Gast-Kommentar: Corona versus Klimawandel

Gast-Kommentar: Corona versus Klimawandel
Foto: Pixabay CC/PublicDomain/Gerd Altmann

Corona versus Klimawandel

Flüge werden gestrichen, Reisen reduziert, Produktionsketten eingestellt, die Börse reagiert sofort und viele Menschen begreifen: Der Klimawandel ist eine ernsthafte Gefahr , die wir als Menschheit so schnell wie möglich in den Griff bekommen müssen, um großes Leid auf der ganzen Welt zu vermeiden.

Maiken Winter
Dr. Maiken Winter

Oops, ach so, nein, Entschuldigung. Es heißt anders: Der Coronavirus ist eine ernstzunehmende Gefahr, die wir als Menschheit in den Griff bekommen müssen. Auch gut. Denn wenn wir nicht schaffen, die rasche Ausbreitung des Virus einzuschränken, dann könnten mehr Menschen daran sterben, als wenn wir dem Virus möglichst rasch und effektiv seine Ausbreitungswege abriegeln. Insofern macht es Sinn, Flüge zu streichen und Massenveranstaltungen zu meiden.

Dennoch ist die Reaktion auf den Coronavirus erstaunlich in Relation zu anderen, größeren Gefahren, gegen die sehr viel weniger effektiv vorgegangen wird – darunter u. a.

 

  • Luftverschmutzung: Jährlich ca 6 Millionen Tote weltweit, so eine Studie der MPG im Jahr 2015
  • Autounfälle: Mindestens 1 Million Tote pro Jahr weltweit, so eine Übersicht der WHO aus dem Jahr 2013
  • Klimawandel: Nach WHO-Schätzungen mindestens 250.000 Tote pro Jahr ab dem Jahr 2030 ; und diese Rate ist nur der Anfang einer globalen Katastrophe.

Wenn wir Angst um unsere Gesundheit, ja unser Überleben haben, warum reagieren wir dann nicht entsprechend auf die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen? Flüge einstellen, Autofahren minimieren, Produktionsketten (zumindest von klimaschädlichen Dingen) einstellen … Corona zeigt, dass Menschen durchaus fähig sind, sehr schnell auf eine Gefahr zu reagieren.

Warum sind drastische Maßnahmen gegen den Coronavirus möglich, aber nicht gegen die weit größere Gefahr des Klimawandels?

Hier greifen vor allem drei Faktoren:

1. Der Schuldfaktor. Ich bin nicht schuld am Coronavirus. Dadurch kann ich seine Existenz leichter akzeptieren und leichter gemeinsam mit anderen alles tun, damit die Ausbreitung minimiert wird.

2. Der Statusfaktor. Der Coronavirus stellt nicht meinen Lebensstandard in Frage. Daher richten sich Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus auch nicht gegen meine Lebensweise und nicht gegen mein Grundverständnis von einem „guten Leben.“ Auch das macht es leichter, ihn zu akzeptieren.

3. Der Gefährdungsfaktor. Der Coronavirus stellt für mich persönlich eine unmittelbare potentielle Gefahr dar, v.a. wenn er in meinem Land, meiner Stadt oder gar meiner Nachbarschaft angekommen ist. Er ist konkret und vor Ort, während der Klimawandel weiterhin für viele als nicht real oder weit entfernt vom eigenen Leben empfunden wird.

Die Frage ist daher: Wie können wir noch viel deutlicher kommunizieren, dass

  • der Klimawandel ganz unmittelbar unser aller und auch mein eigenes Leben bedroht
  • ein Festhalten an einem mir angenehmen Lebensstil bewirken wird, dass ich langfristig massiv Lebensqualität verlieren werde
  • es nicht um die Frage von Schuld oder nicht Schuld geht, sondern darum, ob und wie eine lebenswerte Zukunft noch möglich sein wird – oder nicht.

Dementsprechend müsste unsere Antwort auf den Klimawandel die derzeitigen Maßnahmen gegen den Coronavirus bei Weitem übertreffen. Doch davon sind wir weit entfernt. Schade eigentlich. Das Leben ist so schön, auch ohne Auto, ohne Luxus; einfach mit wunderschöner Natur und guten Freunden. Das gilt es zu erhalten.

Dr. Maiken Winter

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