Biodiversität: Für viele noch immer ein Fremdwort

Foto: Wikipedia-Commons/G. Brändle

Biodiversität? Nicht einmal jeder Zweite in Deutschland weiß Bescheid! Das Biodiversitäts-Barometer zeigt ein düsteres Bild: Hinter Frankreich, dem Vereinigten Königreich, den USA, Brasilien oder China rangieren die Menschen in Deutschland mit nur 48 Prozent, die den Begriff kennen, als Schlusslicht der von der Union for Ethical BioTrade (UEBT) in Auftrag gegebenen Studie.

„Viel trauen die Deutschen den Unternehmen im Umgang mit der Natur nicht zu“, zieht die Europäische Business und Biodiversitäts-Kampagne (EBBC) eine Bilanz des Biodiversitäts-Barometers: Lediglich die Marken Alnatura (9 Prozent aller Befragten), Yves Rocher, Tchibo, Hipp (alle 6 Prozent) und Nivea (5 Prozent) verkörpern demnach einen sorgsamen Umgang mit Menschen, Tieren und Pflanzen.

81 Prozent, so das Ergebnis der Befragung, würden die Produkte von Nahrungsmittelfirmen sogar boykottieren, wüssten sie, dass deren Produktion „umweltschädlich" oder „unethisch" seien.

 

Zu wenig Leidensdruck in Deutschland: Thema wird verdrängt

 

Obgleich die Deutschen sich wesentlich mehr mit Themen wie Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility befassen, wissen sie vergleichsweise wenig über Biodiversität, also die biologische Vielfalt und die Folgen ihres Verlusts, so die Aussage der Studie. Ein Grund dafür sei, dass man in Deutschland vermeintlich weniger Leidensdruck habe und das Artensterben weit weg erscheine, sagt Stefan Hörmann, der Leiter der von der Europäischen Union geförderten EBBC: „Unsere Urwälder sind längst abgeholzt. Aber in Brasilien, das beim Biodiversitäts-Barometer gut abgeschnitten hat, beherbergt der Regenwald noch eine Vielzahl an Arten und Ökosystemen, die stark bedroht sind. Die Menschen dort erwarten, dass Regierung und Unternehmen handeln".

Das Biodiversitäts-Barometer der UEBT gibt einen jährlichen Überblick über das Bewusstsein und Verständnis zum Thema Biodiversität aus drei verschiedenen Perspektiven: Konsument, Industrie und Medien. Dafür befragen die Meinungsforscher 31.000 Verbraucher in elf Ländern der Erde. Im Jahr 2013 wurde das Biodiversitäts-Barometer unter insgesamt 6.000 Verbrauchern in sechs Ländern durchgeführt: Brasilien, China, Frankreich, Deutschland, dem Vereinigten Königreich und den USA.

 

Foto: GNF

Interview mit EBBC-Leiter Stefan Hörmann vom Global Nature Fund (GNF)

 

Herr Hörmann, obwohl das Bewusstsein für Biodiversität in Deutschland seit 2009 insgesamt gewachsen ist, wissen Deutsche im Vergleich zu Menschen in anderen Ländern wenig darüber. Woran liegt das?

 

Stefan Hörmann: Das liegt nicht unbedingt an mangelndem Bewusstsein für die

fundamentale Bedeutung der Natur. Artenvielfalt oder Naturschutz sind den Bürgern in Deutschland

im Allgemeinen sehr geläufig. Beide Themen werden jedoch nicht in das übergreifende Biodiversitäts

konzept eingebunden. Dieses schließt neben der Artenvielfalt auch die genetische Vielfalt sowie die Vielfalt der Ökosysteme mit den darin ablaufenden Dynamiken und Wechselwirkungen ein. Wir müssen also versuchen, durch umfassende Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit die biologische Vielfalt als Grundlage allen Lebens den Bürgerinnen und Bürgern nahe zu bringen.

 

Das Barometer zeigt: Medien und Werbung sind wichtige Kanäle, um über Biodiversität zu

informieren. Weshalb thematisieren deutsche Journalisten und Werber das Thema so selten?

Werber thematisieren Natur meist als schöne Hintergrundkulisse beispielsweise für Automobilreklame. Ich habe den Eindruck, die Kreativen fürchten sich davor, als Greenwasher

dazustehen, wenn sie Umwelt- und Naturschutz in ihre Werbebotschaften integrieren.

Biodiversität ist für Medien anscheinend noch immer ein vermeintlich komplexes Thema, das bisher wenig Eingang in die Berichterstattung findet. Dazu kommt, dass Unternehmensverantwortliche in Deutschland die Relevanz von Biodiversität für ihr Geschäft niedrig einschätzen. Das führt dazu, dass auch Medien den Interdependenzen zwischen unternehmerischem Erfolg und biologischer Vielfalt

viel zu wenig Beachtung schenken.

 

Das Barometer zeigt, dass China und Brasilien nicht nur Spitzenreiter beim Biodiversitäts-

Bewusstsein sind. Dort kaufen die Menschen auch häufig Bio-Produkte. Das überrascht,

weil man gerade bei China an Umweltsünden wie Staudämme, Chemieunfälle und von Smog verpestete Großstädte denkt. Wie kommt es zu dieser Ambivalenz?

 

Offensichtlich erhöhen der Druck auf Lebensräume und die starke Umweltverschmutzung die Sensibilität für den Wert der Natur. Das resultiert in der Bereitschaft, mehr für Bio-Produkte auszugeben. In Deutschland sind wir hier mindestens genauso ambivalent. Es gibt Käufergruppen wie

LOHAS (Lifestyles of Health and Sustainability), die sehr bewusst konsumieren. Auf der anderen Seite kennen wir auch die starke Fokussierung auf den Preis, dem die Mehrheit der Bevölkerung noch immer Qualität und Nachhaltigkeit unterordnet.

 

 

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