02.10.2017

Den Klimawandel rückgängig machen

Foto: Interface

Mit dem Ziel, "den Klimawandel rückgängig zu machen" (im Rahmen seiner neuen Nachhaltigkeitsmission Climate Take Back) legt Interface, der Hersteller modularen Bodenbelags, die Messlatte hoch. Das Ziel: Bis zum Jahr 2020 alle negativen Auswirkungen auf die Umwelt zu vermeiden. Es ist nach eigenen Angaben die Triebfeder für zahlreiche Produkt- und Dienstleistungsinnovationen sowie das Nachhaltigkeitsbestrebens des Unternehmens.

Climate Take Back führt die Vision des Firmengründers Ray Anderson konsequent fort. Mission Zero sollte alle negativen Einflüsse des Unternehmens auf die Umwelt vermeiden helfen. Jetzt gehe es darum, so die Firmenphilosophie, den Klimawandel zu stoppen. Dafür verschrieb sich das Unternehmen vier Grundsätzen:

 

  • Live Zero: Wir nutzen nur das, was wir auch ersetzen können.
  • Love Carbon: Wir verstehen Kohlenstoff als Ressource und setzen ihn als Grundbaustein ein.
  • Let Nature Cool: Wir ahmen die Funktionsweisen der Natur nach und stellen somit ihre Leistungsfähigkeit zur Abkühlung der Atmosphäre wieder her.
  • Lead Industrial Re-revolution: Wir kreieren neue Geschäftsmodelle, die Veränderung vorantreiben und inspirieren als Pionier die Industrie.
  •  

    Im Gespräch mit global° erklärt Nachhaltigkeits-Chefin Geanne van Arkel wie das konkret gehen kann:

     

    Sie verfolgen das Ziel, ein wirklich nachhaltiges Unternehmen zu sein: Sind die Schwierigkeiten dabei, eher technischer, finanzieller oder kreativer Natur?

    Geanne van Arkel: Als wir im Jahr 1994 unsere Nachhaltigkeitsreise begannen, haben wir uns von der Natur inspirieren lassen. Wir wollten wie ein Ökosystem arbeiten – das entspricht dem heutigen Konzept einer nachhaltigen, kohlenstoffarmen Kreislaufwirtschaft. Biomimikry-Denken, das Lernen von der Natur, hat uns Zugang zu mehr als 3,8 Milliarden Jahren Forschung und Entwicklung eröffnet (siehe auch: www.asknature.org). Im Zusammenspiel mit unserem ehrgeizigen Ziel, ein regeneratives Unternehmen zu werden, haben wir eine Kreativität entfaltet, die heute als Motor die Innovationskraft bei Interface antreibt. Dabei haben wir sogar die Erfahrung gemacht, dass Nachhaltigkeit sich am Ende selbst finanziert: Indem wir durch unsere Nachhaltigkeitsinitiativen den Einsatz von Materialien sowie Energie reduzieren und so entsprechend einsparen, können wir in weitere nachhaltige Innovationen investieren.

    Timing hat immer eine entscheidende Rolle gespielt. Manchmal mussten wir erst auf den richtigen Mindset warten. Am längsten hat es gedauert, Stakeholder, Zulieferer und Kunden an Bord zu holen sowie branchenübergreifende Kooperationen zu initiieren. Und es kostet Zeit, die richtigen Partner zu finden, die das, was wir von der Natur lernen, in kommerzielle Innovationen übertragen. Um Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, arbeiten wir in multidisziplinären Teams. Beispielsweise haben wir bei der Suche nach einer klebstofffreien Verlegeart für unsere Teppichfliesen mit einem Biologen zusammengearbeitet. Dieser hat uns geholfen, eine Verlegemethode zu entwickeln, die vom Gecko inspiriert ist und ganz ohne flüssigen Klebstoff auskommt: TacTiles® nutzen die Schwerkraft, um unsere Teppichfliesen miteinander statt mit dem Boden zu verbinden. So kann auf Klebstoff verzichtet und eine bessere Raumluftqualität erreicht werden, außerdem verringern sich so die Umweltauswirkungen.

     

    Geanne van Akel Foto: Interface

    Jetzt haben Sie einen Prototypen: Wann gibt es solche Produkte in Serie?

    Bereits im vierten Quartal wird ein Teil unserer Rückseiten-Innovation (Rückseite = Backing) der Proof Positive-Teppichfliese als neues Backingkonzept für eine ganze Bandbreite an Produkten erhältlich sein.

     

    Wie speichern Interface pflanzlichen Kohlenstoff langfristig in Teppichböden und wie wirkt sich das auf die Qualität der Ware aus?

