04.10.2017

Brasiliens Tschernobyl 1987

Filmbild: RUA 57, NÚMERO 60, CENTRO / UraniumFilmFestival

Genau vor 30 Jahren, im September 1987 geschah Lateinamerikas schwerster radioaktiver Unfalls in Goiânia, der Hauptstadt des zentralbrasilianischen Bundesstaates Goiás. Ein Strahlenbehandlungsgerät gelangte zu einem Schrotthändler. 19 Gramm hochradioaktives Cäsium-137 kontaminierte Hunderte von Menschen und erzeugte 6.000 Tonnen atomaren Müll.

 

Am 13. September 1987 finden zwei junge Arbeitslose, Roberto dos Santos Alves und Wagner Mota Pereira in der Ruine eines ehemaligen Krebskrankenhauses ein verlassenes Strahlentherapiegerät: Mehr als 100 Kilogramm Blei und Stahl, die sich zu Geld machen lassen. Ohne die Gefahr auch nur zu ahnen, montieren sie den schweren Strahlungskopf ab und transportieren ihn per Schubkarren nach Hause in die Rua 57. Dort brechen sie ihn auf, um den Bleimantel abzutrennen und setzen dabei erstmals Cäsium-137 frei. Noch am selben Tag leiden sie unter Erbrechen.

 

Cäsium-137 ist ein stark strahlendes Radionuklid, das in der Natur nicht vorkommt: Es ist radioaktiver Abfall, der bei der Kernspaltung von Uran-235 in Atombomben und Kernkraftwerken entsteht. Nach dem 2. Weltkrieg begannen die USA mit dem Export dieses hochradioaktiven Cäsiums in Form von kristallinem Cäsiumchlorid als Strahlenquelle für die medizinische und industrielle Nutzung. So kam es 1971 auch nach Goiânia und letztendlich in die Hände von Roberto und Wagner.

 

Am 18. September verkaufen die beiden das Blei und den restlichen Strahlenkopf an den Schrotthändler Devair Alves Ferreira in der Rua 26-A. Ein bläulicher aus der Strahlenöffnung dringender Schein fasziniert Devair. Er entdeckt das kristalline Cäsium-Pulver und zeigt es Freunden und Verwandten. Viele von ihnen erkranken in den Folgetagen an der Strahlenkrankheit, doch die Ärzte in Goiânia tippen zunächst auf verdorbenes Essen und dann auf eine Tropeninfektion.

 

Am 28. September allerdings ist sich Devairs Frau Maria sicher, dass der seltsame Strahlenkopf mit den bläulich leuchtenden Kristallen die Ursache ist. Mit Hilfe eines Angestellten transportiert sie das „Ding“ per öffentlichen Bus quer durch die Stadt zur Gesundheitsbehörde, doch die Ärzte dort wissen nichts damit anzufangen. Erst am nächsten Tag wird der Physiker Walter Mendes Ferreira, der zufällig in Goiânia auf Urlaub ist, um Hilfe gebeten. Dieser leiht sich einen Geigerzähler von einem Unternehmen, das in Brasilien Uransuche betreibt. Noch bevor er die Gesundheitsbehörde erreicht, schlägt das Messgerät heftig aus. Die von einem der Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde zwischenzeitlich informierte Feuerwehr will den Strahlenkopf in den nächsten Fluss werfen, was der Physiker verhindern kann. Erst jetzt am Nachmittag des 29. September wird Brasiliens Atomenergiekommission CNEN in Rio de Janeiro alarmiert.

 

Filmbild: Cäsium in meinem Blut / UraniumFilmFestival

Die Folgen

 

Die CNEN registriert insgesamt 85 Häuser und 45 öffentliche Plätze und Einrichtungen, die mit Cäsium-137 kontaminiert sind. Die sieben am stärksten verstrahlten Orte werden abgesperrt und evakuiert. Gleichzeitig fliegt die brasilianische Luftwaffe die verstrahltesten Cäsium-Opfer nach Rio de Janeiro, wo sie im Marinekrankenhaus behandelt werden.

