Kleinschmidt: "Weil es um die Menschen geht"

Kilian Kleinschmidt, Jahrgang 1962, wollte nach seinem Abi in die weite Welt, blieb aber zunächst als Ziegenkäsebauer und Dachdecker in den Pyrenäen hängen. Ein Motorradtrip durch die Wüste brachte ihn 1988 dann nach Mali, wo er Entwicklungshelfer kennen lernte und seine neue Passion fand. Für die UNO und das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) war er von da an 25 Jahre an den Brennpunkten der Welt, ob im Sudan, im Kongo, in Somalia, in Pakistan oder in Sri Lanka im Einsatz, oft riskierte er für Flüchtlinge sein Leben. In seiner Autobiografie erzählt er von seinen Missionen und von seiner Besessenheit, Menschenleben zu retten und die Lage der Flüchtlinge zu verbessern. Zuletzt leitete er das weltweit zweitgrößte Flüchtlingslager Zaatari an der syrisch-jordanischen Grenze.

Beeindruckend sind die Schilderungen seiner Erlebnisse in den Krisengebieten und in der Gemeinschaft internationaler Hilfsorganisationen. Seinen Drang, die im gestellten Aufgaben im Sinne der betroffenen Menschen best möglich zu erfüllen und da wo notwendig auch nicht vorher abgestimmte Entscheidungen zu treffen, brachte ihm schnell den Ruf des „Feuerwehrmanns“ ein und so wurde er vorrangig dahin geschickt, wo sonst keiner hinwollte. Mit seinen Einschätzungen von den Möglichkeiten und Grenzen der humanitären Hilfe und politischer Entscheidungen bringt er den Leser sehr nahe an die Geschehnisse heran. Viele Zusammenhänge werden durch seine Erlebnisse viel klarer, als das etwa in den medialen Berichterstattungen rüberkommt.

Kleinschmidt beschreibt, mit welchen logistischen und sicherheitstechnischen Problemen er zu kämpfen hatte. Er zeigt, dass Geld und Hilfsbereitschaft allzu oft an den Bedürfnissen der Flüchtlinge vorbeigehen. Und er legt offen, dass Helfer auch mit Kriminellen kooperieren müssen, teils aus humanitären Gründen, aber auch, um überhaupt Zugang zu den Flüchtlingen zu erhalten.


Flüchtlingslager Zaatari 2013 Foto: Foreign and Commonwealth Office / flickr (CC BY-ND 2.0)

 

Als er im März 2013 in Zaatari ankam, waren rund 110.000 Flüchtlinge dort untergebracht und es herrschte Krieg, Lagerkrieg, Gewalt gegen die Hilfsorganisationen und die Polizei. Obwohl der UNHCR es geschafft hatte, von Anfang an die Grundbedürfnisse zu befriedigen, wurde dennoch permanent demonstriert. Über den Dialog mit den Flüchtlingen fand der Autor mit der Zeit die Gründe für die Unzufriedenheit heraus – es ging in aller erster Linie um die Würde der Menschen. Sie wollten keine Almosen, sondern ihre Menschenwürde wieder zurück haben, für ihre Familien sorgen und ein Stück „Privatheit“ schaffen. Als Kleinschmidt Ende 2014 das Lager verließ, hatte er aus dem Lager eine Stadt erschaffen, in der es Supermärkte und heute etwa 3000 Händler mit einem Monatsumsatz von 15 Millionen Euro gibt. Zaatari ist heute eine der 5 größten Städte Jordaniens.

Aufgrund seiner Erfahrungen weiß Kilian Kleinschmidt, warum Milliarden Menschen auf der Flucht sind und dass sie unter den unwürdigsten Bedingungen leben müssen. Ihm ist klar, dass Menschen, die aufgrund von Armut, Ausbeutung und fehlenden Menschenrechten die Flucht ergreifen. Und dass die „Armen“ heute dank Globalisierung und moderner Kommunikation wissen, wie es bei den „Reichen“ aussieht.

In seinem Resümee schreibt er, dass die traditionelle humanitäre Hilfe ihre Grundaufgabe, Leben zu retten, nicht mehr für alle, die sie benötigen, erfüllen kann. Auch sei sie zu einem gigantischen Geschäft geworden. Amerikanische und europäische Charity-Organisationen kämpften nur noch um ihre Marktanteile. Manche Krisengebiet lassen besser, andere schlechter verkaufen. Der Mensch und seine Würde werde selten in den Mittelpunkt gestellt, stattdessen werde die Not als Ware verkauft. Weil das Hilfsbusiness heute nicht mehr funktioniert, sei es notwendig den Ansatz zu ändern.

Und der sieht für den Autor so aus:

„Die Kapazitäten in den Menschen selbst zu erkennen, zu fördern und zu nutzen. Diejenigen, die in Not sind, sollten nicht mehr als passive Opfer betrachtet werden, sondern als die, die etwas wollen und auch können. Wir müssen den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Es ist nebensächlich, ob er durch Krieg, Klimawechsel, ein Erdbeben oder aus anderen Gründen ungenügend Wasser, Ernährung, Unterkunft oder keine Arbeit hat. Da ist Kategorisierung der Menschen unsinnig! Es sind Menschen, die aus verschiedenen Gründen stark gemacht werden müssen – und es ist eigentlich erst einmal egal, wo und warum.“

Kleinschmidt hat sich nach Zaatari selbständig gemacht und die Organisation „Innovation and Planning Agency“ gegründet. Sie hat das Ziel, die ungenutzten Ressourcen und modernen Technologien des 21. Jahrhunderts für die Armen der Welt nutzbar zu machen. Fokus seiner Arbeit ist dabei Teambuilding und Leadership in Krisensituationen. Seit 2015 ist der erfahrene Krisenhelfer und Verhandlungsexperte Berater der österreichischen Regierung in Flüchtlingsfragen.

