnen ist Hide-san. Auf die Frage, ob der die Arbeit im Obstbau mag, antwortet er: „Naja, es ist zumindest nicht so, dass ich sie nicht mögen würde.“ Aber eigentlich lebt er dafür, Bilderbücher zu illustrieren. Das jüngste Buch, an dem er mitgearbeitet hat, beschreibt ein Jahr im Leben eines Obstbauern. Vom Kampf gegen späte Fröste, über die Blüten im Frühjahr bis zur Ernte erzählt es Kindern davon, wie mühsam aber auch schön es ist, Äpfel, Birnen und Pfirsiche anzubauen.

Der Gemüsegarten der Familie Foto: Friederike Meier

 

Zeit zum Nachdenken

 

Erika, eine Zahntechnikern, hat ihr bisheriges Leben hinter sich gelassen. Ihren sicheren Job hat sie gekündigt, um zu lernen wie man Lebensmittel anbaut. Später will sie ihr eigenes Gemüse ziehen, um sich ein Stück weit selbst versorgen zu können.

In ihrem alten Leben hatte sie oft das Gefühl, dass etwas fehlt. Julia, die Hongkonger Buchhalterin will nicht mehr in großen Städten leben, sondern auf dem Land. Und Fibi, die Japanologiestudentin aus Taiwan? Will einfach nur Japanisch lernen und so viel wie möglich über dieses Land erfahren.

Ich treffe auf Menschen aus Asien, Europa und Amerika. Auf Studenten, die die Welt bereisen, lerne engagierte Künstler und bodenständige Landwirte kennen. Und beim Tomatenernten habe ich Zeit, über all die inspirierenden Gespräche in Ruhe nachzudenken.

Die Lebensgeschichte von Akio zu hören hat mir Mut gemacht: Er hat beschlossen, Obst und Gemüse anzubauen und es einfach getan. Er hat unwissend angefangen und aus Fehlern gelernt. Ich beschließe, mir das für die Zukunft zu merken und lege die nächste rote Tomate in meinen Korb.

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