Willkommen im gelobten Land

Das Wort „Qualitätsjournalismus“ macht vor allem in den Medien immer wieder die Runde. Viele beanspruchen ihn für sich, aber in einer Zeit des schnellen Bildes und der schnellen Meldung findet man ihn heute immer seltener. Doch der Zeit-Beitrag „Im gelobten Land“ von Amrai Coen und Henning Sussebach ist einer davon. Er erzählt „Geschichten aus Deutschlands Lampedusa“ - Passau, von Osten her kommend, der erste große Verkehrsknotenpunkt im Westen und das erste erreichbare Stück Deutschland.

Screenshot: zeit.de

Täglich kommen hier hunderte neuer Flüchtling an, vorwiegend aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Zwischen Januar und Juni waren es fast 15.000 Menschen, soviel wie nirgendwo sonst in Deutschland. Der Beitrag erzählt von einer irakischen Familie, ausgesetzt auf der Autobahn kurz hinter der Grenze, von Polizisten im ständigen Kampf gegen Schleuser und von Kriegsopfern, die durch eine bayerische Idylle irren.

„Wer frühmorgens zwischen vier und sechs über die Landstraßen um Passau fährt, begegnet in der Dämmerung Prozessionen von Flüchtlingen, erblickt archaische Bilder. Es ist, als habe jemand zwei Motive zu einem zusammengeschnitten: Frauen mit Kopftüchern tragen ihre Babys durch sattgrüne Milchtütenlandschaft, Familien streifen durch Kornfelder, Kinder schlafen unter Bäumen und an Bushaltestellen. Wer ihnen nach Passau folgt, trifft dort auf Beamte, Bauern, Ärzte, Lehrer, Dolmetscher, Staatsanwälte und einen Bürgermeister, die alle um Worte ringen für einen Epochenwandel, der jetzt auch ihr Leben erfasst. Und die stellvertretend für ganz Deutschland nach Antworten auf Fragen suchen, die sich plötzlich stellen: Wie viel Wohlwollen muss eine wohlhabende Gesellschaft aufbringen? Wie viel Entgegenkommen gegenüber jenen, die ihrerseits Tausende Kilometer zurückgelegt haben?“

Berichtet wird über Einzelschicksale und eine große Hilfsbereitschaft, aber auch von Problemen, Ängsten und Bedenken die ein solcher Wandel des alltäglichen Lebens für die Einwohner und Behörden mit sich bringt.

„In der Stadt hat niemand Zeit, in der Theorie darüber zu sinnieren. Passau ist ein Praxislabor für Flüchtlingspolitik. Es passiert so viel so schnell, täglich ändert sich die Lage, stündlich kommen neue Menschen. Das macht es allen schwer, den Überblick zu behalten. Und doch: Im Lauf dieser Recherche werden sich nicht bloß Bilder der Besorgnis und Bedrängnis finden, sondern viele Gründe, stolz auf dieses Land zu sein. Anders stolz als Rechtsextreme.“

Wenn Sie jetzt sich vielleicht die Frage stellen, warum sie davon bisher noch nichts oder nicht viel in den Medien erfahren haben, dann weil der Oberbürgermeister noch in keiner Talkshow zu Gast war, es noch nicht in die Schlagzeilen geschafft hat. Auf die Frage, warum er keine PR für sich und seine Stadt mache, antwortet Duppner nach kurzem nachdenken: "Anders als andere habe ich für Kampagnen gerade keine Zeit."

Ich hoffe, die Zitate reichen aus, Ihr Interesse an diesem Bericht zu wecken. Er ist zwar 5 Seiten lang, aber weder polemisch noch einseitig, es gibt Zweifel, aber auch Zuversicht. Er ist vor Ort recherchiert und versucht so objektiv wie möglich die vielschichtigen Aspekte eines solchen „Epochenwandels“ zu beleuchten. Mich jedenfalls hat der Beitrag tief berührt und mir Hochachtung abverlangt für das, was dort von allen Beteiligten rund um die Uhr geleistet wird.

„Und was wird, wenn die vielen nur wenige sind, verglichen mit denen, die noch kommen?“

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