Für alle, die mehr über das Thema Flüchtlinge im 21. Jahrhundert wissen wollen, gehört dieses sehr empfehlenswerte Buch zur Pflichtlektüre.

 

Kilian Kleinschmidt

Weil es um die Menschen geht

Als Krisenhelfer an den Brennpunkten der Welt

Econ Verlag

ISBN-13 9783430201803

352 Seiten

19,99 €

 

"Selbstverbrennung“ oder die fatale Dreiecksbeziehung

Cover: C. Bertelsmann Verlag

Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff heißt das neue Buch des renommierten Klimaexperten Prof. Hans Joachim Schellnhuber. Und es ist ein ungewöhnliches Buch, nicht popularwissenschaftlich, mehr eine persönliche Bestandsaufnahme. Der Autor beginnt mit seiner Kindheit und seinen Reisen, die Entwicklung der Klimaforschung und Klimapolitik und endet in Gedanken über eine notwendige politische und ökonomische Wende. „Selbstverbrennung“ ist ein kurzweiliges Buch, trotz seiner mehr als 700 Seiten und ein alarmierender Hinweis auf die selbstzerstörerischen Folgen einer ungebremsten Erderwärmung.

 

Nach derzeitigem Stand der Wissensschaft spricht viel dafür, dass das ursprünglich von der Weltgemeinschaft angepeilte Ziel der Begrenzung des Temperaturanstiegs auf nur 2 Grad Celsius längst passé ist und wir uns auf eine Erwärmung von 3 bis 4 Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts zu bewegen. „Um jedes Zehntelgrad zu kämpfen" lohne sich, davon ist der Klimaforscher und Politikberater mit internationaler Reputation überzeugt. Schellnhuber verbirgt dabei keineswegs, dass vieles in der Klimaforschung noch höchst unklar ist: "Absolute Gewissheit wird allerdings erst dann herrschen, wenn es zu spät sein wird."

 

In seinem Buch , das durchaus eine Art Lebenswerk ist, ergreift der Wissenschaftler Partei für ein „Weltbürgerbewegung“ der Nachhaltigkeit. Er gibt seine wissenschaftliche Neutralität bewußt auf und setzt auf die Klugheit derer, die besorgt sind und etwas ändern wollen.

 

„Wenn die Bürgerin, der Student, die Konsumentin begreifen, dass die vertikale Komplizenschaft der Verantwortungsverweigerung, wo Volk und Regierung lediglich aufeinander deuten und verweisen, in die Katastrophe führen muss, dann muss die Bürgerin, der Student, die Konsumentin eben selbst Verantwortung übernehmen […] In dieser horizontalen Verantwortungsarchitektur wird Klimaschutz zur Weltbürgerbewegung auf der Grundlage eines kosmopolitischen Gesellschaftsvertrags für das 21. Jahrhundert. Das ist die letzte, aber auch stärkste Hoffnung, die uns bleibt. Wir müssen uns die moralische Verantwortung für die Klimazukunft selbst zumuten, weil die Politik diese uns partout ersparen möchte!“ (Kapitel 28 „Klimaschutz und Weltbürgerbewegung“)

 

Die Deutsche Umweltstiftung hat das Buch zum „Umweltbuch des Monats Dezember 2015“ gewählt.

„Selbstverbrennung“ von Hans Joachim Schellnhuber - ist ein flammender Appell für die Rettung unseres Planeten vor dem klimatischen Kollaps. Noch ist es nicht zu spät, können und müssen wir den massenhaften Treibhausgasausstoß stoppen, denn unser Wahn vom ständigen Wirtschaftswachstum gefährdet unsere Lebensgrundlagen. Niemand kann später sagen, er hätte es nicht gewusst.  (Jörg Sommer, Deutsche Umweltstiftung)

 

Hans Joachim Schellnhuber

Selbstverbrennung

Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff

C. Bertelsmann Verlag

ISBN: 978-3-570-10262-6

784 Seiten

29,99 €

 

 

 

Geschichte unserer Umwelt

Cover: Primus Verlag

Sechzig Reisen durch die Zeit

 

Schon seit frühester Zeit hat der Mensch seine Umwelt beeinflusst und geformt. Anhand von 60 Beispielen erzählen Verena Winiwarter und Hans-Rudolf Bork in diesem reich illustrierten Text-Bildband von den ersten Eingriffen in die Natur bis hin zu Atomkraftwerken. Sie erläutern die Beweggründe des Menschen und zeigen ihre Folgen für die Natur.

 

Das Buch "Geschichte unserer Umwelt. Sechzig Reisen durch die Zeit." von Verena Winiwarter und Hans-Rudolf Bork ist Umweltbuch des Jahres 2015.

 

Jörg Sommer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Umweltstiftung, begründete die diesjährige Wahl der Preisträger:

„Die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur sind vielfältig, unsere Eingriffe in die fragilen Ökosysteme ziehen meist eine Reihe von unabsehbaren Folgen nach sich. Aber auch die Umweltbedingungen haben die Entwicklung und Lebensbedingungen der Menschen beeinflusst, haben Epochen der Menschheitsgeschichte geprägt. Diese sich verändernden komplexen Systeme haben die Autoren in einzigartiger Weise dargestellt und gleichzeitig die historischen Dimensionen als spannende Zeitreise konzipiert. Ein starker Impuls, ein wertvolles Nachschlagewerk und eine Anleitung zu künftigen Handeln.“

 

Verena Winiwarter und Hans-Rudolf Bork

Geschichte unserer Umwelt

Primus Verlag

ISBN: 9783863120696

191 Seiten

Illustrationen: 149 Illustrationen, farbig;63 Illustrationen, schwarz-weiß

39,95 €

 

Die Macht des Guten

Cover: O.W. Barth Verlag

Zu seinem 80. Geburtstagbeschenkt der Dalai Lama die Welt mit einem besonderen Präsent. Sein guter Freund Daniel Goleman begleitet den tibetischen Mönch seit vielen Jahren nicht nur auf dessen Wegen im Exil. Der brillante Wissenschaftsjournalist (New York Times) trifft das spirituelle Oberhaupt der Buddhisten bei Konferenzen rund um den Globus, bei Empfängen oder Seminaren. Coleman gilt als profunder Kenner der Visionen des einstigen auch politisch Verantwortlichen in Tibet. Sein Porträt des 14. Dalai Lama schenkt den Lesern daher zweimal wichtige Erkenntnisse: Es gibt intime Einblicke in das Innenleben eines sich um die Welt und vor allem um uns Menschen sorgenden Geists. Die Texte lassen uns den Menschen Tenzin Gyatso entdecken: den unaufhörlich Wissbegierigen, den uneingeschränkt Mitfühlenden, den Ausgleichenden.

