Das Sabbat-Jahr

Das Sabbat-Jahr
Foto: Pixabay CC/PublicDomain/Hans Braxmaier

Das Sabbat-Jahr

Der Herr sprach: Und am siebten Tag sollst Du ruhen…
Keine Angst, jetzt kommt keine Predigt. Eher ein Gedankenspiel über die unglaublichen Chancen der aktuellen C-Krise, über ein Jahr der Ruhe und über den konkreten Vorschlag für ein Sabbatjahr, für eine kleine Revolution…

Für viele Menschen ist jetzt Ruhe eingetreten. Leider ungewollt, verursacht durch einen Virus. Für manchen ist dieser Zustand der Ruhe beängstigend. Aber vielleicht ist das, was uns die gegenwärtige Krise zeigt, ein großes Geschenk. Eine Chance für einen Neubeginn.

Wer mit mir die Chancen dieser Krise untersuchen und helfen will, die daraus entstehenden Möglichkeiten zu ergreifen, sollte weiterlesen und dabei sein bei  #VerantwortungJetzt!

Rettungsschirme explodieren am Himmel

Gegenwärtig erreichen mich im Minutentakt Hilferufe. Baden-Württembergs Brauer haben einen Brandbrief verfasst und fordern Soforthilfe, genauso wie die großen Modemarken, von Hugo Boss bis Tom Tailor, das Jugendherbergswerk klagt, dass in wenigen Wochen eine endgültige Schließung aller Häuser ansteht, denn die auflaufenden Schulden könnten nie mehr getilgt werden. H&M, Adidas und Deichmann stellen ihre Mietzahlungen ein, während Künstler und Freiberufler noch klagen, dass ihre Überlebensfähigkeit gefährdet sei und um Mietstundung bitten. Messen, Konferenzen, Konzerte, Bundesliga: alles abgesagt. Einnahmen gleich null. Jede Branche gibt bekannt, sie bräuchte jetzt staatliche Hilfsmaßnahmen. Alle beklagen – neben den menschlichen Opfern natürlich – den Zusammenbruch der Wirtschaft und betteln um Soforthilfe.

Was kollabiert – wirklich?

Aber was bricht im Moment eigentlich zusammen?

Ein System, das auf Höchstleistung getrimmt ist, das die Nutzung weltweiter Kostenvorteile bis auf die Spitze getrieben hat und das die Ressourcen des Planeten ohne Rücksicht auf Verluste und kommende Generationen plündert. Dieses System soll jetzt – koste es was es wolle – gerettet werden. Und hinter vorgehaltener Hand wird geflüstert: „… notfalls zukünftig auf Kosten der Alten …“ Kluge Unternehmensberater skandieren, was alles systemrelevant sei und dass beim schnellen Ausschütten von Geld vor allem die systemrelevanten Betriebe gestützt werden müssten, denn diese würden ja durch ihre weiterlaufenden Aufträge auch alle anderen stützen …

Kurzfristig denkende Volkswirtschaftler stoßen ins gleiche Horn und errechnen, dass ein weiterer Stillstand von zwei Wochen uns mehr kosten würde als zum Beispiel unsere Jahresausgaben für die Verteidigung…

In nie gekannter Geschwindigkeit wird deshalb Geld verteilt, um alles am Laufen zu halten – ohne jedoch zu überlegen, was wir in der Wirtschaft wirklich um jeden Preis am Laufen halten sollten und wo eine kleine Nachdenkpause vielleicht gar nicht schlecht wäre.

Lassen wir also erst einmal das gegenwärtig wichtigste, nämlich das Gesundheitswesen außer Betracht – dazu später –, denn an dieser Stelle geht es jetzt erst einmal um die Betrachtung aller (noch nicht) Erkrankten und um die so vehement geforderte Soforthilfe für die vom Kollaps „bedrohte Wirtschaft“.

Was brauchen wir wirklich von „der Wirtschaft“?
Fritz Lietsch Foto: ecoworld

Fangen wir einmal damit an, was wir eigentlich wirklich brauchen und was deswegen „systemrelevant“ ist.

Wir brauchen Luft zum Atmen. Diese ist da und im Moment sogar etwas sauberer als sonst, was zum Beispiel den bedrohten Atemwegen zugutekommt.

Wir brauchen Wasser zum Trinken – das ist vorhanden – in Deutschland, Österreich und der Schweiz sogar in Trinkwasserqualität und selbst an Wein und Bier besteht noch kein Mangel.

Wir brauchen Nahrungsmittel. Hier hat sich erwiesen, wie perfekt diese Branche aufgestellt ist. Nachdem selbst massive Hamsterkäufe gut abgefedert werden konnten, zeigt sich: Der Nachschub klappt auch noch Wochen nach Ausbruch der Krise. Ein schneller Engpass wäre ja auch verwunderlich, wenn wir in „normalen“ Zeiten in der Lage sind, 40 Prozent unserer Lebensmittel wegzuwerfen.

Vielleicht besteht hier sogar schon der erste Lerneffekt von Corona: Der sorgsame Umgang mit Lebensmitteln.

Bleibt der besorgte Blick nach vorne: Kann die Landwirtschaft auch in Zukunft genügend (gesunde) Nahrungsmittel bereitstellen? Aus unserer Sicht ja. Denn bis vor kurzem herrschte an vielen Stellen eher eine Überproduktion. Eine Überproduktion, die ÜBRIGENS so groß ist, dass wir allen Ernstes Milch nach Brasilien schippern oder Hähnchenfleisch nach Afrika, womit wir dort die Märkte zerstören und bei uns die Böden und das Grundwasser belasten. Also auch hier kein Mangel in Sicht – außer, dass wir vielleicht zu bestimmten Jahreszeiten auf Flugananas und Co. verzichten müssten. So what…  (Eine Stellungnahme zum Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft bei Schließung der Grenzen finden Sie in der Langversion dieses Beitrages).

