Wie weit dürfen wir im Umgang mit Tieren gehen?

Cover: Kiepenheuer & Witsch

Eine aus bewusster Entscheidung nicht gekaufte Hähnchen-Grillpfanne bei Rewe für 2,99 Euro – so fing für die Autorin Karen Duve alles an. Denn was steckt eigentlich hinter dieser Hähnchen-Grillpfanne? Wie haben die Tiere, die für das schmackhafte Gericht herhalten mussten, gelebt – und dabei gelitten? Ist Bio-Konsum wirklich die Lösung für eine artgerechte(re) Tierhaltung? Oder ist es nicht viel besser, gänzlich auf Fleisch und weitere tierische Produkte zu verzichten?

Karen Duve beließ es nicht bei der theoretischen Erörterung dieser Fragen: Sie wurde kurzerhand für jeweils zwei bis vier Monate zur Bio-Käuferinin, Vegetarierin, Veganerin und schließlich sogar zur Frutarierin. In ihrem 2012 erschienenen Buch „Anständig essen” beschreibt sie ihre Erfahrungen und umfassenden Recherchen während dieses ungewöhnlichen Selbst-Experiments – Verzicht und kulinarische Neuentdeckungen, Schwierigkeiten bei der Umsetzung einer konsequent veganen Lebensweise, Veränderungen des eigenen Körpers durch die umgestellte Ernährung und nicht zuletzt die Reaktionen der Menschen im Umfeld der Autorin.

 

Bestechend ehrlich und authentisch

 

Vor allem aber stellt Duve die drängende Frage: „Wie weit dürfen wir im Umgang mit Tieren gehen?” Ist es akzeptabel, dass „nutzlose” männliche Küken in der Eiindustrie getötet werden – unabhängig davon, ob die Eier aus Bio-Haltung stammen oder nicht? Wer gibt uns das Recht, einer Kuh, auch mit Weidegang, ihr neugeborenes Kalb wegzunehmen, um ihre Milch für den menschlichen Verzehr einzuheimsen? Dürfen Hühner, selbst wenn sie die Möglichkeit zum Auslauf haben, in Gruppen von 1.000 Tieren und mehr gehalten werden, obwohl das überhaupt nicht ihrer Biologie entspricht? Abgeschnittene Schwänze bei Schweinen und Enthornung bei Kühen – wie kann es eigentlich sein, dass es gesellschaftlich allgemein anerkannt ist, Tiere an ihre menschgemachten Haltungsbedingungen anzupassen statt umgekehrt?? Als Frutarierin stellt Duve letztlich auch die Lebensrechte von Pflanzen zur Diskussion.

Die Recherchen der Autorin zur gegenwärtigen Tierhaltung sind objektiv und schockierend, die Beschreibung ihrer eigenen Erfahrungen herrlich humorvoll, bestechend ehrlich und authentisch. Dass die Schriftstellerin auch mal ein Stück Fleisch mit brauner Soße und echte Sahne im Tee vermisst, verschweigt sie ebenso wenig wie die zunächst anstrengende Erfahrung des stundenlangen Studiums von Zutatenlisten im Supermarkt oder die aus ihrer Sicht eher negativen Geschmackserlebnisse mit veganem Käse.

 

Plädoyer für bewussteren Konsum

 

Gerade diese Ehrlichkeit ist es, die „Anständig essen” zu einem flammenden Plädoyer für Tierschutz und gegen gedankenlosen Konsum (auch abseits der Ernährung) macht, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu erheben. Duve geht es nicht darum, aus ihren Lesern strikte Veganer zu machen – auch sie selbst kann sich nach ihrem zehnmonatigen Selbstversuch nicht zu diesem Entschluss durchringen. Doch es gelingt ihr in herausragender Weise, das Bewusstsein ihrer Leser für unseren Umgang mit Tieren (und damit letztlich auch unserem Planeten) zu schärfen, unseren Verwandten, die gar nicht so viel anders sind als wir. Wer das Werk gelesen hat, wird, wie der NDR es sehr treffend kommentierte, unter Garantie „ein anderer sein.“ Vielleicht nicht zwangsläufig ein Vegetarier oder Veganer -aber ganz sicher ein sehr viel bewussterer Esser und Konsument als zuvor. Probieren Sie es aus - „Anständig essen“ ist nicht nur für Tierfreunde ein Muss!

 

Nicole Sollfrank

 

 

Karen Duve

Anständig essen

Goldmann Verlag

336 Seiten

9,99 Euro

ISBN 978-3-442-47647-3

 

 


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