Und sie vermitteln uns die Grundlagen seiner Visionen, die uns helfen können, eine aus den Fugen geratene Welt wieder in die Balance zu bringen. Dabei, so ist der Dalai Lama überzeugt, hilft nur die „Macht des Guten“. Wie wir sie erkennen, sie spüren und vor allem – jede und jeder für sich und so auch für alle – wahrnehmen und einsetzen, beschreibt Coleman gut verständlich und nachvollziehbar.

Vielleicht liegt genau darin das Faszinierende diese Buchs von und über den Dalai Lama: Coleman schafft es, die Philosophie des tibetischen Buddhisten in unsere Worte zu packen. Die verstehen wir und können damit entdecken, welche Kraft in den Gedanken – und im Wesen – des Dalai Lama stecken. Das Buch ist, so der Untertitel, eine Vision für die Menschheit. Es ist viel mehr: das Geschenk des Dalai Lama an uns alle.

 

Gerd Pfitzenmaier

 

 

Daniel Goleman

Die Macht des Guten

Der DALAI LAMA

und seine Vision für die Menschheit

O.W. Bath Verlag

München, 2015

301 Seiten

19,99 €

 

Tisch ist gedeckt. Für alle!

Cover: Droemer Knaur

Kompetent, knackig, kämpferisch:Biobauer Felix zu Löwenstein reiht Argument an Argument, wenn er seine These, dass niemand hungern muss auf dem Planeten, faktenkundig belegt. Wir müssen „nur“ endlich die Verteilung gerecht organisieren, der Spekulation mit Lebensmitteln die Stirn bieten und der industriellen Landwirtschaft und ihrem unhaltbaren Wachstumsversprechen, das auf genveränderte Pflanzen, den Einsatz von Pestiziden und der Schaffung von Monokulturen setzt, Einhalt gebieten.

Selbst dann, erklärt zu Löwenstein, logisch, wenn die Menschheit weiter so rasant wächst, wie bisher, ist „genug für uns alle da“.

Viele seiner Gedanken sind dabei - zumindest für aufmerksame Beobachter und interessierte Engagierte – schon irgendwie bekannt. Die meisten haben wir bereits einmal gehört. Der Agrarwissenschaftler und Funktionär bei Naturland und im Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), dessen Vorstandschef er ist, fasst diese Theorien jedoch zusammen. Er verknüpft, was bislang meist als verstreute Information vorlag.

Er bleibt, trotz aller klaren Positionierung gegen die Agrarindustrie, dabei stets auf einer sachlichen und abwägenden Ebene. Das macht das schmale Büchlein wertvoll. Hier ist kein Eiferer am Werk. Aber ein Überzeugungstäter.

Dabei helfen ihm seine wissenschaftliche Expertise ebenso wie sein eigenes Sozial-Engagement als ehemaliger Mitarbeiter im Entwicklungsdienst.Was Löwenstein erklärt klingt glaubhaft. Er hat es selbst erlebt und schöpft aus einem reichen Fundus guter Argumente. Das macht sein Buch nicht bloß lesenswert. Es ist fast schon Pflichtlektüre für alle, die in der Debatte um Ernährung und Landbau künftig mitreden wollen.

 

Gerd Pfitzenmaier

 

 

Felix zu Löwenstein

Es ist genug da. Für alle.

Wenn wir den Hunger bekämpfen, nicht die Natur

Knaur. München 2015

144 Seiten

12,99 €

 

Grundrecht auf Glück

Cover: Nymphenburger

Zu den faszinierendsten Begegnungen, die ich in den zurückliegenden Jahren erlebte, zählt mein Zusammentreffen mit Ha-Vinh Tho. Es inspirierte mich und öffnete den Horizont für Neues.

Dieser „Wanderer zwischen den Welten“ eint nicht nur als Mensch fernöstliche Tradition mit westlichem Denken, ohne dass dies aufgesetzt oder künstlich wirkt. Was er sagt, regt zum Umdenken an. Zugleich spornt es an, eigene Pläne weiter zu treiben – allein durch sein Vorbild als Pädagoge, dessen Wurzeln in der Anthroposophie gründen und als Zen-Meister begeistert Tho, wie Freunde ihn nennen dürfen, seine Zuhörer. Es schien mir ein Glücksfall, ihn ein Stück auf seinem interessanten Weg begleiten zu dürfen und dabei Einblicke in seine Denk- und Lebensweise zu erhaschen.

Die Gespräche und der Austausch mündeten in einem Buch: Grundrecht auf Glück. Es beschreibt Bhutans Vorbild für ein gelingendes Miteinander und belegt dass die im kleinen Himalaya-Land entwickelte Entwicklungsphilosophie des Bruttonationalglücks keine Utopie, sondern eine Chance für uns alle ist. Gross National Happiness, das ganzheitliche Wertesystem, das auch und gerade ein gesundes Wirtschaften anstrebt – ist machbar. Es wird auch unsere Art zu konsumieren ändern – nachhaltiger und sozialer gestalten -, wenn wir nicht mehr dem Fetisch der Ökonomie huldigen und den Homo oeconomicus wie ein Götzenbild auf dem Sockel anbeten. Dann nämlich zählt vielmehr (auch), „ob die Menschen sich in ihrem Land wohlfühlen, ob sie angstfrei in die Zukunft blicken und ob sie genug Zeit für sich und ihre Familien und ihre Mitmenschen haben“.

