Wie teuer ein wirklich fairer Preis für Kaffee ist

Martin Elwert, Gründer von Coffee Circle, denkt viel über die Preise nach, die sein Unternehmen seinen Rohkaffee-Partnern zahlt. Grund hierfür ist die bedenkliche Entwicklung des Weltmarktpreises für Kaffee, der im September das erste Mal seit über 10 Jahren unter die Marke von 1 US Dollar je Pfund gefallen ist und ein alarmierendes Tief erreichte. Zwar ist der Weltmarktpreis losgelöst von den Preisen, die Coffee Circle zahlt, dennoch trifft diese Entwicklung selbst deren Partner weltweit hart. Elwert will das ändern. Warum schreibt er in seinem Gast-Kommentar für global°:

 

Martin Elwert und Kaffeebauern inspizieren die Ernte Foto: Coffee Circle

Grundsätzlich sind die Gründe für Preisschwankungen im Kaffeehandel vielschichtig. Lassen wir den Einfluss von Hedgefonds und deren Wetten auf steigende und fallende Preise außer Acht, ist der Kerntreiber ganz klassisch das Angebot und die Nachfrage nach Kaffee. Wenn wir also eine starke Ernte haben, ist viel Kaffee vorhanden und der Preis sinkt. Befürchten wir dagegen eine knappe Ernte, steigt der Preis.

Aktuell sehen wir eine jährlich wachsende weltweite Überproduktion von Kaffee. Laut der International Coffee Organization ist der internationale Verbrauch von Kaffee mit 162 Millionen Bags, im Vergleich zum Vorjahr, um rund 1,8 Prozent gestiegen. Die Kaffeeproduktion übersteigt diesen Wert aber um 2,6 Millionen Bags. Dieses Überangebot senkt den Kaffeepreis.

 

Das bedeuten sinkende Kaffeepreise für den Farmer

Da wir nur einen Teil der Ernte unserer Partner abkaufen, wird das restliche Volumen über andere Wege vertrieben. Oft wird dieser Restbestand über lokale Börsen, die mit den Weltmarktpreisen korrelieren, verkauft, obwohl der Spezialitätenkaffee mit einem weitaus höheren Aufwand produziert wird. Damit fällt die Mischkalkulation der Kooperative am Ende der Ernte deutlich schlechter aus. Es bedarf nicht viel Wissen, um daraus abzuleiten, dass bei einem so geringen Weltmarktpreis kein Kaffeefarmer auf der Welt profitabel arbeitet.

Wir vermuten, dass bei dem aktuellen Weltmarktpreis die Produktionskosten von Kaffee höher sind als der Preis, den die Farmer dafür erhalten. Und das ist alarmierend, da Kaffee für Millionen von Farmern und ihre Familien eine existentielle Lebensgrundlage darstellt.

Den Weltmarktpreis als Vergleichswert für eine faire Bezahlung heranzuziehen, ist grundlegend falsch. Denn die Produktionskosten pro Land sind so unterschiedlich, dass wir nicht wissen, ob wir den äthiopischen Farmer fair entlohnen, obwohl wir das vierfache des Weltmarktpreises an ihn bezahlen. Der Weltmarktpreis ist deshalb kein valider Vergleichswert, um daraus eine faire Bezahlung abzuleiten.

Die Tatsache, dass dieser bis heute der beste Referenzpunkt ist, den wir in Bezug auf faire Kaffeepreise haben, reicht uns nicht mehr aus.

 

 

Mit dieser Problematik sind wir aber nicht alleine. Das gilt vor allem für die Specialty Coffee Szene, bei der insbesondere der transparente Handel sowie faire Löhne für Kaffeebauern im Vordergrund stehen. Das soll heißen, bei allen, die direct trade, farm gate oder fair xyz versprechen, kenne ich niemanden, der sich zu 100 Prozent sicher sein kann, dass er einen wirklich fairen Preis bezahlt. Es sei denn er baut seinen Kaffee selber an.

In der Regel hört die Transparenz beim Einkaufspreis (sog. FOB-Preis) auf, für den wir unseren Kaffee bei unseren Partner-Kooperationen einkaufen. Dieser wird dann mit dem Weltmarktpreis verglichen.