 

Am 3. Oktober, zwanzig Tage nach dem Beginn der Katastrophe, gilt der radioaktive Unfall von Goiânia offiziell als „unter Kontrolle“. Doch erst Mitte November beginnen die Dekontaminierungsarbeiten in Goiânia, die Weihnachten 1987 weitestgehend abgeschlossen sind. Bis dahin haben Hunderte von Helfern, Bauarbeitern und Technikern die verstrahltesten Häuser abgerissen, Asphalt und Boden abgetragen, den Bauschutt, verstrahlte Kleidung, alle persönlichen Gegenstände sowie kontaminierte Haustiere, Hühner, Schweine, Kaninchen und Hunde in Metalltonnen verpackt. Die beiden kontaminiertesten Orte in der Rua 57 und Rua 26 A wurden mit einer 50 Zentimeter dicken Zementschicht versiegelt. Exakt 19,26 Gramm Cäsium-137 erzeugte rund 6.000 Tonnen radioaktiven Muell.

 

Die CNEN stellte 249 verstrahlte Personen in Goiãnia fest, 129 von ihnen mit Cäsium-137 im Körper. Laut Regierung von Goiás und der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) habe der radiokative Unfall nur vier Menschenleben gefordert, doch die Staatsanwaltschaft von Goiás sowie die Vereinigung der Cäsium-Opfer AVCesio gehen von wenigstens 66 verstorbenen Strahlenopfern aus sowie von etwa 1.400 kontaminierten Personen. Noch heute streiten viele erkrankte Opfer um Anerkennung, angemesse Entschädigung und adequate Gesundheitsbetreuung. Das gilt auch fuer die wahren Helden von Goiânia, die hunderten von Arbeitern, die ueber Wochen hinweg der Strahlung ausgesetzt den radioaktiven "Dreck" wegraeumten.

 

Mehr als 700 Hilfsarbeiter, Techniker, Maurer, Lastwagenfahrer, Feuerwehrleute, Polizisten und Soldaten wurden zur Säuberung und Sicherung der verstrahlten Orte eingesetzt. Einige erkrankten in der Folge. Viele sehen sich deshalb gleichfalls als Cäsium-Opfer. „Während der Aufräumungsarbeiten war die Strahlung teilweise so hoch, dass sie die Meßskala der Geigerzähler überstieg und ständig Alarm schlugen. Die Strahlentechniker mussten deshalb die Messgeräte kontinuierlich deregulieren und den Gerätealarm ausschalten", berichtet Suzane de Alencar Vieira von der Staatliche Universität von Rio de Janeiro (UFRJ).

 

"Zum Zeitpunkt des Unfalls war João als Fahrer eingesetzt und transportierte den Strahlenmüll aus der Stadt. Seine beiden Brüder Aparecido und Bento räumten den radioaktiven Bauschutt weg. Seine Mutter wusch die Arbeitsoveralls ihrer Kinder. Keiner von ihnen ist offiziell als Opfer anerkannt", berichtet die Zeitung Correio Braziliense vom 8. Sept. 2017. Brasiliens Atomenergiekommission, CNEN, allerdings beteuert, dass alles waehrend der Aufraeumungsarbeiten nach Recht und Ordnung ablief und kein Arbeiter oder Polizist ueber die erlaubte Dosis hinweg vertrahlt wurde.

 

Filmbild: Etwas das bleibt / UraniumFilmFestival

Goiânia ist kein Einzelfall

 

1988, nach Abschluss der Goiânia-Unfalls, resümierte die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO): "Kein radiologischer Unfall ist akzeptabel, und die Öffentlichkeit sollte sich sicher sein, dass die zuständigen Behörden und Einzelpersonen alles in ihrer Macht stehende tun, um einen solchen Unfall zu verhindern. Es gilt aus dem Unfall von Goiânia zu lernen." Doch Goiânia blieb kein Einzelfall.

 

Dreizehn Jahre nach der Cäsium-137-Katastrophe in Goiânia wiederholte sich im Januar 2000 der radioaktive Unfall in Samut Prakarn bei Bangkok in Thailand. Ein veraltetes Strahlenbehandlungsgerät der Firma Siemens wird an einen Schrotthändler verkauft und der Strahlenkopf aufgebrochen. Der Unterschied zu Goiânia: die radioaktive Substanz war Kobalt-60. Anfang 2010 ist der Stadtteil Mayapuri in Neu Delhi Schauplatz einer Kobalt-60-Katastrophe. Professoren der Delhi Universität (DU) hatten im Februar eine seit 1985 nicht mehr verwendete Strahlenkanone der Forschungsabteilung an einen Schrotthändler verkauft, der sie dann im März aufbrach und damit das radioaktive Kobalt in Mayapuri freisetzte.

 

2012 sagte der Direktor für Strahlensicherheit der Atomenergiekommission in Rio de Janeiro (CNEN), Ivan Salati, dass die Chance einer Wiederholung des Cäsium-Unfalls in Brasilien „absolut klein“ sei. Denn die Cäsium-137-Strahlenquellen wurden mit Kobalt-60 ersetzt und diese wiederum würden nach und nach durch moderne Bestrahlungsgeräte, sogenannte Linearbeschleuniger ausgetauscht, die ohne radioaktive Substanzen auskommen.

 

Doch die entscheidende Frage ist: Wohin kommen die Tausenden von ausrangierten Strahlenkanonen in Brasilien, Indien, Frankreich, Deutschland und weltweit? Wer garantiert, dass sie nicht auf den Schrott kommen?

 

1998 gab es Cäsium-137-Alarm in Spanien. Aus einem Stahlwerk in der südspanischen Stadt Algeciras, das Schrott als aller Welt wiederverwertet, war am 30. Mai eine hochradioaktive Cäsium-137-Wolke entwichen. Der Strahlenunfall wurde erst Wochen später bekannt, als die radioaktive Wolke aus Spanien die Schweiz erreichte und dort Strahlenalarm auslöste.

 

Der ersten beiden Cäsium-Opfer von Goiãnia, die jugendlichen Arbeitslosen Roberto Santos Alves sowie Wagner Pereira Mota haben übrigens bis heute ihre Strahlenkrankheit überlebt. „Wenn ich von der Gefahr gewußt hätte, hätte ich das Ding nicht angerührt“, beklagt der heute 52jährige Roberto zum 30. Jahrestag des Unfalls gegenüber den Medien. Der heute 49jährige Wagner Pereira Mota fügt hinzu: „Doch die Ärzte des Instituto Goiano de Radioterapia wußten von der Gefahr. Sie hätten diesen Aparat nicht in der Ruine sich selbst überlassen dürfen.“

 

Autor: Norbert Suchanek, Rio de Janeiro

 

 

Ausstellungsposter

Beim diesjährigen Uranium Film Festival vom 10.-15. Oktober in Berlin sind unter anderem 3 Filme zu Thema Goiãnia, alle Deutschland-Premieren, im Programm:

CESIUM I BLODET (CÄSIUM IN MEINEM BLUT)

RUA 57, NÚMERO 60, CENTRO

ALGO DO QUE FICA (ETWAS DAS BLEIBT)

 

Eine Fotoausstellung zu Lateinamerikas schwerstem radioaktiven Unfall ist Teil des Festivals und vom 2. bis 15. Oktober im Kino in der Kulturbrauerei, Berlin Prenzlauer Berg, zu sehen.

 

Odesson Alves Ferreira / UraniumFilmFestival

Ehrengast des Festivals ist ODESSON ALVES FERREIRA, der selbst überlebendes Opfer dieser „atomaren“ Katastrophe von Brasilien und Protagonist in mehreren Dokumentarfilmen über den Unfall ist. Bis heute kämpft er um gerechte, angemessene Entschädigung der Opfer. Ferreira ist Sprecher und bis vor kurzem langjähriger Präsident der Vereinigung der Cäsium-Opfer (AVCésio) in der zentralbrasilianischen Landeshauptstadt Goiânia.

 

Alle Infos inklusive Programm des Uranium Film Festvals gibt es unter uraniumfilmfestival.org/de

 


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