Ein anregendes Buch, das – hoffentlich – viele Leser findet, die anschließend Thos Gedanken in Worten und Taten mit Leben erfüllen.

 

Gerd Pfitzenmaier

 

 

 

Dr. Ha Vinh Tho

Grundrecht auf Glück

Bhutans Vorbild für ein gelingendes Miteinander

Nymphenburger, München 2014

208 Seiten

19,99 €

 

fair-handeln! Anstiftungen für zukunftsfähiges Handeln

Foto: Morgengrün Kommunikation

"Umweltbuch des Monats August 2014”

 

Man nehme: ein Schnapsglas mit Löffel, ein Teelicht, einen Schminkspiegel und eine Handvoll Johannisbeeren. Dazu noch ein paar Kleinigkeiten und schon lässt sich ganz einfach eine Farbsolarzelle bauen, mit der mindestens soviel Strom erzeugt werden kann, dass es zum Betreiben eines Taschenrechners reichen sollte. Eine zweite Idee: kaputte Waschmaschine auftreiben, Türglas aus der Fassung entfernen – und in Nullkommanichts zum Besitzer einer großen Salatschüssel werden.

 

Solcherlei kreative und oft verblüffend einfache Ideen stellt Jaana Prüss in ihrem Hand- und Mitmachbuch „Fair-Handeln“ vor. Die Kulturaktivistin und Initiatorin verschiedener kreativer Umwelt-Projekte möchte Menschen dazu „anstiften“, zukunftsfähig zu handeln und liefert hier gleich jede Menge Beispiele mit, wie das funktionieren könnte: Leihen statt Besitzen, Selbermachen statt kaufen, Reparieren, Umwandeln, Aufwerten statt Wegwerfen, Tausch/Share-Ökonomie sowie Wiederverwerten und nachhaltigen Konsum praktizieren. Neben Handlungsanleitungen und Rezepten gibt es Essays verschiedener Autoren.

 

Für eine neue Form der Nachbarschaft, für ein Saatguterntefest zum Erhalt der Saatgutvielfalt, für einen Werteladen – der Kreativität sind in Punkto „Zukunftsfähigkeit“ keine Grenzen gesetzt. Neben vielen Denkanregungen schafft Jaana Prüss auch etwas ganz Entscheidendes: Sie portraitiert die Alltagsfähigkeit der Projekte und Ideen. Es muss nicht immer weltbewegend sein, der Wandel kann auch ganz klein beginnen. Hauptsache er beginnt.

 

Deutsche Umweltstiftung

 

Jana Prüss (Hg.)

“fair-handeln! Anstiftungen für zukunftsfähiges Handeln”

Morgengrün Kommunikation

192 Seiten, 19,90€

ISBN: 978-3000454097

 

 

 

Fukushima 360º

Foto: Neureuter Verlag

"Umweltbuch des Monats Juni 2014”

 

Auch 3 Jahre nach der Katastrophe von Fukushima sind wir in Europa mit dem Atomausstieg noch nicht viel weiter gekommen. Während sich die Langzeitfolgen für die Opfer in Japan langsam bemerkbar machen, sind ihre Geschichten und Schicksale längst aus den Schlagzeilen verschwunden. Aus diesem Grund machte sich Umweltjournalist Alexander Neureuter im Sommer 2013 auf Spurensuche. 1000km, 17 000 Bilder und 87 Gespräche später sind die Ergebnisse in dem eindrucksvollen, bewegenden und fundiert recherchierten Buch „Fukushima 360º“ erschienen.

 

Auf 200 Seiten spannt Neureuter einen Bogen von umfassendem Hintergrundwissen zu bewegenden Einzelschicksalen. Berichte über die technischen und politischen Ursachen des GAUs, eine chronologische Auflistung der Ereignisse, sowie Information zu TEPCO und der Atomlobby bieten auch für Uneingeweihte eine spannende Lektüre. Wirklich herausragend sind allerdings die 44 Reportagen, die die tiefgreifenden Veränderungen im Alltag der Menschen von Fukushima zwischen Hoffnung und Resignation zeigen.

 

Deutsche Umweltstiftung

 

Alexander Neureuter

“Fukushima 360º - Das atomgespaltene Leben der Opfer vom 11. März 2011”

Neureuter Verlag

204 Seiten, 29,80€ (2€ gehen als Spende an die Fukushima Collaborative Clinic)

ISBN: 978-3-00-044733-4

 

BAEDEKER “Deutschland – Erneuerbare Energien erleben”

Foto: Baedecker

Vom Windpark an der See über Energielehrpfade in den Mittelgebirgen bis zum Solar-Wasser-Kraftwerk an der Schweizer Grenze: Erneuerbare Energien lassen sich in allen Teilen Deutschlands erkunden. Der neu aufgelegte, überarbeitete und aktualisierte Baedeker-Reiseführer „Deutschland – Erneuerbare Energien erleben“ von Martin Frey bietet fast 200 Energieziele, verteilt über alle 16 Bundesländer.

 

Der gut bebilderte, mit Infografiken und einem Reiseatlas ausgestattete Band lädt dazu ein, spannende Erneuerbaren-Projekte und lohnende Urlaubsziele aus nächster Nähe kennen zu lernen. Eine fachliche Einführung, Hintergrundinformationen und Detailkarten runden die Darstellung ab. Neben vielen praktischen Tipps für unterwegs erklärt der Reiseführer, wie die unterschiedlichen regenerativen Techniken funktionieren und welchen Beitrag sie zum Klimaschutz leisten. Eine Reise durch die Welt der Erneuerbaren Energien in Deutschland bietet damit auch Ideen für den Alltag und für den Einsatz zu Hause.