    Um diesen Prozess zu verstehen, muss man einen Blick auf den globalen Kohlenstoffkreislauf werfen. Durch die Photosynthese werden kontinuierlich Kohlendioxid und Wasser in atmungsaktiven Sauerstoff und Zucker (d. h. pflanzlich gelagerten Kohlenstoff) aufgespalten. In diesem Kreislauf wird Kohlenstoff abgesondert, bis die Pflanze stirbt oder verbraucht wird (z. B. durch Verbrennung). Sobald das passiert, wird wieder Kohlenstoff abgegeben. Pflanzen müssten also entweder dauerhaft leben oder auf spezifische Weise verarbeitet werden, damit der Kohlenstoff zurückgehalten und somit aus dem Kreislauf entfernt werden kann. Wir müssen nur den Kreislauf an dem Punkt stoppen, an dem der Kohlenstoff absorbiert wird und dann diese Materialien immer und immer wieder verwenden. Dies ist genau das, was unser Prototyp erreicht, indem natürlicher, pflanzlicher Kohlenstoff in der gesamten Fliese integriert wird. Das ist auch der Kern unserer Beyond 2020-Mission: Wir wollen den Wandel von restaurativ zu regenerativ schaffen. Zum Beispiel wollen wir erreichen, dass unsere Produktionsstätten, die bereits jetzt so gut wie keinen negativen Fußabdruck mehr haben, positiv zum Außenluftklima beitragen. So, wie unsere Bodenbeläge durch das Binden von Feinstaub und die Verbesserung der Akustik zu einem besseren Innenraumklima führen. Mit diesem Konzept, genannt „Factories as Forests“, verbessern wir mit unseren Fabriken auch die lokale Biodiversität.

     

    Schaffen Sie Ihr Ziel des "negativen Fußabdrucks" auch unter Einbeziehung der Prozessenergie - und wie?

    Ja, unsere Produktionsanlagen werden weltweit bereits zu 87 Prozent aus erneuerbarer Energie gespeist. In unserer niederländischen Produktionsstätte in Scherpenzeel beläuft sich dieser Anteil sogar auf 100 Prozent, einschließlich Biogas aus Fischabfällen. Weltweit konnten wir den CO2-Ausstoß unserer Anlagen seit 1996 um 95 Prozent reduzieren. Außerdem ziehen wir für unsere Entscheidungen immer die Lebenszyklusanalyse als Management-Tool heran. So können wir die Auswirkungen in allen Phasen des Lebenszyklus analysieren, damit wir eine ganzheitliche Entscheidung treffen, die vollständig nachhaltig ist. Das Wichtigste ist, die Materialien in einem geschlossenen Kreislauf zu halten. Wir arbeiten seit 20 Jahren an diesen geschlossenen Kreisläufen und die Summe unserer Erfahrungen fließt nun in unsere Climate-Take-Back-Mission ein. Ohne diese hätten wir heute keinen Mechanismus zur Speicherung des Kohlenstoffs. Unsere Proof Positive-Fliese hat eine CO2-Emission von weniger als -2 Kilogramm pro produziertem Quadratmeter.

     

    Sie wollen Vorreiter sein: Ist das Prinzip tatsächlich auf weitere Proukte/Produktionen übertragbar und auf welche?

    Absolut. Das Prinzip kann in viele weitere Produkte integriert werden. Dabei ist es wichtig, einen geschlossenen Kreislauf zu haben.

     

    Worin unterscheidet sich Interface von anderen Unternehmen, die auch nachhaltig wirtschaften?

    Immer mehr Unternehmen entdecken die Kreislaufwirtschaft für sich und engagieren sich in Sachen Nachhaltigkeit. Nachhaltiges Wirtschaften gehört seit nunmehr 23 Jahren zu unserer Unternehmens-DNA. Nachhaltiges Wirtschaften reduziert nicht nur den Fußabdruck eines Unternehmens und seiner Produkte. Es hilft dabei, ressourcensparender zu arbeiten, die eigene Reputation zu steigern sowie durch ein sinnstiftendes Ziel das Engagement der Mitarbeiter zu erhöhen. Ich spreche nicht nur für mich, wenn ich sage, dass Nachhaltigkeit die Arbeit nicht nur sinnvoller, sondern auch inspirierender macht. Außerdem fördert Nachhaltigkeit maßgeblich die Innovation in einem Unternehmen, im Hinblick auf Produkte, Prozesse und Geschäftsmodelle.

    Interface nutzt weltweit bereits 58 Prozent recycelte und biobasierte Materialien. Das bedeutet, dass wir weniger abhängig sind von fossilen Brennstoffen, schwankenden Preisen und Ressourcenknappheit. Auch deshalb geht Interface zukunftsweisende Wege im Bereich integrativer Geschäftsmodelle auf Basis der Kreislaufwirtschaft, beispielsweise mit dem Net-Works-Programm. Hier arbeiten wir mit Fischern auf den Philippinen und in Kamerun zusammen, um Geisternetze aus dem Meer und von den Stränden zu sammeln. Diese bilden wiederum Material für das Garn unserer Teppichfliesen.

     

    Was steht noch auf Ihrer Agenda, damit das Ziel erreicht wird, bis 2020 ein nachhaltiges Unternehmen zu sein?

    Es gibt noch viel zu tun. Unser Fokus liegt darauf, bis zum Jahr 2020 100 Prozent recycelte und biobasierte Materialien zu verwenden und weltweit Recycling- und Wiederverwendungsprogramme durch Partnerschaften zu entwickeln. Wir möchten uns zudem inklusiv engagieren, indem wir Arbeitsplätze für Menschen schaffen, die länger nicht auf dem Arbeitsmarkt tätig waren. In den Niederlanden haben wir beispielsweise mit einem Logistikpartner zusammengearbeitet und ein soziales Zentrum geschaffen, in dem Teppichfliesen, die wir zurückgenommen haben, für die Wiederverwendung sortiert werden. Letztendlich geben wir uns nie damit zufrieden, ein Ziel erreicht zu haben. Wir streben immer schon nach dem nächsten. Unserer Firmengründer Ray Anderson wusste bereits: Es gibt immer einen besseren Weg. Innovative Ideen sind daher jederzeit willkommen!


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