Nachhaltig sparen mit Energiemanagementsystemen

PV-Anlagen und intelligente Energiemanagementsysteme sparen bis zu 40 Prozent Energiekosten

Was Aldi Süd, Ritter Sport oder Deverley längst praktizieren, entdeckt jetzt auch der Mittelstand: Die energieoptimierte Produktion oder gleich den CO2-neutralen Betrieb. Die Randegger Ottilien-Quelle in Gottmadingen oder die Hans Adler OHG in Bonndorf sind nur zwei von immer mehr Beispielen.

Steigende Energiekosten und sinkende Margen im Kerngeschäft sind vielen Zulieferern trotz boomender Konjunktur vertraut. Den eigenen Verbrauch reduzieren, Abwärme recyceln oder den Strombedarf selbst regenerativ produzieren schaffen deshalb Kostensicherheit und liegen im Trend. Der Klimawandel, der für den Umweltschutz sensibilisiert, und die immer besseren und günstigeren technischen Möglichkeiten verleihen dem Thema zudem Schub.

Metzgermeister Peter Adler in Bonndorf hat seinen Betrieb binnen zweier Jahre nahezu energieautark gemacht. „Jede Form von Verschwendung stört mich als Nachkriegskind,“ begründet der Chef von 250 Mitarbeitern sein Handeln: 2015 ließ der Schwarzwälder Schinkenhersteller deshalb auf alle fünf Dächer seines Betriebs Photovoltaik-Anlagen installieren, deren Strom er komplett selbst verbraucht. Kosten: 350.000 Euro.

Eine Solar-Freifläche mit drei Megawatt Leistung kam hinzu, die zusammen ein Viertel seines Jahresenergiebedarfs von 15 Millionen Kilowattstunden decken. Unter anderem die Abwärme der Kältetechnik seiner Hans Adler OHG wird seither in zwei Stufen von 28 auf 78 Grad mittels strombetriebener Wärmepumpen hochtransferiert und in ein Nahwärmesystem überführt, das im Ort 120 Gebäude, darunter Schulzentrum, Rathaus und Gemeindehalle, mit Warmwasser versorgt. „Mit dem Erlös und der Stromkostenersparnis finanziere ich meine persönliche Energiewende,“ sagt Adler. Sein Handeln kommt auch bei Mitarbeitern und Kunden gut an, was sich im Wettbewerb um Fachkräfte und in sympathischer Bekanntheit seiner Fleisch- und Wursterzeugnisse niederschlägt.

Ein Eisspeicher mit 120.000 Litern Wasser als Puffer, um Verbräuche und Bedarfe zu glätten und wahlweise Wärme oder Kälte zur Verfügung zu stellen, ging 2016 ans Netz. Zusammen mit drei Blockheizkraftwerken (BHKW), die nachts und im Winter die Stromversorgung sichern, und einem Holzhackschnitzelwerk, das seinen bisherigen Jahresbedarf von 700.000 Litern Heizöl zum Kochen, Dampfen und Garen ersetzt, investierte Adler einige Millionen Euro. Zukaufen muss der Großmetzger im Gegenzug nur noch Flüssiggas zum Betrieb der BHKWs (Strom) und die Holzhackschnitzel (Wärme).

In Summe liefert Adler Abwärme im Energievolumen von 500.000 Litern Heizöl in das Nahwärmenetz. Dessen Betreiber ist die 2000 als Bürgerunternehmen gegründete Solarcomplex AG in Singen, die mittlerweile mit 40 Mitarbeitern unter anderem 15 solcher Netze betreibt. Vorstand Bene Müller, dessen AG den Umsatz 2016 um 30 Prozent auf 13,8 Millionen Euro gesteigert hat: „Das Bonndorfer Beispiel zeigt, wie immer mehr Technologien kombiniert und Verbraucher in Pools gebündelt werden, um die Energiewende dezentral und wirtschaftlich zu organisieren.“ Hinzu kämen bei verbesserter Leistung der Module und Speicher deren sinkende Preise.

Was Adler in Bonndorf im Großen, ist Randegger in Gottmadingen im Kleinen: Der Mineralbrunnen, der mit 22 Mitarbeitern jährlich 20 Millionen Glasflaschen abfüllt, arbeitet seit 2006 CO2-neutral. 2005 stellte der Betrieb auf Wasserkraft aus der Aach um. In den Folgejahren investierte Geschäftsführer Clemens Fleischmann in zwei PV-Anlagen, die seither 50 Prozent des Strombedarfs decken. Seit 2006 ersetzen 140 Tonnen nachwachsendes Holz pro Jahr 70.000 Liter Heizöl, die das Heißwasser aufbereiten für die Flaschenreinigung.

