Armutszeugnis der „kulturellen Versteppung“

Armutszeugnis der „kulturellen Versteppung“
Foto: Pixabay CC/PublicDomain/Gerd Altmann

Armutszeugnis der „kulturellen Versteppung“

Alle Jahre wieder berichten die börsennotierten Unternehmen ihren Aktionären und der Öffentlichkeit, was sie im Vorjahr erwirtschaftet haben. Zugleich teilen sie mit, welche Vergütungen ihre Vorstände, Aufsichtsräte und Mitglieder sonstiger Kontrollorgane erhielten. Zumal bei den großen DAX-geführten Unternehmen sind die Summen ehrfurchtgebietend. Da kann die Tätigkeit eines Vorstandsvorsitzenden durchaus mit 12 oder auch 15 Millionen Euro im Jahr honoriert werden.

Im Durchschnitt aller DAX-Unternehmen lag das Salär pro Vorstandsmitglied 2019 bei reichlich 3,5 Millionen Euro.

Viel, wenig oder angemessen?

Ist das viel, wenig oder angemessen? Über diese Frage wird seit langem gestritten. Eine befriedigende Antwort steht bis heute aus. Fest steht nur, dass diese Bezüge gemessen an der allgemeinen Einkommensentwicklung in den zurückliegenden Jahrzehnten weit überproportional gestiegen sind. Das hat dazu geführt, dass ein DAX-Vorstand heute pro Woche netto den Gegenwert eines gehobenen Mittelklassewagens erhält und in 6 Monaten den Gegenwert einer Villa in bester Wohnlage. Noch einmal: Ist das viel, wenig oder angemessen?

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Prof. Dr. Meinhard Miegel Foto: Stift. kulturelle Erneuerung

Die Antwort mag dahingestellt bleiben. Denn bedeutsamer ist, dass mit solchen Einkommen Menschen – nicht nur in der Wirtschaft sondern auch in anderen Bereichen – aus der Gesellschaft herauskatapultiert werden. Mit der übrigen Bevölkerung haben sie nicht mehr viel gemein. Zwar ist unbestritten, dass von ihnen mitunter weit Überdurchschnittliches erwartet wird. Das ändert jedoch nichts daran, dass sie ihr Wissen und Können mit hunderttausend anderen teilen, dass sie gelegentlich kluge und dann wieder dumme Entscheidungen treffen, dass sie geleitet werden von Kindheitsprägungen und guten aber auch schlechten Lebenserfahrungen, kurz: dass sie ganz normale Menschen, sprich fehlsame Wesen sind, die, ihrer Position entkleidet, kaum Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Was also rechtfertigt Einkommen, die das Fünfzig- oder auch Hundertfache des Normalbürgers betragen? Das hier nicht Leistung im landläufigen Sinn honoriert wird, liegt auf der Hand. Denn solche Leistungen kann kein Mensch erbringen. Vielmehr geht es darum, der Welt zu zeigen: Schaut her, die hier sind etwas ganz Besonderes. Sie stehen über uns, über jedem Politiker und fast jedem Künstler, Sportler oder Wissenschaftler. Sie sind eine eigene Art Mensch, wobei auch unter dieser Art Mensch die Statuskämpfe heftig sind. Wer bekommt 10 oder 15 Millionen Euro?

Und hier werden diese Saläre zum Trauerspiel. Jede menschliche Organisation vom Staat, über das Unternehmen bis zum Sportverband tut gut daran, herausragende Leistungen zu würdigen. Das kann auch durch die Ermöglichung eines Lebens auf hohem materiellen Niveau geschehen. Doch eine Gesellschaft, die herausragende Leistungen fast nur noch mittels Geld zu würdigen vermag, ist arm dran. Und ebenso arm dran sind die Männer und Frauen, die sich auf diese Art Würdigung einlassen. So gesehen sind die alljährlichen Unternehmensberichte mit den ehrfurchtheischenden Zahlen Armutszeugnisse. Im alten China waren die Menschen weiter. Sie erwiesen denen die größte Hochachtung, die klug, gebildet und menschenfreundlich waren. Materielles Vermögen spielte nur eine ganz untergeordnete Rolle. Und sie hatten Mittel und Wege, diese Hochachtung auszudrücken.

Dies dürfte einer der empfindlichsten Schwachpunkte moderner Gesellschaften sein, dass sie, abgesehen von abnehmend beeindruckenden Orden, inflationären Preisen und ehrenhalber verliehenen akademischen Titeln, Wertschätzung fast nur noch durch Geld zeigen können. Das ist kulturelle Versteppung. Wie sagte kürzlich ein Gewerkschaftsfunktionär als Mitglieder seiner Organisation ob ihres großen Einsatzes öffentlich gelobt wurden: Davon können sie sich nichts kaufen. Sie wollen Geld sehen. Wie zeitgemäß und doch wie ärmlich!

Prof. Dr. Reinhard Miegel

Der Autor ist Kuratoriums-Vorsitzender
der Stiftung kulturelle Erneuerung

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