05.05.2017

Soja statt Jaguar

Foto: Assy/Pixabay CC0

Kaum noch Platz fuer Jaguare in Brasilien. Brasiliens Jaguar verliert seine Lebensräume: Lateinamerikas größte Raubkatze droht in drei von fünf brasilianischen Ökosystemen auszusterben - nicht mal in Schutzgebieten sind sie sicher.

 

Nach Tiger und Löwe ist der Jaguar die weltweit größte Raubkatze. Einst in fast ganz Brasilien verbreitet droht sie nun in drei seiner fünf Ökosysteme auszusterben. Nicht mal in den Schutzgebieten sind die gefleckten Großkatzen sicher. Nur noch wenige hundert Jaguare leben in den Biomen Atlantischer Regenwald (Mata Atlântica), Cerrado und Caatinga. Schuld sind vor allem Abholzung, Agrobusiness und großflächige Monokulturen sowie illegale Jagd, Bergbau und Autounfälle. Lediglich in Amazonien und im Pantanal gibt es noch langfristig überlebensfähige Populationen dieser einzigartigen Raubkatze.

 

Foto: Abrivio / Wikimedia (CC BY 2.5)

Mata Atlântica

 

"Pumas sehen wir hier noch häufig, doch ein Jaguar hat sich hier seit Jahren nicht mehr blicken lassen", beklagt Marcelo Ferreira, Wart des rund 1000 Quadratkilometer großen, zwischen Rio de Janeiro und São Paulo gelegenen Nationalparks Serra da Bocaina. Zuletzt vor vier Jahren, 2013, fand einer der Parkangestellten einen Tatzenabdruck im Schutzgebiet. Ein daraufhin angereistes internationales Forscherteam rund um den Großkatzenspezialisten George Schaller blieb allerdings erfolglos. Der wahrscheinlich letzte Jaguar des Parque Nacional da Serra da Bocaina tappte nicht in die Fotofallen der Forscher. Die Situation des 1971 gegründeten Nationalparks von Bocaina ist symptomatisch für viele Schutzgebiete und Jaguar-Habitate in der Region des Atlantischen Regenwaldes. Dieses subtropische Waldökosystem, Mata Atlântica genannt, zog sich einst von Nordargentinien, Paraguay und Südbrasilien entlang der Atlantikküste bis nach Nordostbrasilien und gilt als eines der zehn artenreichsten Hotspots unseres Planeten. Nichtsdestoweniger sind nur sieben Prozent dieses einst 1,7 Millionen Quadratkilometer großen Jaguar-Habitats in Brasilien erhalten, verteilt auf Dutzende von Waldresten und Schutzgebieten, die zudem in der Mehrzahl zu klein sind, um eigene Jaguarpopulationen zu erhalten.

 

Auch im 1825 Quadratkilometer großen Nationalpark von Iguaçu im Westen des Bundesstaats Paraná ist das Überleben von Lateinamerikas größter Raubkatze alles andere als sicher. Von der im Jahr 2000 auf rund 150 Tiere geschätzten Jaguar-Population leben heute nur noch etwa sechs bis höchstens zehn. Die meisten der Raubkatzen wurden von Trophäenjägern illegal erlegt oder gefangen, ist sich der Chefbiologe und Koordinator des Iguaçu-Raubtierprojekts Apolônio Rodrigues sicher. Der vergangenen März im Fachblatt Science Daily veröffentlichte Bericht "Where the few Jaguars still alive are hiding" bekräftigt den dramatischen Rückgang der Jaguar-Population um 90 Prozent im Iguacu-Nationalpark, der zudem auf brasilianischer Seite von Soja- und Maismonokulturen bis an die Parkgrenzen eingeschlossen ist. Eine Pufferzone gibt es nicht. Die Überlebenschance der Raubkatzen, die das Schutzgebiet auf der Suche nach Nahrung oder Paarungspartnern verlassen, ist deshalb minimal. Die Jaguarpopulation gehe in allen Restbeständen der Mata Atlântica zurück, schließt der Bericht. Die Tiere seien gezwungen, weite Strecken zwischen den Schutzgebieten zu wandern, was oft zu tödlichen Kontakten mit dem Menschen führe. Die Raubkatzen riskieren von Fazendeiros, die Angst um ihr Vieh haben, erschossen oder von Autos und Lastwagen überfahren zu werden.