 

In elf Specials zu Erneuerbaren Energien in Metropolregionen wie dem Rheinland, Stuttgart oder Dresden wird deutlich: Der Ausbau Erneuerbarer Energien findet nicht nur auf dem Lande statt, sondern auch in Ballungsräumen. In vielen Regionen sind Erneuerbare Energien nicht nur zum Wirtschafts-, sondern auch zum Tourismusfaktor geworden. Zahlreiche Ziele in dem neu aufgelegten Reiseführer liegen in klassischen Urlaubsregionen. Die Erneuerbaren schaffen dort Attraktionen für die Gäste und zusätzliche Einkommensmöglichkeiten für die Bewohner. Neben den Metropolregionen-Specials wurde in der Neuauflage z.B. auch das neue Schwerpunktthema Elektromobilität berücksichtigt.

 

Vom Windpark an der Küste bis zur regenerativ versorgten Wanderhütte in den Alpen – in Deutschland gibt es in Sachen Erneuerbare Energien viel zu entdecken. Der neue Baedeker Deutschland – Erneuerbare Energien erleben verbindet moderne Technik mit spannenden Reise-Erlebnissen, verknüpft Klimaschutz mit Freizeit-Spaß.

 

BAEDEKER “Deutschland – Erneuerbare Energien erleben”

  • Reiseziele: Über 190 Energieziele für Familien & Entdecker
  • Technologien: Der neueste Stand klimafreundlicher Technologien
  • Hintergrund: Einblicke in zahlreiche Aspekte der Energiewende
  • Reiseatlas: Aktuelle Deutschlandkarten mit markierten Reisezielen

 

 

BAEDEKER

“Deutschland – Erneuerbare Energien erleben”

Verlag: MAIRDUMONT

196 Seiten, 16,99€

ISBN: 9783829714952

 

 

 

"Sklaven des Wachstums"

Foto: Campus Verlag

Umweltbuch des Monats April 2014:

"Sklaven des Wachstums"

 

Das Buch "Sklaven des Wachstums" von Reiner Klingholz ist Umweltbuch des Monats April 2014. Mit einer düsteren Zukunftssaussicht beginnt der Demografieexperte Reiner Klingholz sein Buch „Sklaven des Wachstums“. Fiktiv, aber auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhend, zeichnet er ein Bild der Welt im Jahr 2297: Hunger- und Rohstoffkrisen hervorgerufen durch einen nicht enden wollenden Hunger nach Wachstum, der alle natürlichen Ressourcen verschlingt und zu einer drastischen Krise geführt hat.

 

Auf Basis der Annahme, dass Wachstum auf einem endlichen Planeten nicht unendlich sein kann, gibt Reiner Klingholz einen Überblick über die Entwicklungen von Wirtschaftsleistung und Bevölkerungszahlen in verschiedenen Ländern. Die Tendenz ist für ihn klar. Im 21. Jahrhundert beginnt die Zeit des Postwachstums. Eine Zeit, in der die Menschen mit steigendem Wohlstand weniger Kinder in die Welt setzen und das Bevölkerungswachstum abnimmt. Trotzdem erfordert Wohlstand einen erhöhten Energie- und Rohstoffverbrauch, der die Umwelt weiter schädigt. Die schlechten Bedingungen führen zu Ressourcen – und Nahrungsmittelknappheit und verschlechtern weiter das Klima.

 

Der Autor stellt mit seinem Buch infrage, dass es eine Lösung für alle Probleme gibt und sagt voraus, dass das Festhalten am Wachstumsgedanken zu einer Blase führen wird – vermutlich stecken wir schon mittendrin. Nachhaltiges Wachstum hält er für eine Illusion, denn beispielweise eine Umstellung auf regenerative Energien verschlingt Material und Energie. Wenn der Höhepunkt erreicht ist, wird sich das gesamte Wachstum drastisch verlangsamen und die Ära des Postwachstums beginnt. Es stellt sich für ihn nicht die Frage, ob sondern wann es dazu kommt. Trotzdem bleibt den heutigenGenerationen noch ein kleiner Handlungsspielraum, den die Menschen nutzen müssen.

 

Reiner Klingholz räumt auf mit alten wirtschaftswissenschaftlichen Theorien und zeigt auf, dass wir über unsere Verhältnisse leben und noch keine nennenswerten Konzepte für eine gesicherte Existenz in der Zukunft haben. Deshalb plädiert er für die Befreiung aus dem Wachstumsgedanken: Die Akzeptanz des Schrumpfens:

 

„Wir müssen akzeptieren, dass uns keine Revolutionen weiterhelfen, sondern dass nur der evolutionäre Weg der vielen kleinen Schritte zum Ziel führt.“

 

Ein sehr gutes Buch, das fundiert Hintergründe beleuchtet und zum Umdenken auffordert, dabei aber trotz vieler Daten und Belege angenehm leserfreundlich

geschrieben ist.

 

Deutsche Umweltstiftung

 

Reiner Klingholz

Sklaven des Wachstums

Campus Verlag

348 Seiten, 24,99€

ISBN: 978-3593397986

 

 

 

Unverfälschte Küche

Cover: Oekom Verlag

Guten Apetitt: Maultaschen und Spätzle, Weißwurst mit Laugenbrezel, diese typisch schwäbischen und bayerischen Spezialitäten kennt fast jeder in Deutschland. „Labskaus“ und „Soljanka“ aus dem Norden bzw. Osten der Republik hat man vielleicht auch schon einmal gehört oder sogar verspeist. Aber haben Sie schon einmal „Rendflääsch met March“ oder „Brotwoscht met Zwiwwinn“ gekostet? Aus der hessischen Regionalküche sind einem dann doch eher die „Grüne Soße“ oder „Rippchen mit (Sauer-)Kraut“ ein Begriff.

 

Wer allerdings auf seinen Reisen durch die Bundesrepublik anstelle von McDonals's oder asiatischen All-you-can-eat-Buffets neue Gerichte und Geschmacksrichtungen ausprobieren möchte, dem empfiehlt global°, einen Blick in den neuen „Slow Food Genussführer Deutschland 2014“ zu werfen. Sie werden überrascht sein, was Ihre Region beispielsweise an handfester Hausmannskost oder leckeren Süßspeisen zu bieten hat.

 

Carlo Petrini, Begründer und Präsident von Slow Food International, zeigt sich begeistert vom neuen Restaurantführer: „Es ist mir deshalb eine besondere Freude, die erste Ausgabe der deutschen „Genussführers“ begrüßen zu dürfen. Nicht nur, weil ich seit Jahren die kulinarische Tradition Deutschlands schätze und diese Veröffentlichung für meine künftigen Reisen benutzen werde, sondern auch, weil das wahre pulsierende Herz der kulinarischen Identität dieses Landes, das leider oft unterschätzt wird, viel eher in den regionaltypischen Gasthäusern als in der gehobenen Küche zu finden ist.“

 

„Kein Restaurantführer im üblichen Sinne sollte es sein, sondern ein Kompendium, in dem der Gast Antwort auf Fragen erhält: Wie finde ich ein Gasthaus, in dem die regionale Kochkultur gepflegt wird? Wo kommen gute Gerichte aus frischen Grundstoffen im Einklang mit den Jahreszeiten auf den Tisch? Welcher Wirt bietet seinen Gästen unverfälschte Küche zu vernünftigen Preisen und verzichtet auf die Helferchen der Chemie?“, beschreibt Wieland Schnürch in seinem Vorwort die Idee, die hinter dem Genussführer steht.

 

global°-Tipp: Den „Slow Food Genussführer Deutschland 2014“ gibt es auch bei unserem global°-Adventskalender zu gewinnen. Viel Glück und guten Appetit! Jessica Thomsen

 

Slow Food Genussführer Deutschland 2014

herausgegeben von Slow Food Deutschland

oekom verlag

München, 2013

336 Seiten

19,95 €

 

 

 

 

 

„Der Mensch und das Meer“ – eine lehrreiche Liebeserklärung

Cover: DVA

Unsere Meere sind unsere Lebensgrundlage – und es geht ihnen nicht gut. Überfischung, Ozeanversauerung, Plastikzeitalter, Lärm und Umweltgifte – wir Menschen haben die Meere im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten dramatisch verändert, und oftmals ist es uns nicht einmal bewusst. Zu weit entfernt sind die Küsten für uns Binnenmenschen, zu abstrakt, komplex und unbekannt die Vorgänge, die unser Leben stetig beeinflussen.

 

Insofern ist kann Callum Roberts‘ neues Buch „Der Mensch und das Meer“ als lehrreiches Aufklärungswerk gelten. Ausführlich und bei der Entstehung der Erde vor 4,5 Milliarden Jahren beginnend, beschreibt der Meeresbiologe auf sachlich-wissenschaftliche, doch vor allem eindringliche Weise, „warum der größte Lebensraum der Erde in Gefahr ist.“ Und manchem Leser erschließen sich die großen, bislang verborgenen Zusammenhänge: Warum steigende Meeresspiegel für künftige Hungersnöte sorgen könnten und immer leistungsstärkere Deiche nicht die Lösung sind, warum die größte Bedrohung der Fischerei die Fischerei selbst ist und wie es kommt, dass eine wärmere Atmosphäre die großen Meeresströmungen wie den Golfstrom aus dem Takt bringen könnte. Immer wieder aufs Neue beantwortet der Autor, anhand anschaulicher Beispiele und Zahlen, auch dem Laien die Frage: „Was haben die Meere eigentlich mit unserem täglichen Leben zu tun?“

 

Doch vor allem ist das Werk des Wissenschaftlers eine Liebeserklärung an die blauen Fluten unseres Planeten. Wenn Roberts, völlig hingerissen, von den Korallenriffen des Great Barrier Reefs Ende der Achtziger Jahre oder von der Schönheit eines 2,5 Milliarden Jahre alten Stückes Meeresboden schwärmt, schwappt seine Begeisterung unweigerlich auf den Leser über. Ebenso wie die tiefe Erschütterung des Autors angesichts der „entsetzlichen Vorstellung“ von Meeren ohne Lederschildkröten oder Blauhaie, die wir unseren Kindern eines Tages hinterlassen könnten, wenn wir so weitermachen wie bisher.

 

„Wir müssen etwas tun – und zwar jetzt!“, lautet deshalb die zentrale Botschaft des Biologen. Damit richtet er sich nicht nur an den „normalen“ Leser, sondern vor allen Dingen an die Politiker der Welt, die viel mehr ändern könnten, wenn sie nur wollten. Nach Ansicht des Autors müssten nicht weniger als 30 Prozent der Meere streng geschützt und der Rest viel besser bewirtschaftet werden. Doch immer wieder scheitert die Einrichtung von mehr Meeresschutzgebieten daran, dass die wirtschaftlichere Komponente schwerer wiegt als die ökologische. Ohne intakte Ökologie keine nachhaltige Ökonomie – die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis gilt es schleunigst umzusetzen, so Roberts. Bevor unsere Ozeane zu den blauen Wüsten der Erde verkommen – und damit auch uns Menschen mit einer Vielzahl unlösbarer Probleme zurück lassen würden.

 

Callum Roberts ist Meeresbiologe und Professor für Meeresschutz an der University of York in England. Anlässlich des Internationalen Tags der Ozeane am 8. Juni stellte er am 7. Juni in Hamburg sein neues Werk vor. Gleichzeitig wurden auch die wichtigsten Ergebnisse der Konferenz „Sustainable Oceans“ der Lübecker Dräger-Stiftung (3. bis 5. Juni in Cascais, Portugal) vorgestellt.

