Müllplatz Meer: Gift sinkt bis zum Grund der Tiefsee

Schwamm mit Plastikmüll Foto: AWI/Bergmann

Überall schwimmt der Müll: Innerhalb von nur zehn Jahren ist selbst die Arktis zum Müllplatz der Meere geworden. Die Verschmutzung an einem Messpunkt in der arktischen Tiefsee stieg um mehr als das 20-fache. Das ergab eine Studie am Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI).

Selbst 10.000 Meter unter dem Meer lagert inzwischen Müll. Dort leben kaum erforschte Kreaturen. Aber auch sie haben inzwischen "Industrieschadstoffe im Bauch", bescheibt jetzt ein Beitrag auf Zeit-Online. "10.000 Meter unter dem Meer haben Flohkrebse langlebige Schadstoffe im Körper, die aus Kühlschränken, Wandfarben, Polstern und Elektrogeräten stammen", heißt es dort. Viele dieser gefährlichen Stoffe seien zwar heute bereits verboten, "in der Umwelt aber sind sie noch immer präsent".

 

In allen Tiefsee-Proben finden sich gefährliche Gifte

 

Nicht besser sieht es auf dem Grund des Nordpolarmeeres aus. Dort forschen die Wissenschaftler des AWI. "Plastiktüten, Glasscherben und Fischernetze: Trotz der Lage fernab von Ballungszentren nimmt die Müllmenge in der arktischen Tiefsee immer weiter zu und stellt somit eine dauerhafte Gefahr für das sensible Ökosystem dar", fassen sie zusammen, was sie dort auf dem Meeresboden finden. Seit 2002 dokumentieren AWI-Wissenschaftlerinnen den Müll an zwei Messpunkten im sogenannten AWI-Hausgarten. Dabei handelt es sich um ein Tiefsee-Observatorium des Alfred-Wegener-Instituts, das aus 21 Messstationen in der Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen besteht. Die Ergebnisse der Langzeitstudie wurden nun in der Fachzeitschrift Deep-Sea Research I veröffentlicht. „Unsere Messreihe belegt, dass der Müll in der arktischen Tiefsee in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat“, sagt Mine Tekman vom Forscherteam.

Im Marianengraben im Nordpazifik und im Kermadecgraben im Südpazifik sucht Alan Jamieson von der Universität Aberdeen den Grund ab. Seine ferngesteuerten Tauchroboter sammeln die Proben in Tiefen von rund 7.200 bis 10.250 Metern . " In allen Flohkrebsen fanden sich hohe Konzentrationen Polychlorierter Biphenyle (PCB) und Polybromierter Dephenylether (PBDE), nicht abbaubare, inzwischen verbotene Umweltgifte", berichtet die Zeit über seine Funde.

 

Problemstoffe sind auf dem Planeten verteilt und versickern im Meer

 

Wie sich Umweltgifte im Meer verteilen und inwieweit sie über die Nahrungskette auch in unser Essen gelangen, sei dringend weitere Forschung nötig, betont Eric Achterberg vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel zu den Tiefseefunden. Denn die Stoffe seien inzwischen auf dem ganzen Planeten verteilt: "Niederschläge spülen sie in die Flüsse, sie sickern bis ins Grundwasser und fließen ins Oberflächenwasser der Meere."

Die AWI-Forscher in der Arktis machen ähnliche Enteckungen. Besonders dramatisch ist die Situation an der nördlicheren Messstation mit dem Namen N3. „Hier ist die Verschmutzung in den Jahren von 2004 bis 2014 um mehr als das 20-fache gestiegen“, sagt dieBiologin Mine Tekman. Ergab die Messung im Jahr 2004 noch 346 Müllteile pro Quadratkilometer, sind es nur zehn Jahre später 8.082 Teile pro Quadratkilometer.

 

Arktis droht Endlager für Plastikmüll zu werden

 

Auch im Nordmeer stehen die Wissenschaftlerinnen vor dem Rätsel, wann und wie sich der Plastikmüll auf dem Weg in die Tiefsee verändert. Im Laufe der Zeit beobachteten sie immer mehr kleine Plastikteile, was die Fragmentierung größerer Teile und eine zunehmende Belastung mit Mikroplastik nahelegt. Das ist verwunderlich, weil Plastikmüll in der dunklen Tiefsee nicht etwa durch UV-Licht zersetzt werden kann und auch die niedrigen Temperaturen einen Zerfall nicht begünstigen. Im Sommer 2016 haben die Wissenschaftlerinnen einen bereits zwei Jahre zuvor gesichteten Plastikfetzen wiederentdeckt. In dieser Zeit hat er sich nicht erkennbar verändert. Melanie Bergmann von AWI meint: „Diese zweimalige Begegnung zeigt eindrücklich, dass die arktische Tiefsee ein Endlager für Plastikmüll zu werden droht. Die Ablagerung in der schwer zugänglichen Tiefsee könnte zum Teil auch erklären, warum wir über den Verbleib von 99 Prozent des Plastikmülls derzeit nichts wissen.“


pit

 

 

Lesen Sie auch:

 

Weltkarten: Verteilung des Plastikmülls im Meer

Mikroplastik im Rhein: weltweit mit am stärksten belastet

Provokation mit und gegen Plastikmüll

 


Der Artikel hat Ihnen gefallen?
Sie können für global° spenden!
Flattr this

Most Wanted

Foto: comunicacion.gob.bo

"Völkergipfel" für eine Welt ohne Mauern

Die Regierung von Bolivien und soziale Bewegungen des Landes haben zu einer "Konferenz der Völker...


Screenshot: noussommes.eu

Eine Postkarte erinnert an die europäische Idee…

Gerade jetzt, wo Wahlen in Frankreich und Deutschland anstehen, ist die europäische Idee stark in...


Neu im global° blog

Internationales Uranium Film Festival 2017

Auch nach sechs Jahren geht der Reaktorunfall von Fukushima weiter, so auch das Internationale...


Foto: DanielAlon / Pixabay CC0

Alarmierend: Immer weniger Vögel und Insekten

Der Rückgang der Brutvögelbestände in Deutschland beschleunigt sich. Die Ursache dafür ist neben...


Filmbild festival-cannes.com

Cannes: Premiere von PROMISED LAND

Seine Premiere in der Reihe "Special Screenings" feierte die NDR/BR-Koproduktion "Promised Land"...


Folgen Sie uns: