Vom Lebenswandel eines Insekten-Freunds

Foto: Stefan Finger

Wenn es Sommer wird, fliegen sie wieder. Viele Menschen stören Insekten - dabei geht es ihnen nicht eben gut. Die Krabbler, Schwirrer und Stecher brauchen dingend Hilfe. Sonst überleben sie nicht mehr lange auf dem Planeten. Das jedoch sollen sie, denn von ihnen hängt auch unser Fortbestand als Menschen ab.

Darum kümmert sich Hans-Dietrich Reckhaus um die Tiere. Er ist Geschäftsführer der Reckhaus GmbH & Co. KG. Das Unternehmen stellt Insekten-Gift her. Erstaunlich aber: Zugleich ist Reckhaus Initiator des Gütesiegels Insect Respect. „Als Unternehmer kann ich nicht länger tatenlos zusehen“, sagt er. Sei man früher froh gewesen, auf der Urlaubsfahrt nicht so oft die Autofenster putzen zu müssen, so sei die heutige klare Sicht bei der >Fahrt im Sommer eher alarmierend: „Laut Naturschutzbund NABU sind in meiner Heimat Nordrhein-Westfalen 80 Prozent der Schmetterlinge, Bienen und Schwebfliegen in den letzten 20 Jahren zurückgegangen", referiert Reckhaus: „Es ist Zeit, umzudenken“.

 

Zahlen skizzieren Ernst der Lage für Insekten

 

  • Um 80 Prozentging die Zahl der Insekten in manchen Teilen Deutschlands zurück
  • Über 30 Prozent der Insektenarten sind bestandsgefährdet
  • 5 Prozent gelten als ausgestorben
  • Deshalb schafft Insect Respect nach eigenen angaben "Bewusstsein für den Wert der Insekten und ist deshalb jetzt für den Deutschen Engagement-Preis und den Green Product Award nominiert.

     

  • Foto: Stefan Finger

    Engagement für Insekten

     

    Insect Respect klärt über den Nutzen und die Abnahme der Insekten auf. Reckhaus publizierte dazu auch ein Buch Warum jede Fliege zählt erscheint im Juli auf Englisch. Es beschreibt die Ursachen für den Rückgang der Insekten, wie etwa Urbanisierung und intensive Landwirtschaft.

    Jetzt veröffentlichte Insect Respect ein Glossar zu Insekten und Insektenbekämpfung. Gemeinsam mit dem Naturkunde-Museum Bielefeld (namu e.V.) beschreibt die Initiative in einer Zeitungsserie das Insekt des Monats. Die Insect Respect Ausstellung im namu zeigte mit Elementen Erweiterter Realität (Augmented Reality) den enormen Nutzen der Insekten und ihrer Biodiversität. Für sein Engagement erhielt Reckhaus die Auszeichnung Mein gutes Beispiel der Bertelsmann-Stiftung.

     

    Interview mit Dr. Hans-Dietrich Reckhaus

     

    Im Gespräch mit global° erklärt der Unternehmer, wie es zuur Wende in seinem Denken und Handeln kam und wie er vom Vergifter zum Retter der Insekten mutierte:

     

    Hatten oder haben Sie Gewissensbisse wegen Ihrer Produkte?

    Hans-Dietrich Reckhaus : Früher nicht: 1995 habe ich die Firma meines Vaters übernommen und das Geschäftsmodell des Insektentötens nicht hinterfragt. Inzwischen ist das anders und ich bringe zu Hause Insekten lieber nach draußen, als ein Bekämpfungsprodukt anzuwenden. Mit meinem Unternehmen setze ich inzwischen alles daran, das Umdenken auch ökonomisch zu verwirklichen.

     

    Nun schützen Sie als Insektizid-Produzent Insekten, wie kam's zu diesem Sinneswandel: Gab es ein Aha-Erlebnis?

    Ich habe mir quasi keine Gedanken um Insekten und ihren Wert gemacht, bis mich die Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin wachgerüttelt haben. Eigentlich habe ich mir von ihnen eine Marketingidee für meine neue Fliegenfalle „Flippi“ gewünscht. Stattdessen konfrontierten sie mich damit, dass meine Produkte schlecht seien. Sie fragten mich, ob ich mir schon einmal Gedanken über den Wert von Insekten gemacht habe. Die gemeinsame Kunstaktion „Fliegen retten“ hat dann mein Leben – und schließlich auch mein Unternehmen – ziemlich auf den Kopf gestellt.

     

    Wie, womit und wo schützen Sie die Tiere?

    Bei einer einmaligen Rettungsaktion konnte es ja nicht bleiben! Deshalb haben wir mit Biologen ein wissenschaftliches Modell zur Kompensation von Insektenbekämpfungsmitteln erarbeitet und daraus das Gütesiegel Insect Respect entwickelt. Jedes Produkt mit dem Label garantiert, dass eine besonders insektengerechte Ausgleichsfläche angelegt wurde, und zwar dort, wo die Natur eigentlich auf dem Rückzug ist: In Industrie- und Siedlungsgebieten, auf Flachdächern. Auf den Insect Respect Ausgleichsflächen finden Insekten ideale Lebensbedingungen, z.B. mit regionalen Pflanzen, Totholz und verschiedenen Strukturen für Nahrung, Versteck und Überwinterung.

     

     

    Foto: Insect Respect

    Rechtfertigt das nun ihre Arbeit an und mit den Bioziden?

    Nein, und deshalb kann die Kompensation auch nur der letzte Schritt sein. Insect Respect Philosophie geht viel weiter und steht in erster Linie für Reduzieren und Ökologisieren von Insektenbekämpfung. Wenn es unbedingt nötig erscheint Biozidprodukte anzuwenden, sollte dies aber mit einem Ausgleich geschehen. Damit die Leute weniger bekämpfen, tun wir viel für das Bewusstsein für den Wert und den Rückgang der Insekten: Vorträge, Ausstellungen, Publikationen, Filme, Veranstaltungen wie kürzlich den "Tag der Insekten"…

    Aber vor allem informieren wir über Präventionsmaßnahmen, damit die nützlichen Sechsbeiner gar nicht erst als schädlich oder lästig im Haus wahrgenommen werden.

     

    Wie begründen Sie das Engagement gegenüber Ihrer Umwelt - schließlich kostet es Geld und schmälert damit den Profit des Unternehmens?

    Der Markt für Biozide ist übersättigt und schrumpft. Mittel- und langfristig setzt sich deshalb das Angebot durch, das einen ökologischen Mehrwert bietet. Der Nachfragerückgang nach Bioziden kann sich stark beschleunigen, wenn Medien neben Bienen auch über die Nützlichkeit von Fliegen, Mücken und Ameisen berichten. Mit unserem Gütezeichen Insect Respect bieten wir für den Konsumenten einen einzigartigen Mehrnutzen und damit für die Anbieter die Möglichkeit, sich im Markt der Angebote zu differenzieren und die eigene Marktposition zu verbessern. Ein großes Einzelhandelsunternehmen im Drogeriebereich hat diese Chance inzwischen ergriffen und nutzt das Label für seine grüne Produktlinie.


    pit

     

     

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