 

Foto: C2rik/Wikimedia PD

Cerrado

 

Brasiliens Cerrado ist eine mit Galeriewäldern durchzogene Savannenregion, die sich einst kontinuierlich von Mato Grosso do Sul, São Paulo bis nach Mato Grosso und Nordostbrasilien auf etwa zwei Millionen Quadratkilometern erstreckte. Isolierte Cerrado-Gebiete finden sich auch in der Amazonasregion, vor allem im Bundesstaat Roraima. Mehr als die Hälfte dieser brasilianischen Savanne wurden aber in den vergangenen 50 Jahren abgeholzt und in Monokulturen, vornehmlich Soja-, Zuckerrohr- und Eukalyptusplantagen sowie in künstliche Rinderweiden umgewandelt. Brasiliens Waldgesetz erlaubt bis heute, dass Landbesitzer rund zwei Drittel des Cerrado legal abholzen dürfen, während der Rest oft illegal gefällt oder "unabsichtlich" abgefackelt wird. Nur ein minimaler Teil des Cerrado steht in Nationalparks, Waldreservaten oder Indianerterritorien unter Schutz. Eines der wichtigsten Reservate der südlichen Cerrado-Region ist der Nationalpark Serra da Canastra in Minas Gerais. Er besteht seit 1972, doch ein Jaguar wurde hier schon seit über einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen. Das ursprünglich auf 2000 Quadratkilometer geplante, aber dann auf lediglich 715 Quadratkilometer reduzierte Reservat ist schlicht zu klein, um eine überlebensfähige Cerrado-Jaguarpopulation zu beherbergen. Er braucht ein relativ intaktes Umfeld und weite Pufferzonen. Doch die mehrmals pro Jahr mit Pestiziden eingenebelten Soja- sowie Eukalyptusplantagen haben sich auch hier längst bis direkt an seine Grenzen ausgeweitet. Da ist schlicht kein Platz mehr für den Cerrado-Jaguar. Dies droht überall in der Region.

 

Die Zahl der Jaguare nehme mit einer unbekannten Rate überall im Cerrado-Biom ab, warnte 2012 der brasilianische Raubkatzenforscher Edsel Amorim Moraes Jr. vom Institut Biotrópicos in Minas Gerais in seiner Bestandsaufnahme "The status of the Jaguar in the Cerrado" (CATnews Special Issue 7 Spring 2012). "Agrobusiness-Wachstum, Zuckerrohr-, Baumwolle- und vor allem die Soja-Monokulturen sind die größte Bedrohung des Cerrado und seiner Raubkatzen", so Moraes. Hinzukommen Bergbau, illegale Jagd sowie Straßenbau und Autounfälle. Einen großen Einfluss haben auch Staudämme zur Wasserkraftnutzung, die die Galeriewälder entlang der Cerrado-Flüsse unter Wasser setzen und damit sichere Wanderkorridore der Jaguare vernichten. Die Gesamtfläche aller Cerrado-Schutzgebiete betrage lediglich 33.000 Quadratkilometer, beklagt der Forscher. Dies sei klar unzureichend für das Überleben des Cerrado-Jaguars, zumal die Reservate auch für sich zu klein seien, um isolierte Populationen langfristig zu erhalten.

 

Foto: Charlesjsharp / Wikimedia (CC BY-SA 4.0)

Caatinga

 

Düster sieht ebenso die Zukunft des Caatinga-Jaguars aus. Die Caatinga ist eine mit Kakteen gespickte Tropenwaldregion mit langen saisonalen Trockenzeiten im brasilianischen Nordosten. Biologen werten die Situation dieses nur in Brasilien vorkommenden Ökosystems und seiner Raubkatzenpopulation als "kritisch" aufgrund von zwei Hauptfaktoren: Weit verbreitete illegale Jagd und Abholzung. "Die Caatinga hat bereits 50 Prozent ihres natürlichen Territoriums verloren", so die 2015 veröffentlichte Bestandsaufnahme der Wildlife Conservation Society Brasilien (WCS-Brasil) und der staatlichen Universität von Rio Grande do Norte (UFRN). Lediglich weniger als acht Prozent seiner ursprünglichen Ausdehnung von etwa 800.000 Quadratkilometern ist in insgesamt 36 Reservaten geschützt. So wie in Cerrado und Mata Atlântica bieten aber auch die fragmentierten Schutzgebiete der Caatinga keine Sicherheit für das Überleben der großen, gefleckten Raubkatzen. Zudem verweigert die brasilianische Regierung seit Jahren die Gründung des Naturschutzparks Boqueirão da Onça, dem vielleicht letzten Refugium des Caatinga-Jaguars im Nordoststaat Bahia.

 

Foto: Glauco Umbelino / Wikimedia (CC BY 2.0)

Schätzungen von 2013 gehen von 250 in der gesamten Caatinga-Region existieren Jaguaren aus: Zu wenige, um langfristig zu überleben. Eine genetische Studie des Jaguar Genome Project der katholischen Universität PUC von Rio Grande do Sul kam zum Schluss, dass eine überlebensfähige Jaguar-Population aus wenigstens 650 Tieren besteht. Populationen mit weniger Individuen seien damit über kurz oder lang allein durch mangelnde genetische Vielfalt zum Aussterben verurteilt, selbst wenn andere Faktoren wie Abholzung oder Jagd ausgeschlossen sind.

