Atommüll: Ewigkeit bekommt Ablaufdatum

Atommüll: Ewigkeit bekommt Ablaufdatum

nzz.ch: Radioaktiver Abfall, der nur noch 300 statt 300 000 Jahre strahlt? In Belgien arbeiten Wissenschafter an einer nachhaltigen Lösung für das Atommüll-Problem. Das könnte die Gleichung im politischen Streit um die Kernenergie entscheidend verändern.

Der Ort, der die Menschheit von einem ihrer grossen Probleme befreien will, ist mit Stacheldraht eingezäunt und nur über eine einsame Landstrasse zu erreichen. An diesem Morgen verschwindet er fast im Nebel. An einer Sicherheitsschranke stehen Soldaten. Sie verlangen Papiere und klären auf, dass auf dem Areal nicht fotografiert werden darf.

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Der Besucher des nuklearen Forschungsinstituts SCK CEN nahe der belgischen Kleinstadt Mol fühlt sich wie in einem Agentenfilm, in dem es um ein gut gehütetes Geheimnis geht. «Exploring a better tomorrow» heisst passenderweise das Motto der hier arbeitenden Leute. Erkundung eines besseren Morgens. Das hört sich nach James Bond an.

Ein Reaktor mit wohlklingendem Namen

Hinter dem Stacheldraht ist die Atmosphäre jedoch entspannt. Eine junge Forscherin empfängt in einer mehrgeschossigen Werkhalle voller Röhren und Behälter, Kabel und Monitoren. Die Belgierin Katrien van Tichelen ist es gewohnt, Laien in die Geheimnisse der Atomphysik einzuweihen. Geduldig zeigt die Nuklearingenieurin dem Besucher das Miniaturmodell eines neuartigen Kernreaktors und erklärt, was es damit auf sich hat.

«Wir bauen hier einen Forschungsreaktor, in dem ein Teilchenbeschleuniger mit einem Kernreaktor gekoppelt ist», sagt van Tichelen. «Damit verfolgen wir mehrere Ziele. Zum Beispiel die Herstellung von medizinischen Radioisotopen zur Behandlung von Krebs. Am wichtigsten aber wird die Umwandlung von radioaktiven Abfällen in Substanzen mit deutlich kürzerer Halbwertszeit sein.»

Transmutation heisst das Verfahren. Im Mittelalter stand der Begriff für die irrige Hoffnung, unedle Metalle in Gold oder Silber zu verwandeln. Vergeblich suchten die Alchemisten dafür nach dem Stein der Weisen. Weitaus erfolgreicher sind da die Wissenschafter im Atomzeitalter, denen es gelungen ist, gefährliche Stoffe wie Plutonium in harmlosere Elemente umzuwandeln.

Bereits in den Neunzigern wurde die Technik im Labor erprobt. In Mol wollen die Wissenschafter den Beweis erbringen, dass die Entschärfung von Atommüll auch im grossen Massstab funktionieren kann. Mittlerweile, glauben sie, ist dies nur eine Frage von wenigen Jahren. Noch in diesem Herbst soll mit dem Bau des sogenannten multifunktionalen hybriden Forschungsreaktors für Hightech-Anwendungen, kurz: Myrrha, begonnen werden.

Inspiriert von sowjetischen U-Booten

Wie aber funktioniert die Anlage mit dem wohlklingenden Namen? Die Forscher erklären es so: Ein Teilchenbeschleuniger erzeugt einen Strahl aus Protonen. Dieser wird auf einen Tank mit einer geschmolzenen Legierung aus Blei und Wismut im Inneren des Kernreaktors geleitet. Die Protonen bringen die Atome der Legierung dazu, Neutronen abzuspalten. Diese Neutronen sind extrem schnell und somit fähig, auch den langlebigsten Atommüll zu spalten. Bestrahlen sie die Brennelemente mit den radioaktiven Abfällen, wird deren Zerfall radikal beschleunigt… weiterlesen

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