Bittere Orangen

Bittere Orangen
Bild: Orangenplantage in der Nähe von São Paulo, Brasilien. / MARCO AURÉLIO ESPARZA (CC BY-SA 3.0 unported)

Bittere Orangen – Realitäten, die uns die Industrie nicht zeigen will

Brasilien produziert den Grossteil des weltweit konsumierten Orangensafts. Während die Coronakrise die halbe Welt paralysiert, geraten die Pflückerinnen und Pflücker zwischen den endlosen Orangenbaumreihen des Bundesstaats São Paulo immer weiter in die Prekarität.

Unsere Recherche, die wir kurz vor Ausbruch der Pandemie durchgeführt hatten, beleuchtet die miserablen Arbeitsbedingungen der Menschen, die für den aus der Schweiz operierenden Multi Louis Dreyfus Orangen ernten.

Auf dem kleinen Blechtisch liegen drei frisch geschälte Orangen. Aarão (Name geändert) wird sie nicht mehr essen. An die Wand der Baracke gelehnt, in der er mit anderen Pflückern untergebracht ist, lässt er seinen Blick einen Moment lang durch den leeren Raum schweifen. Dann reisst er sich wieder zusammen, richtet sich vor seinen abendlichen Besuchern auf. Er wird bald nicht mehr hierhin zurückkommen.

Wie bereits ein Dutzend seiner Kollegen vor ihm hat Aarão beschlossen, aufzuhören. Weil er seine Gesundheit «nicht auf der Strecke lassen» will. Und weil «sich das alles nicht lohnt». «Das alles», das sind 11 Monate Arbeit in einem gnadenlosen Rhythmus. Das sind 100 bis 120 Kisten à 27 Kilo pro Tag – also etwa drei Tonnen Orangen, die es in der hier in der Region São Paulo oft sengenden Sonne oder bei strömendem Regen von bis zu 5 Meter langen Leitern herunterzutragen gilt. Dafür gibts Ende Monat 230 bis 360 Schweizer Franken – für die produktivsten Pflückerinnen und Pflücker. Für Aarão steht fest: Dies ist seine erste und letzte Safra, wie die Ernte auf Brasilianisch genannt wird.

Brasiliens bittere Orangen
Brasiliens Saftfabrikanten zahlen Zulieferern Dumpingpreise für ihre Früchte. Auf den Plantagen sind auch deshalb Sklaverei ähnliche Arbeitsverhältnisse keine Seltenheit.

Noch vor Monatsende wird der Saisonarbeiter sein vorübergehendes Dasein als Orangenpflücker beenden. Er wird versuchen, bei seinem Arbeitgeber, dem Schweizer Händler Louis Dreyfus Company (LDC), sein Rückreiseticket einzulösen und die 2200 km in seine Heimat im brasilianischen Nordosten zurückzulegen. Vielleicht wird er dort wieder als Maurer arbeiten, das sei „weniger riskant„, sagt er.

Die Datenbank der brasilianischen Arbeitsinspektion verzeichnet für die letzten 10 Jahre fast 200 durch LDC im Zitrussektor begangene Arbeitsrechtsverletzungen, die Hälfte davon betrifft die Gesundheit und Sicherheit der Arbeitnehmenden. 2018 etwa wurde LDC zur Bezahlung einer Busse in der Höhe von umgerechnet 122’400 Schweizer Franken verurteilt, weil bei einer Inspektion fünf Jahre zuvor entdeckt worden war, dass 34 Angestellte in einem ehemaligen Hühnerstall leben mussten.

Zurück in die Gegenwart: Zwischen den durchgelegenen Matratzen, die die Pflücker in den drückenden Sommernächten zum Schlafen nach draussen legen, zeugt ihre abgenutzte Ausrüstung von den harten Arbeitsbedingungen. Ein paar löchrige Stiefel, eine Gamasche gegen Kobrabisse und schweissdurchtränkte Kleider, auf denen das LDC-Logo prangt. Carlos (Name geändert) beachtet all diese Dinge längst nicht mehr. Der mit rund 50 Jahren älteste der Arbeiter, die hier hausen, wird – nachdem er zwischendurch in der Zitronenernte gearbeitet hat – bald seine sechste Safra antreten.

Sowohl Zitronen wie Orangen zu ernten sei hart, sagt er, «aber die Orangenbäume sind beim Klettern instabiler. Gott sei Dank ist mir nie etwas passiert», seufzt er und schält mit seinen arthritischen Fingern eine vierte Orange für seine Gesprächspartner. Doch auch sie werden die bitteren Früchte nicht anrühren. (Text: Public Eye)

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