 

Nicht besser ist es um die letzten großen Raubkatzen des Atlantischen Regenwaldes sowie des Cerrado bestellt. Laut jüngsten Schätzungen gibt es nicht mehr als 300 Jaguare in der Region der Mata Atlântica und kaum mehr als 320 in den letzten intakten Gebieten des Cerrado. Die brasilianische Naturschutzbehörde ICMBio (Instituto Chico Mendes de Conservação da Biodiversidade) geht sogar von nur etwa 250 Jaguaren im Cerrado und nur 250 Tieren in den Resten der Mata Atlântica auf brasilianischem Staatsgebiet aus. Die Wahrscheinlichkeit ist deshalb groß, dass die großen gefleckten Raubkatzen dieser drei Biome das nächste Jahrhundert nicht mehr erleben werden. Doch ihr Aussterben wiederum könnte schädliche Rückwirkungen auf die Ökosysteme selbst haben. Ohne den Jaguar, der seine Beutetiere, vornehmlich Nabelschweine (Pekaris), Wasserschweine (Capivara) und Spießhirsche in Grenzen hält, wird sich die Artenzusammensetzung der betroffenen Biome über kurz oder lang verändern. Allen voran der Hotspot Mata Atlântica werde nicht mehr derselbe sein wie einst, warnen die Forscher.

 

Foto: Alicia Yo / Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

Pantanal und Amazonien

 

Lediglich in den Ökosystemen Pantanal und Amazonien scheint das Überleben dieser Großkatze wenigstens bis zum nächsten Jahrhundert gesichert. Doch auch hier gibt es einen langfristigen Abwärtstrend. ICMBio schätzt die heutige Zahl der Jaguare im Pantanal auf weniger als 1000 und im brasilianischen Amazonasgebiet auf weniger als 10.000 Tieren.

 

Etwa 85 Prozent des Pantanals von insgesamt 150.000 Quadratkilometern in Brasilien sind noch intakt. Doch nur 4,6 Prozent davon stehen unter Naturschutz. Der größte Teil dieses größten Binnenland-Feuchtgebiets der Erde ist in Privatbesitz und wird seit mehr als hundert Jahren zur extensiven Rinderzucht genutzt. Doch eine neue Generation von Fazendeiros setzt seit einigen Jahren vermehrt auf Abholzung und künstliche Weiden, denn auf extensive Nutzung des natürlichen Bioms. Voranschreitender Habitatverlust sei deshalb eine der Bedrohungen des Pantanal-Jaguars, so der CATnews-Bericht "The status of the Jaguar in the Pantanal" von 2012. Hinzukommen illegale Abschüsse durch Fazendeiros, die weiterhin existierende illegale Trophäenjagd, Gold- und Diamantensuche im Norden sowie Eisen-, Mangan- und Kalksteinabbau im Süden des Pantanals.

 

In Amazonien sind gleichfalls Abholzung und Waldfragmentierung die Hauptbedrohung des Jaguars. Von einst rund 4,2 Millionen Quadratkilometern des brasilianischen Amazonasgebiets gelten heute noch etwa 82 Prozent als intakt. 49 Prozent sind in Form von Waldreservaten, Nationalparks oder Indianerterritorien geschützt. Nichtsdestoweniger wird auch in Amazonien der Raum für die großen Raubkatzen Jahr um Jahr kleiner. Laut Ronaldo Gonçalves Morato, Koordinator des nationalen Raubtier-Forschungszentrums (CENAP) verlor die Region zwischen 1986 und 2013 zehn Prozent seiner Jaguarpopulation. Diese Prozentzahl, so Morato, sei sehr hoch und Waldabholzung und Degradierung seien die Hauptschuldigen. Dennoch fördert Brasiliens Regierung weiterhin Bau und Asphaltierung von Überlandstraßen, den Bau von Siedlungen, Exporthäfen, Wasserstraßen und von Großstaudämmen im Amazonasbecken.

 

Abgeordnete und Senatoren des brasilianischen Bundesstaates Amazonas wollen sogar mehrere Waldreservate zur Förderung des Agrobusiness drastisch reduzieren. Der Schutz von insgesamt 1,7 Millionen Hektar Regenwald im südlichen Amazonasgebiet soll aufgehoben und zur faktischen Abholzung freigegeben werden. Gleichzeitig spricht sich Umweltminister José Sarney Filho für die rasche Asphaltierung der Überlandstrasse BR-319 aus, die die bislang noch weitestgehend intakte Regenwaldregion entlang des Rio Madeira auf 877 Kilometern von Porto Velho bis Manaus wie ein Messer durchschneidet. Der renommierte Amazonasforscher Philip Fearnside hält die BR-319 für eines der katastrophalsten Straßenbauprojekte für das Amazonasgebiet. Die Asphaltierung werde zu einer Walddegradierung in großem Stil führen.

 

Das sind keine guten Aussichten fuer Brasiliens Jaguare, nicht mal für den Amazonas-Jaguar.

 

Autor: Norbert Suchanek, Rio de Janeiro

 

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