Klimawandel lockt wärmeliebende Arten ins Land

Foto: Wolfgang Henkes/Senckenberg

Klimawandel konkret: Seit 1980 siedeln sich immer mehr wärmeliebende Arten großflächig in Deutschland an. Das ergaben Untersuchungen von Wissenschaftlern am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum. „Am stärksten nahmen laut der kürzlich im Fachjournal Nature Ecology and Evolution veröffentlichten Studie unter der Leitung von Senckenberg Wissenschaftlerinnen Diana Bowler und Katrin Böhning-Gaese wärmeliebende Vögel, Schmetterlinge, Bodenorganismen und Flechten zu“, schreiben sie in einer Pressemeldung zur Studie.

Die durchschnittliche Jahrestemperatur in Deutschland ist seit 1980 stellenweise um rund 0,3 Grad Celsius pro Dekade angestiegen, beschreiben die Forscherinnen die Basis ihrer Studie. „Das hört sich harmlos an, für die Natur ist es das aber nicht“, sagt Diana Bowler. Sie forscht am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum. Sie begründet ihre Aussage: „Langfristige Temperaturveränderungen beeinflussen langfristig die Bestandsentwicklung von Pflanzen- und Tierarten.“ Mit ihrer Studie konnte Bowler jetzt zeigen, dass „fast die Hälfte der von uns untersuchten Populationen verschiedener Arten seit 1980 signifikant zu- oder abgenommen“. In welche Richtung es ging, hänge, so die Wissenschaftlerin, davon ab, innerhalb welcher Umgebungstemperatur sich die Art wohlfühlt. „Der Zusammenhang ist deutlich erkennbar – sowohl bei sehr mobilen Tieren wie Vögeln und Schmetterlingen als auch bei standorttreuen, wie langsam wachsenden Flechtenarten“, sagt sie.

 

Viele Unterstützer sammelten einen immensen Datenberg für die Studie

 

„Wenn man betrachtet, wie sich Gemeinschaften von an Land lebenden Arten verändert haben, haben wärmeliebende Pflanzen- und Tierarten zugenommen“, ergänzt Katrin Böhning-Gaese. Sie ist Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums. In einigen Fällen habe auchdie Populationsgröße kälteliebender Arten abgenommen, die an Land leben. In Fließgewässern und im Meer schlug sich die Temperaturerhöhung offenbar vielschichtiger als an Land nieder, ermittelten die wissenschaftlerinnen. Doch auch hier fanden sie Indizien für eine Zunahme des Bestands wärmeliebender Meeresfische.

Für die Mega-Studie werteten Bowler und ihr Team rund tausend Messreihen zur Bestandsentwicklung einzelner Arten aus. Sie dokumentieren, wie sich die Populationsgrößen von 22 Artengemeinschaften seit 1980 entwickelt haben. Bowler: „Niemals zuvor wurde bei so vielen verschiedenen Arten untersucht, wie sich die Temperaturerhöhung auf die Anzahl ihrer Individuen ausgewirkt hat. Wir haben Artengemeinschaften, die an Land, in Fließgewässern und im Meer leben, untersucht - von Algen bis hin zu Säugetieren.“

Um die Temperaturvorlieben der Arten zu bestimmen, nutzten die Wissenschaftler die Temperaturen an den Orten ihres Vorkommens. Der Großteil der verwendeten Langzeitreihen stammt aus Deutschland, außerdem wurden Daten aus einigen umliegenden mitteleuropäischen Ländern einbezogen „Insgesamt haben es 27 Institutionen, darunter wissenschaftliche Einrichtungen, Landesbehörden, Nicht-Regierungsorganisationen und Bürgerwissenschaftler möglich gemacht, diesen riesigen Datensatz zu generieren. Erst dank solcher großangelegten Kooperationen können wir nicht nur im Kleinen sondern großräumig gültige Antworten auf Zukunftsfragen liefern“ so Bowler.

 

Klimawandel schlimmer als Änderung der Landnutzungsformen

 

Die Studie belegt, dass die Temperaturveränderung direkt das Wohl von Arten beeinflusst. Im Gegensatz dazu ist der Landnutzungswandel seit 1980 ein weniger verbreiteter Grund für die Bestandsentwicklung. „Der Landnutzungswandel ist nach wie vor eine Gefahr für die Bestände und Vielfalt der Arten. Er wirkt aber eher lokal, während der Klimawandel quasi überall zuschlägt“, bilanziert Böhning-Gaese.


red

 

 

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