Cäsium-137: Radioaktiver Unfall vor 35 Jahren in Brasilien

Cäsium-137: Radioaktiver Unfall vor 35 Jahren in Brasilien
Goiânia Rue 57 Hs.-Nr. 68 - 30 JAHRE NACH DEM UNFALL Foto: uraniumfilmfestival.org

Radioaktiver Unfall vor 35 Jahren in Brasilien: Opfer warten teils noch immer auf Anerkennung

Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro

Am 13. September 1987 ereignete sich in Zentralbrasilien der größte Nuklearunfall in der Geschichte Lateinamerikas. 19 Gramm hochradioaktives Cäsium-137, die in einem Teil eines Strahlenbehandlungsgeräts enthalten waren, verseuchten Teile der Stadt Goiânia im brasilianischen Bundesstaat Goiás und verstrahlten Hunderte von Menschen. Doch bis heute werden »Fake News« verbreitet, wonach der Strahlenunfall von zwei jugendlichen »Dieben« ausgelöst wurde. Sie seien widerrechtlich in eine ehemalige Krebsbehandlungsklinik eingebrochen und hätten die schwere, das Cäsium-137 enthaltende Bleikapsel aus dem Strahlenbehandlungsgerät gestohlen. Doch dies ist falsch und macht die ersten beiden Opfer zum Täter.

Fakt ist: Das Strahlenbehandlungsgerät befand sich in der nicht gesicherten Ruine des Instituto Goiano de Radioterapia (IGR) und war wie »Abfall« unbeaufsichtigt von den Verantwortlichen des Instituts zurückgelassen worden. Und herrenlosen Müll kann man nicht stehlen. Die jugendlichen Recyclingabfallsammler Roberto dos Santos Alves, damals 22 Jahre alt, und Wagner Mota Pereira, 19 Jahre alt, wurden deshalb von der brasilianischen Justiz schon vor Jahren für unschuldig erklärt und als Cäsiumopfer anerkannt. Santos Alves musste aufgrund der Verstrahlung sein rechter Arm amputiert werden, und Mota Pereira erlitt schwere Verletzungen an Händen und Füßen.

Als tatsächliche Schuldige des Unfalls von Goiânia indes verurteilte die Justiz die verantwortlichen Institutsärzte Orlando Teixeira, Criseide de Castro und Carlos Bezerrilos sowie den Physiker Flamarion Gulart wegen Totschlags zu drei Jahren und zwei Monaten Haft. Der Arzt und Eigentümer des Gebäudes, Amaurílio Monteiro de Oliveira, wurde zu einem Jahr und zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Außerdem wurde die für die Kontrolle von radioaktiven Materialien in Brasilien verantwortliche Nationale Atomenergiekommission (CNEN) wegen fehlender Inspektion zu einer Geldstrafe verurteilt. 1998 dann begnadigte der damalige brasilianische Staatspräsident Fernando Henrique Cardoso die verurteilten Ärzte und den Physiker.

Fotoausstellung „Der Cäsium-137-Unfall von Goiânia“ hier! 

Laut Ermittlungsakten wurde das IGR im Mai 1972 von den Ärzten Isis Dourado Monteiro und Amaurílio Monteiro de Oliveira gegründet, die mit Genehmigung der CNEN ein Cäsium-137- sowie ein Kobalt-60-Bestrahlungsgerät zur Krebstherapie einsetzten. 1985 verlegten die Eigentümer das IGR in einen anderen Stadtteil und hinterließen in dem nun leerstehenden Gebäude das veraltete Cäsium-137-Strahlentherapiegerät.

Am 4. Mai 1987 ließ Monteiro de Oliveira dann die ehemalige Krebsklinik fast vollständig abreißen. In der Ruine blieb das gefährliche Radiotherapiegerät ungesichert zurück, wo es schließlich am 13. September 1987 von den die strahlende Gefahr nicht ahnenden Schrottsammlern entdeckt wurde und die Katastrophe ihren Lauf nahm.

Offiziell hat die Regierung von Goiás nur vier durch das freigesetzte Cäsium-137 verursachte Todesfälle anerkannt. Doch Zahlen von Gewerkschaften, Opferverbänden und der Staatsanwaltschaft von Goiás zufolge hat der Cäsium-137-Unfall bis heute mindestens 66 Menschenleben gekostet, etwa 1.400 Menschen wurden kontaminiert. Dazu gehören die Familien, die direkten Kontakt mit der radioaktiven Substanz hatten, Ärzte und Pflegekräfte, die die Opfer betreuten, sowie Feuerwehrleute, Polizisten und Arbeiter, die bei den Dekontaminations- und Aufräumarbeiten eingesetzt wurden. Doch nur ein Teil von ihnen ist als Opfer anerkannt und erhält eine Opferrente in der Höhe eines Mindestlohnes von umgerechnet rund 200 Euro. Viele nicht anerkannte Opfer kämpfen weiterhin vor Gericht um Entschädigung und kostenfreie medizinische Betreuung.

Insgesamt erzeugten die freigesetzten 19 Gramm Cäsium-137 mehr als 3.500 Kubikmeter strahlenden Abfall, unter anderem Reste der Dekontaminierung von 85 betroffenen Häusern. 23 Kilometer von Goiânia entfernt richtete die CNEN bei Abadia de Goiás ein radioaktives Endlager in einem Naturschutzgebiet ein.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die Erstveröffentlichung erfolgte in „junge Welt“ vom 16.09.22

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