Natur als Farb- und Zauberkasten

Auf dem Küchentisch stehen Farbtöpfchen, die aussehen wie Salsa-Dips. Getrocknete Blüten und Blätter hängen vorm Fenster. Andere werden in Gläsern, Dosen oder Säckchen aufbewahrt. Das Haus von Künstler Peter Reichenbach in Essen ist die Keimzelle von Sevengardens, einem Netzwerk, dem sich mehrere hundert Menschen weltweit angeschlossen haben.

Das Projekt Sevengardens will ein jahrtausendealtes Kulturgut erhalten: die traditionelle Farbherstellung aus Pflanzen. Dafür legen sie Färbergärten an. Jetzt wird das Netzwerk als offizielles Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt in Dinslaken ausgezeichnet.

„Mit seinen Aktionen rund um die Färbergärten öffnet das Netzwerk Kindern und Erwachsenen einen ganz anderen Blick auf den Nutzen von Pflanzen“, sagt Angela Krumme, Mitarbeiterin der UN-Dekade Biologische Vielfalt. Über das Internet tauschen Mitglieder Pflanzensamen und Rezepte oder verkaufen handgemachte Produkte – von Grönland bis nach Südafrika, von Russland bis in die Vereinigten Staaten. Sevengardens organisiert Bildungsprojekte, Schulpartnerschaften, Kulturaustausch und Ausstellungen. Auch wissenschaftlichen Fragen gehen einzelne Gruppen nach.

Das neueste Vorhaben: In Dinslaken, am Niederrhein, wird derzeit ein Färbergarten in den Stadtpark des Bauprojektes Quartier Lohberg integriert. Hier sollen Pflanzen wie Mispeln, Schlehen oder Alant wachsen.

Zukünftige StadtteilbewohnerInnen können mit selbst hergestellten Farben die Wände ihrer Räume gestalten. Peter Reichenbach gibt Kurse dazu.

„In der Kunstszene spielt Nachhaltigkeit leider immer noch eine absolut untergeordnete Rolle“, hat er festgestellt. In den 1990er Jahren wollte er auf Acrylfarben und chemische Pigmente verzichten und machte sich auf die Suche nach hochwertigen biologischen Farben. Fündig wurde er nicht.

Durch den Kontakt zu PädagogInnen entstand die Idee, in einem Schulgarten Pflanzen anzubauen, um damit Naturfarben herzustellen. „Ich ging mit den SchülerInnen einen Handel ein: Sie pflegten die Pflanzen und ich zeigte ihnen, was man daraus machen kann. Farbrohstoffe gegen Kunstunterricht.“

Viele SchülerInnen seien fasziniert davon, welche Farbtöne man beispielsweise aus einem Apfelbaum herstellen könne. „Durch Früchte, Rinde, Blätter, Kerne, Wurzeln sind über 20 verschiedene Farben möglich. Für die SchülerInnen hat das etwas von Zauberei, Chemie- und Kunstunterricht zusammen.“

Auch andere Produkte wie Kosmetika lassen sich aus Pflanzen wie Rotkohl oder Sanddorn herstellen.

Reichenbach: „Bei Sevengardens kann jeder mitmachen: Egal, ob er nur eine Pflanze in einem Topf auf der Fensterbank pflegt oder einen großen Garten anlegen möchte. Im Mittelpunkt sollte nur stehen, dass er mit der Pflanze Farben oder andere kreative Dinge herstellen will.“ Wer sich stärker engagieren will, kann eine Rolle als „Dialoger“ übernehmen und wird umfangreicher geschult. StudentInnen, RentnerInnen, HobbygärtnerInnen, PädagogInnen oder KünstlerInnen engagieren sich. Reichenbach: „Wir wollen ökologische und gesellschaftliche Zusammenhänge anschaulich vermitteln, indem wir zum Nachahmen anregen und Geschichten erzählen.“

Über Färberpflanzen und Färbergärten gibt es wenig Informationsmaterial, hat Reichenbach mit seinen SchülernInnen feststellen müssen. „Als wir vor einigen Jahren zu dem Thema im Internet recherchierten, stießen wir auf rund hundert verschiedene Pflanzen. Durchforstet man aber historische Bücher, kommen 1.200 Färberpflanzen zusammen.“

Reichenbach erweiterte seine Schulprojekte mit dem Verein Atavus durch passende pädagogische Angebote: Mit LehrerInnen und SchülernInnen geht er in Volks- und Naturkundemuseen. „Es ist doch hochspannend, wie Urvölker ihre Kriegsbemalung so bunt hingekriegt haben!“ In den Museen schwärmen die Kinder aus und notieren alle Farben von Kleidung oder Schmuck, die vor 1735 entstanden sind. "Das war das Jahr, in dem die Farbherstellung industrialisiert wurde, weil durch die Entdeckung des Teerstoffes Anilin Farben künstlich hergestellt werden konnten", erklärt Reichenbach.

Angela Krumme: „Die Aktionen von Sevengardens vermitteln über die Kunst gleich mehrere wichtige gesellschaftliche Themen. Im Mittelpunkt steht der Wert biologischer Vielfalt – unabhängig von der Nahrungsmittelproduktion. Alte Sorten und seltene Arten werden erhalten. Nebenbei arbeiten Teilnehmer in Teams zusammen und erfahren mehr über Kultur, Kreativität und Wirtschaftlichkeit.“

Aus dem Bundesumweltministerium kommt Lob von der Parlamentarischen Staatssekretärin Ursula Heinen-Esser: „Die Natur braucht Menschen, die sich nicht bequem zurücklehnen und sich darauf verlassen, dass andere die Arbeit machen. Die Erhaltung der Artenvielfalt ist auf Menschen angewiesen, die selbst anpacken und die verstanden haben, dass wir alle Verantwortung für die Schöpfung tragen. Meinen Dank und meinen Glückwunsch für diejenigen, die heute für ihr Dekade-Projekt ausgezeichnet wurden.“

 


10.12.2012 16:22
Geschäftsstelle UN-Dekade Biologische Vielfalt (Zentrum für Umweltkommunikation)

Dr. Ute Magiera

Projektleiterin

Geschäftsstelle UN-Dekade Biologische Vielfalt

Zentrum für Umweltkommunikation

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