Aus dem Vergleich jedoch abzuleiten, dass ein x-facher FOB Preis fair ist, ist ähnlich irreführend oder gar schlicht falsch.

Ebenso wie zu behaupten, Fair Trade sorgt für faire Preise. Die zugrundeliegende Problematik ist dabei die gleiche: der Vergleich mit einem weltweiten Durchschnittspreis - ohne dabei die Produktionskostenunterschiede einzelner Länder zu berücksichtigen.

Das einzige, was wir daraus ableiten können ist, dass wir fairer bezahlen als der Weltmarkt, aber nicht ob der Kaffeepreis, den wir zahlen, wirklich erecht ist, also ob der Kaffeepreis über den Produktionskosten liegt.

Was will Coffee Circle dagegen tun?

Als Coffee Circle werden wir weiterhin Kaffeepreise zahlen, die weit über dem Weltmarktpreis liegen. Doch das allein reicht nicht mehr aus: Um sicherzustellen, dass Kaffee unseren Partnern eine Perspektive bietet und dass wir faire Preise zahlen, müssen wir einen Schritt weiter gehen und die Produktionskosten unserer Partner ermitteln.

Da diese ihre Produktionskosten aber selbst meist nicht kennen, liegt unsere

Herausforderung nun darin, das gemeinsam mit ihnen herauszufinden. Am Ende wäre Specialty Coffee unter diesen Umständen nämlich nicht die Lösung aus der Armut, sondern der Weg in die Armut. Und das wäre das Gegenteil von dem, wofür wir angetreten sind.

Die Produktionskosten umfassen alle auftretenden Kosten, die der Farmer trägt, bis er seine frisch geernteten Kaffeekirschen an (s)eine Kooperative verkauft, wo die Kaffeekirschen vieler Farmer gewaschen und getrocknet werden.

Diese Kosten sind schwer zu erfassen, da man nicht genau sagen kann, wie

viele Menschen auf der Kaffeefarm beschäftigt sind und welche Kosten für die Instandhaltung der Kaffeefarm anfallen.

Offen gesagt: Aktuell wissen wir nicht, wie hoch die Produktionskosten unserer Partner sind – und wir sind überzeugt, dass das für die meisten Kaffeehändler gilt. Aus diesem Grund hinkt der Vergleich mit dem Weltmarktpreis. Auch wenn wir selbst den Vergleich zum Weltmarktpreis oft genutzt haben, da er leicht verständlich ist, fühlen wir uns damit zunehmend unwohl.

Foto: Coffee Circle

Wir sind aktuell dabei, ein Projekt in Äthiopien aufzusetzen, um das erste Mal die realen Produktionskosten unserer Partner abzubilden.

Unser Credo „Nur wer die Umstände der Kaffeebauern versteht, kann mit den Kaffeebauern vor Ort gemeinsam etwas bewirken und langfristige Lösungen entwickeln, die ohne einseitige Abhängigkeit funktionieren“ kommt auch hier in der engen Zusammenarbeit mit unseren Farmern zum Tragen: Indem wir sie während der Ernte begleiten, können wir herausfinden, wieviel Zeit, Energie und Ressourcen 1 Kilogramm Kaffee wirklich braucht. Die Ergebnisse dieses Projektes sollen uns dann zeigen, was wir unter den lokalen Bedingungen zahlen müssen, um unsere Partner wirklich fair zu entlohnen. Nur so können wir sichergehen, dass unsere Partner in Specialty Coffee zurecht eine Perspektive sehen.

Wir hoffen, dass wir das Projekt bereits in der kommenden Ernte starten können. Ist der Pilot erfolgreich, werden wir diesen Ansatz Schritt für Schritt ausweiten.

 

Martin Elwert (37):

Er gründete 2010 das Berliner Kaffee-Startup Coffee Circle. Seine Vision: den besten Kaffee der Welt anbieten und dabei den Kaffeebauern in den Anbauländern ein besseres Leben ermöglichen. Pro verkauftem Kilogramm Kaffee fließt deshalb 1 € in Projekte, die gemeinsam mit den Menschen vor Ort umgesetzt werden.

 

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