24.04.2017

AKW sind „unterschätze Gefährdungspotentiale“

Nach dem GAU von Tschernobyl 1986 Foto: Pixabay CC/PublicDomain/Amort

AKW stehen in Nord- und in Südkorea, in der Ukraine und in Russland, Indien und Pakistan sowie in Israel: Nuklearexpertinnen und -experten des Öko-Instituts macht das Sorgen. Denn im Zuge der weltweit zunehmenden Spannungen drohen damit nukleare Gefahren.

Im Auftrag der Stiftung Zukunftserbe untersuchten die Wissenschaftler jetzt, wie groß die Bedrohung ist. Sie begründen dies dasmit, dass „über das Gefährdungspotential von nukleartechnischen Anlagen in instabilen Regionen und militärischen Auseinandersetzungen vergleichsweise wenig öffentlich diskutiert“ werde. „Das Risiko, das von einer gestörten kerntechnischen Infrastruktur ausgeht, wird häufig ignoriert“, sagt dazu Matthias Englert vom Ökoinstitut in Darmstadt. Auch scheine davon ausgegangen zu werden, dass es – ähnlich wie beim Einsatz von Nuklearwaffen – eine Art Tabu zu geben scheine, keinen absichtlichen Angriff auf Kernreaktoren durchzuführen. Ere hofft, „dass die aktuelle Studie die Öffentlichkeit gegenüber den Risiken der Kernenergie sensibilisiert und international notwendige Sicherheitsmaßnahmen darauf aufbauen.“

 

Nuklearunfälle reichen weit über Landesgrenzen hinaus

 

Neben möglichen militärischen Angriffen und Sabotageakten auf kerntechnische Anlagen sind von den Konfliktfolgen nach Ansicht der wissenschsaftler „besonders die umfangreiche nukleartechnische Infrastruktur und deren Kontrolle betroffen“. Die Folgen eines Unfalls durch die Verkettung ungünstiger Ereignisse könnten, beschreiben sie in ihrer Studie, „weit über die Landesgrenzen hinausreichen“. Für die Experten ist klar: AKW in Krisenregionen sind „unterschätze Gefährdungspotentiale“.

Ihr Fazit ist deutlich: „Die Verwundbarkeit kerntechnischer Anlagen und ihre Abhängigkeit von einer stabilen Sicherheitsinfrastruktur erfordert eine Strategie, die die Stromerzeugung aus Kernenergie gründlich überdenkt.“

 

Kernenergie braucht institutionelle und materielle Sicherheitsinfrastruktur

 

„Um Kernenergie nutzen zu können, bedarf es einer umfangreichen institutionellen und materiellen Sicherheitsinfrastruktur. Zwischen- oder innerstaatliche Konflikte können diese Infrastruktur absichtlich oder unabsichtlich zerstören, was im schlimmsten Fall zu einer atomaren Katastrophe führen kann“, erklärt Veronika Ustohalova. Sie ist Projektleiterin und Expertin für Strahlenschutz und Risikobetrachtung. „Ein krisengeschütteltes Land hat so viele Probleme zu bewältigen, dass relevante Sicherheitsmaßnahmen und vorausschauende Handlungsabläufe im Umgang mit Kernenergie nicht immer gewährleistet sein können.“

 

Nordkorea Foto: Wikimedia CC 2.0/Uwe Bodrecht

Am Beispiel der Ukraine warnt das Öko-Institut, dass dem Zusammenhang zwischen inner- und zwischenstaatlichen Konflikten und nuklearer Sicherheit zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet werde. „Die Ukraine hat sich innerhalb weniger Jahre aus einer relativ stabilen Lage in ein abhängiges Krisengebiet innerhalb von Europa gewandelt“, beschreibt Veronika Ustohalova die Situation. „Dabei ist die ukrainische Energieversorgung aufgrund ihrer zentralen Bedeutung bereits mehrmals Ziel militärischer Angriffe gewesen.“

So wurden in einem Sabotageakt im November 2015 mehrere Strommasten auf der Halbinsel Krim gesprengt und damit absichtlich 1,9 Millionen Bewohner teilweise oder vollständig von der Stromversorgung abgeschnitten. Der Betrieb des Kernreaktors Saporoschschje wurde durch diesen Sabotageakt so stark beeinträchtigt, dass die staatliche Betreiberfirma Ukrenergo die Situation als „hochgefährlich einstufte“.

 

Armut und Korruption erschweren Aufbau von AKW-Sicherheit

 

Nur massive finanzielle Unterstützung aus dem Ausland ermöglicht derzeit die Umsetzung sicherheitstechnischer Maßnahmen in den kerntechnischen Anlagen der Ukraine. Jedoch zeigen die investierten Mittel um einiges weniger Wirkung als erwartet. „Regierungskrise, Armut und Korruption erschweren deutlich die Umsetzung jeglicher unterstützender Maßnahmen. In dieser Situation haben weder die Regierung noch die zuständigen Behörden die erforderliche vollständige Kontrolle über das radioaktive Material. Ein gesicherter Betrieb der kerntechnischen Anlagen ist in dem erforderlichen Umfang nicht gewährleistet“, so Ustohalova.

Weiterhin ungeklärt ist die Absicherung der langfristigen Zwischen- und Endlagerung radioaktiver Abfälle. Das bestehende Abkommen mit Russland zur Wiederaufbereitung abgebrannter Brennelemente endet 2018. Die Frage, wie die Ukraine zukünftig mit hochradioaktiven Abfällen umgeht, bleibt offen.


red

 

 

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