17.10.2017

Schweizer Rohstoffkonzern hat Sambia gedroht

So widersetzte sich Glencore in Sambia einer Strompreiserhöhung. "Public Eye" (früher Erklärung von Bern) spricht von "Erpressung". Vor einem Monat stieg Telis Mistakidis, Chef des Kupfergeschäfts des Schweizer Rohstoffkonzerns Glencore, der in Zug in einer Villa wohnt, in ein Flugzeug, Destination Sambia. Dort wurde er von Staatspräsident Edgar Lungu empfangen. Der Grund für das Treffen: Glencores Tochtergesellschaft Mopani, die in Sambia Kupferminen betreibt, widersetzt sich einer Strompreiserhöhung und hat damit gedroht, 4700 ArbeiterInnen auf die Strasse zu stellen. Nicht nur in Sambia spricht man von Erpressung.

 

Die Preiserhöhung ursprünglich beschlossen hat der staatliche Energieversorger Zesco, der die Firma Copperbelt Energy Corporation mit Strom beliefert, die diesen wiederum an die Minenbetreiber verkauft. Hintergrund ist die schwere Elektrizitätskrise, in der Sambia seit über zwei Jahren steckt: Wegen Trockenheit sind die Staudämme, die über neunzig Prozent des Stromverbrauchs decken, fast leer. Um die Minen, die über die Hälfte des Stroms fressen, versorgen zu können, hat die Regierung die Energie für die Bevölkerung rationiert – täglich fliesst während Stunden kein Strom. Zudem kauft sie teure Energie aus dem Ausland.

 

Lange hat der sambische Staat einen Grossteil der Mehrkosten übernommen, obwohl er tief in Schulden steckt und mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über einen Hilfskredit von 1,3 Milliarden US-Dollar verhandelt. Nun sahen sich Zesco und Copperbelt Energy gezwungen, die Stromtarife zu erhöhen: für Minenbetreiber um 54, für alle anderen um 75 Prozent.

 

"Das ist Erpressung"

 

Sämtliche Betreiber von Minen haben die Preiserhöhungen, die seit Anfang 2017 gelten, inzwischen akzeptiert. Nur Glencore nicht. Der Konzern beruft sich auf Vereinbarungen, die er mit dem sambischen Staat getroffen hat, als er diesem im Jahr 2000 den Minenbetreiber Mopani abgekauft hat. Nachdem Mopani die Tariferhöhung monatelang nicht gezahlt hatte, beschnitt die Copperbelt Energy dem Minenbetreiber am 11. August den Strom von 130 auf 94 Megawatt. Erst zog Mopani vor ein Gericht, das Copperbelt Energy aufforderte, weiter genug Strom zu liefern, bis der Streit beigelegt sei. Als sich Copperbelt Energy weigerte, drohte Mopani mit dem Wegfall der 4700 Stellen. Einer von vielen, die von Erpressung sprechen, ist der Grüne Peter Sinkamba, der 2015 für das Staatspräsidium kandidiert hat. "Glencore hat mit Entlassungen gedroht, damit Copperbelt Energy auf die Tariferhöhung verzichtet", sagt er. "Wenn sie nicht zahlen wollen, sollen sie ihre Sachen packen und gehen." Auch Andreas Missbach von der Schweizer NGO Public Eye sagt: "Das ist Erpressung. Einmal mehr wird klar, dass sich Glencore einen Dreck darum schert, wie es Sambia geht. Der Konzern will nur möglichst billig Kupfer aus dem Land holen."

 

Glencore gewinnt

 

Mit der Kritik konfrontiert, verweist Glencore auf die Pressemitteilungen von Mopani. Der Minenbetreiber beruft sich darin auf die Vereinbarung von 2000, die festhält, dass Preiserhöhungen in gegenseitiger Absprache erfolgen müssten. Zudem kritisiert Mopani Copperbelt Energy dafür, trotz gerichtlicher Verfügung die Stromlieferung nicht wieder aufgenommen zu haben. Den drohenden Stellenabbau begründet Mopani mit der mangelnden Stromzufuhr, die die Firma zur Schliessung gewisser Bereiche zwinge: "Unsere zurückgefahrenen Operationen könnten 4700 Direktangestellte betreffen."

 

Unbestritten ist, dass Sambia gegenüber Glencore-Manager Mistakidis ein Stück weit eingeknickt ist: Ein vereinbarter Deal sieht vor, dass Copperbelt Energy für die nächsten sechs Wochen wieder genug Strom an Mopani liefert. Zum alten Tarif. In dieser Zeit wollen die beiden Seiten eine längerfristige Einigung erzielen. Dabei werden weitere Streitpunkte verhandelt: Glencore fordert die Rückerstattung von Mehrwertsteuern. Zudem will Glencore, dass die Regierung von ihrem Vorwurf abrückt, der Konzern betreibe Transfer Pricing: Glencore verkauft das Kupfer von Sambia zu billig in Steuerparadiese, wie eine Studie des Wirtschaftsprüfers Grant Thornton nahelegt, etwa an die Mutterfirma in der Schweiz. Von dort wird es teuer weiterverkauft, was die Kassen von Staat, Aktionärinnen und Managern füllt. Mistakidis Vermögen: 2,5 Milliarden US-Dollar.

Wie der Deal aussehen wird, weiss niemand. Eins ist jedoch sicher: Glencore kann nur gewinnen.

 

Autor: Yves Wegelin / infosperber.ch

 

Dieser Beitrag erschien im September in der WOZ.

 

 

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