„Ich handele aus meiner gesellschaftlichen und ökologischen Verpflichtung heraus“, sagt Fleischmann zu seinen Motiven. Immerhin brachte ihm sein Engagement mehrere Umwelt- und Ethikpreise ein und viel Sympathie in der Bevölkerung, die sich in Nachfrage nach seinen Getränken niederschlägt. Für den 52-jährigen Betriebswirt geht es weniger um Rendite als um die Zukunft seines Geschäftsmodells, „denn wir leben vom Mineralwasser als unversehrtem Bodenschatz.“

Bei der Energiewende geht es aber nicht nur um die regenerative Produktion von Strom, sondern auch um dessen sparsamen Einsatz. Energiemanagementsysteme (EMS) wie Emsyst von Riempp in Oberboihingen erfassen alle Verbrauchsquellen wie Heizung, Lüftung, Maschinen oder Licht einerseits und alle Erzeugerquellen wie Stromnetz, Brenner, Blockheizkraftwerk oder PV-Anlage andererseits. EMS sind mit einer Software hinterlegt, in der alle Daten ausgewertet werden.

Eine Steuerung regelt etwa, dass die Heizung herunterfährt, wenn gelüftet wird. Oder Maschinen versetzt gestartet werden, um Lastspitzen zu kappen. Alternativ kann Strom aus einem etwaigen Speicher zugeführt werden, der zuvor mit PV-Strom gefüllt wurde, der aktuell nicht benötigt wurde. Das entlastet nebenbei die Netze.

Friedrich Riempp, der sein System seit 2013 mehr als 100 Mal bundesweit gewerblich installiert hat: „Erfahrungswerte von Anwendern zeigen, dass bis zu 40 Prozent Energie dauerhaft eingespart werden.“ Die Amortisation seiner knapp 30.000 Euro teuren Basislösung, die sensor- und funkgestützt auch in Bestandsgebäuden installiert werden kann, liegt erfahrungsgemäß bei maximal zwei Jahren (siehe auch Textbox „Abwärme nutzen“ und „EEG-Umlage sinkt 2018“).

 

Abwärme nutzen

 

Wie ein Energiemanagementsystem darauf basiert, vorhandene Energie effizienter zu verwenden, setzt die Abwärme-Nutzung auf dasselbe Suffizienz-Prinzip (= Verschwendung vermeiden). Die Energieagentur Kreis Konstanz gGmbH hat ein Abwärme-Kataster erstellt, das kreisweit 143 Betriebe identifiziert hat, die mindestens 50 Megawattstundem (MWh) Abwärme pro Jahr produzieren.

Im zweiten Schritt soll nun geprüft werden, wo sich in Nachbarschaft dieser Betriebe Abnehmer finden, die diese Ab- als Nahwärme wirtschaftlich nutzen können. Für diese Berechnung ist wichtig, welches Temperaturniveau die Abwärme hat und wie nah die Übertragungswege sind. Grundsätzlich gilt: Je heißer die Abwärme (ab 60 Grad) desto rentabler.

Agentur-Geschäftsführer Gerd Burkert: „Abwärme kann in Strom umgewandelt oder auf ein höheres Temperaturniveau gebracht werden.“ Und sie kann verkauft oder gespeichert werden. Vorzeigebeispiel ist der Automobilguss-Produzent Georg Fischer in Singen, der seine Abwärme an das benachbarte Maggi-Werk abgibt.

 

EEG-Umlage sinkt 2018

 

Die Umlage für Ökostrom sinkt 2018 um knapp 0,1 Cent je kWh auf 6,79 Cent. Beim Jahresverbrauch von 3500 kWh einer dreiköpfigen Familie entspricht das acht Euro/Jahr. Die Umlage, die auf dem EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) basiert, gleicht die Differenz zwischen den Vergütungssätzen von Ökostromanlagen (auf je 20 Jahre zugesagt) und dem Börsenpreis aus.

Jeder Haushalt zahlt im Schnitt 220 Euro EEG-Umlage im Jahr. Das gesamte Aufkommen, das Bürger und Unternehmen erbringen, beläuft sich auf 24 Mrd. Euro pro Jahr. 2000 war die EEG-Umlage mit 0,19 Cent je kWh eingeführt worden. Deren Höhe legen die Betreiber der Stromübertragungsnetze fest, die die garantierte Vergütung erstatten müssen.

Daneben fallen für den Strompreis, der im Privattarif um die 28,3 Cent je kWh liegt (bei Gewerbe 16 bis 19 Cent), Kosten für dessen Herstellung, Netzentgelte, Steuern und weitere Abgaben an. Würden alle Kosten für Kohle, Atom und Gas in den Strompreis eingerechnet, hätten Stromkunden 2017 auf jede verbrauchte Kilowattstunde eine "Konventionelle-Energien-Umlage" von bis zu 10,8 Cent gezahlt. Das hat das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) im Auftrag von Greenpeace Energy berechnet.

 

Hendrik Stüwe

 


10.01.2018 14:01
Hendrik Stüwe

h.stuewe.work@gmail.com