 

Nicole Sollfrank

 

Callum Roberts

Der Mensch und das Meer

Warum der größte Lebensraum der Erde in Gefahr ist

Deutsche Verlags-Anstalt (DVA)

592 Seiten

24,99 Euro

 

 

 

 

 

 

 

Menschenrecht für Tiere: eine herausfordernde Debatte

Cover: Herder

Aufbruch in eine neue Dimension: Karsten Brensing schreibt über Persönlichkeitsrechte für Tiere. Sein Buch ist eine spannende Sammlung der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse – lehrreich und unterhaltsam zugleich.

 

Der Zündstoff aber steckt in der Vision des Autors: Brensings Text raubt uns Menschen das Alleinstellungsmerkmal im Tierreich. Wer den Autor beim Wort nimmt, erkennt die im Klappentext angekündigte „tiefgreifende Zäsur“: Sie schneidet mitten ins Bewusstsein der Leser. Mit jedem neuen Argument, das der Delfin-Forscher präsentiert, rüttelt er am Sockel, auf dem wir uns über die Tiere erheben. Brensings Forderung nach Persönlichkeitsrechten für Tiere, wirft in der Konsequenz Fragen auf, die klassischen Tier- und Artenschutz weit hinter sich lassen. Sie öffnet ein weites Feld für eine neue ethische Debatte. Sie fordert ein Umdenken. Die Konsequenz aus Brensings Vision verändert unseren Alltag - radikal.

Egal, welche Antwort wir auf seine Fragen geben – schon das Nachdenken über die Position dieses Buchs ist revolutionär. Und daher für global° allemal Grund, darüber eine Debatte zu beginnen.

 

Ich freue mich daher über Ihre Ansichten, liebe global°-Leserinnen und Leser: Wie lange wird es dauern, bis Karsten Brensings Vision der "Menschenrechte für Tiere" Wirklichkeit wird - oder ist der Autor auf dem Holzweg?

 

Gerd Pfitzenmaier

 

Persönlichkeitsrechte für Tiere

 

Karsten Brensing

Persönlichkeitsrechte für Tiere

Die nächste Stufe der moralischen Evolution

Herder Verlag, Freiburg

240 Seiten

17,99 Euro

 

 

 

Bericht aus der Hölle

Zeichnung: Shin Dong-hyuk/DVA

Ein Dokument des Grauens und ein Blick in eine kaum vorstellbar brutale Welt ist Blaine Hardens Buch Flucht aus Lager 14. Es erzählt die Geschichte des Shin Dong-hyuk, der in einem Straflager Nordkoreas geboren ist. Mit seiner ganzen Familie saß er dort in Sippenhaft, musste schuften, hungerte, erlitt Folter und sah die Exekution der Mutter und des Bruders, ehe ihm nach fast 25 Jahren in der Hölle die Flucht gelang.

Schon die Rezension des Buches in Welt-Online lässt dem Leser das Blut in den Adern gefrieren. Was der Ex-Korrespondent der Washington Post über die „Schule der Niedertracht und Grausamkeit“ im fernöstlichen Gulag nach den Erzählungen Shin Dong-hyuks zu Papier bringt, übersteigt unsere Vorstellungskraft – und ist gerade deshalb nicht minder wichtig zu lesen: als Warnung vor dem barbarischen Sadismus solcher Systeme und ihrer Handlanger.

Das Buch ergänzt in gradliniger Folge Alexander Scholzenizyns oder Liao Yiwus literarische Anklagen unmenschlicher Gräuel in Straflagern und Gefängnissen der Sowjetunion und Chinas. Es ist eine Mahnung. Und es muss Argument sein in der Diskussion über ein Zusammenarbeiten mit den Regimen solcher Staaten – auch und vor allem in den Gesprächen über mögliche Wirtschaftskooperationen.

 

Gerd Pfitzenmaier

 

 

Flucht aus Lager 14

Foto: DVA

Blaine Harden

Flucht aus Lager 14

DVA, München

251 S.

19,99 Euro

 

Wider den Rummel am Gipfelkreuz

Foto: Oekom

Karl Stankiewitz

Wie der Zirkus in die Berge kam

Die Alpen zwischen Idylle und Rummelplatz

Oekom Verlag, München

302 S.

22,95 Euro

 

Pflichtlektüre: Digital Demenz

Danke Manfred Spitzer.

Der Hirnforscher liefert in seinem Buch mit dem provokanten Titel Digitale Demenz die starken Argumente, die mein lange aufgestautes Bauchgrummeln wissenschaftlich begründen: Wir bringen „uns und unsere Kinder um den Verstand“, behauptet Spitzer - das Auslagern allzu vieler einst mit Geisteskraft vollbrachten Denkarbeit lässt unser wichtigstes Organ verkümmern, wie einen unbenutzten und deshalb schlappen Muskel. Spitzer: „Digitale Medien machen dick, dumm und aggressiv.“

Schlimmer: Der von mächtigen IT-Unternehmen gestützte Lobbyismus suggeriert, dass es für die nächsten Generationen ein Gewinn sei, bereits im Kindergarten am PC zu lernen. Spitzer widerlegt das. Nahezu alle Studien, die der Mediziner zitiert, betonen das Gegenteil: Der frühe Gebrauch und das sich Verlassen auf gespeichertes und scheinbar weltweit abrufbares Wissen sei ein Trugschuss. Spitzer zeigt: Es ist der Anfang vom geistigen Abstieg!

Und weil der, da wir es nicht mehr anders vermögen, auf nur noch geringer Höhe startet, ist der Weg auf den Boden der traurigen Tatsachen dann eher kurz. Dort aber lauert Morbus Alzheimer auf uns.

Natürlich ist auch Spitzer parteiisch. Das verhehlt er gar nicht. Er geht mit sozialen Netzwerken ebenso hart ins Gericht („junge Menschen wissen immer weniger, wo es langgeht, was sie leisten können und was sie wollen“) wie mit der Mär vom Multitasking (sie „weisen Probleme mit der Kontrolle ihres Geistes auf“) oder dem Mythos der Digital Natives (Digitale Medien können „bei jungen Menschen zu Bildungsverfall“ führen und das soziale Umfeld kann „deutliche Veränderungen und Einschränkungen“ erfahren).

Spitzer verteufelt weder Computer noch leugnet er die Segnungen des Internets. Aber er warnt aus sicht des Gehirnforschers vor den noch völlig unzulänglich erforschten Folgen des frühen und übermäßigen Gebrauchs dieser Werkzeuge. Und er bricht – ganz nebenbei – eine Lanze für eine sozial engagierte Humanbildung. Sein Buch ist auch ein Auftrag an Erzieher und Politiker zu verstehen: Für beide ist es Pflichtlektüre.

 

Gerd Pfitzenmaier

 

Manfred Spitzer

Digitale Demenz

Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen

Droemer

München 2012

368 Seiten

20,60 Euro

 

Flucht aus Lager 14

Zeichnung: Shin Dong-hyuk

Schon die Rezension des Buches in Welt-Online lässt dem Leser das Blut in den Adern gefrieren. Was der Ex-Korrespondent der Washington Post über die „Schule der Niedertracht und Grausamkeit“ im fernöstlichen Gulag nach den Erzählungen Shin Dong-hyuks zu Papier bringt, übersteigt unsere Vorstellungskraft – und ist gerade deshalb nicht minder wichtig zu lesen: als Warnung vor dem barbarischen Sadismus solcher Systeme und ihrer Handlanger.

Das Buch ergänzt in gradliniger Folge Alexander Scholzenizyns oder Liao Yiwus literarische Anklagen unmenschlicher Gräuel in Straflagern und Gefängnissen der Sowjetunion und Chinas. Es ist eine Mahnung. Und es muss Argument sein in der Diskussion über ein Zusammenarbeiten mit den Regimen solcher Staaten – auch und vor allem in den Gesprächen über mögliche Wirtschaftskooperationen.

 

Gerd Pfitzenmaier

 

Blaine Harden

Flucht aus Lager 14

DVA, München

251 S.

19,99 Euro

 

20 Jahre GAIA – noch immer undiszipliniert

Cover: Oekom

Green Economy eine Wirtschaft, die wenig CO2 emittiert, ressourceneffizient ist und sozial gerecht. Die Definition der UNO klingt gut. Die Wirklichkeit sieht häufig anders aus: Westliche Firmen machen Profit mit grünen Technologien, für deren Produktion die Entwicklungsländer Ressourcen ausbeuten - oder für die mehr Energie benötigt wird als für konventionelle Produkte. Politiker verabreichen den Begriff Green Economy als Tranquilizer an Wachstumskritiker. Und die wirtschaftlichen Eliten bestimmen, wer an der Green Economy teilhaben darf und wer nicht.

In der aktuellen Ausgabe von GAIA zeigt Ulrich Brand, dass weltweit viele der entscheidenden politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Weichen so gestellt sind, dass sie global nachhaltige Produktion und nachhaltigen Konsum verhindern. Brands Kritik an der Green Economy geht mit einem der zentralen Themen der Rio-Folgekonferenz „Rio+20“ ins Gericht. Sein Artikel erscheint im Rahmen des GAIA-Schwerpunkts „Rio+20: 20 Jahre nach dem Erdgipfel“, in dem außerdem Miranda A. Schreurs, Daniel Wachter und Beate Jessel zurückblicken und Anforderungen an die Folgekonferenz Rio+20 stellen.

Nicht nur der Rio-Gipfel feiert 20. Geburtstag – auch die Zeitschrift "GAIA-Ökologische Perspektiven für Wissenschaft und Gesellschaft" wurde vor 20 Jahren aus der Taufe gehoben. Die Zeitschrift hat damit ihre Teenagerjahre hinter sich gelassen, schert sich aber noch immer nicht um disziplinäre Grenzen, wenn es darum geht, nach Lösungen für Umwelt- und Nachhaltigkeitsprobleme zu suchen. Die vier GAIA-Jubiläumsausgaben 2012 greifen neben dem Erbe von Rio unter anderem Klassiker umweltpolitischer Debatten auf, die in diesem Jahr ebenfalls runde Geburtstage feiern, etwa Limits to Growth (40 Jahre) oder Silent Spring (50 Jahre).

 

Im April 2012 sind alle Artikel seit der ersten Ausgabe 1992 online kostenlos zu lesen! Die Printversion der Zeitschrift ist im Buchhandel erhältlich.

Ernährungskunde in Bildern

Erstaunliche Einblicke: Im Buch „What I Eat“ von Faith D'Aluisio erlebt der Leser und Betrachter in den fantastischen Bildern von Peter Menzel 80 Porträts über Menschen aus 30 Ländern der Welt. Kameltreiber, Masai-Hirten, deutsche Bäcker, US-Stahlbauer oder japanische Sumo-Ringer: Sie alle zeigen, was Menschen an einem einzigen Tag zum Leben brauchen – und essen.

Ganz en passant sind die Texte und Bilder damit auch ein Lehrbuch über richtiges Essen. Denn wichtig ist, was wir an Input brauchen, damit wir existieren und tun können, was wir müssen. D’Aluisio und Menzel zeigen dies an sehr unterschiedlichen Beispielen: Nicht Nährwerttabellen und Diät-Theorien helfen uns, gesund zu bleiben. Die Porträtierten essen zwischen 800 und fast 13.000 Kalorien, weil sie die zum Meistern ihrer unterschiedlichen Aufgaben und Lebensweisen brauchen – oder damit auskommen müssen.

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