Was brauchen wir noch? Ein Dach über dem Kopf!

Auch hier bestehen im Moment keine extremen Engpässe – schon eher ein Verteilungsproblem. Die Grundversorgung mit Wohnraum ist prinzipiell gegeben und meines Wissens ist in manchen Gebieten sogar Leerstand zu beklagen. Auch Luxusleerstand. Mit etwas mehr an Solidarität und einer intensiveren Nutzung von Zweitwohnungen muss niemand auf der Straße stehen, und wenn wirklich Not am Mann wäre, könnten wir sehr schnell den sozialen Wohnungsbau ankurbeln und zusätzlich „Notunterkünfte“ bauen, die wir im schlechtesten Fall bei der nächsten, wirklich großen Krise sowieso brauchen werden …

Somit auch hier offensichtlich keine wirkliche Notlage, keine Katastrophe in Sicht.

Das Netz, es steht.

Auch die sonstige Versorgung der Bevölkerung klappt überraschend gut. Trotz unserer angeblich extrem desolaten Infrastruktur im Bereich des Internets skypen, zoomen und streamen wir dieser Tage auf Teufel komm raus und das System steht. Zur Not könnte man sogar etwas weniger streamen und wieder mehr analog spielen …

Foto: Gerd Altmann/Pixabay CC/PublicDomain

Und wenn nicht unbedingt der Kühlschrank mit dem Supermarkt und die Autos untereinander und mit dem Straßenrand kommunizieren müssen, dann ist auch hier kein existenzgefährdender Notstand in Sicht.

Die Energie fließt.

Auch unsere Stromversorgung ist gegenwärtig stabil. Der Stromverbrauch ist gar massiv zurückgegangen, denn viele Bänder stehen still und so manches Produkt wird einfach nicht produziert. Deswegen haben wir nun sogar Zeit, daran zu arbeiten, wie wir die Gewinnung und unseren Umgang mit Energie reduzieren bzw. optimieren können. Schon jetzt haben wir einen Grad an erneuerbaren Energien erreicht, der vor Jahren noch undenkbar schien. Intelligente Lösungen für die weitere Verbesserung einer klima- und menschenfreundlichen Energieversorgung gibt es längst. Jetzt haben wir Zeit, ihre Umsetzung und Implementierung anzugehen.

Der Abfall wird entsorgt.

Auch dies ist eine extrem wichtige, „systemrelevante“ Branche in unserer Konsumgesellschaft. Es ist gut zu sehen, dass sich die fleißigen Menschen im Hintergrund um unsere Abfälle und Abwässer kümmern. Vielleicht können künftig brachliegende Wissenschafts- und Ingenieurskapazitäten auch in diesem Bereich über mögliche Optimierungen im Sinne von Mensch und Umwelt nachdenken. Vielleicht werden „in der Krise“ aus den Abfällen sogar wertvolle Rohstoffe. Vielleicht bewertet die BWL die Nebenprodukte ihrer Produktion von der Lieferkette bis zur Entsorgung endlich anders, nämlich mit all den versteckten Kosten, die bisher Natur und Gesellschaft aufgebürdet werden. Also auch hier kein wirklicher Zusammenbruch, keine Katastrophe in Sicht. Eher Raum für Innovationsschübe und bahnbrechende Erfindungen (Not macht erfinderisch).

Kunst, Kultur, Spiel und soziale Kontakte

Was brauchen wir noch für ein schönes Leben? Kunst, Kultur, Spiel und soziale Kontakte. Auch hier zeigt uns die Krise, dass wir selbst viel kreativer sind, als wir glaubten. Und wenn Kunst, Kultur und soziale Kontakte nicht einem extremen Kommerz- und Kostendruck unterliegen, ja dann, dann entstehen wieder kleinere Konzerte (notfalls von Balkon zu Balkon), dann haben wir wieder Zeit und Muße, um Kunst, Kultur und soziale Kontakte zu genießen. Zeit, um gewohnte Bahnen zu verlassen und Neues zu entdecken.

Dann beginnen wir, wieder selbst mehr zu spielen, als uns nach der harten Arbeit ermattet am Bildschirm bespielen zu lassen. Hier gibt es Raum für sehr viel Neugewinn und Neubeginn schon jetzt und noch mehr nach der Zeit der Ausgangsbeschränkungen, wenn, ja wenn Kunst, Kultur und Spiel nicht mehr nur Big Business, sondern wahre Leidenschaft sind.

[Anmerkung des Verfassers: Vielleicht müssen ja unsere Helden in Stadien und Konzertsälen keine Millionen verdienen, die ihnen dann gewiefte Finanzberater wieder abnehmen. Vielleicht spielen und musizieren und kommunizieren sie und wir alle wieder aus Freude, Begeisterung und Leidenschaft.

Handwerk und Reparatur statt Wegwerfkultur

Viele Dinge sind aus „wirtschaftlicher Sicht“ Unsinn. Das lohnt sich nicht, hörte man – egal ob es um das Reparieren von Kleidung oder von Geräten ging. Klar, wenn das Zeug von Billigarbeitern zu Billigpreisen hergestellt und bei uns mit hohen Margen auf den Markt gedrückt werden kann, dann lohnt es sich nicht, in den Produktionsländern auf Arbeitsbedingungen und Umweltverschmutzung zu achten oder bei uns auf wachsende Müllberge, die wir notfalls in andere Kontinente verfrachten …

Vielleicht zeigen uns die Krise und vorübergehend geschlossenen Grenzen, dass es auch anders geht und dass man vieles noch verwenden kann und manches gar nicht braucht. Dass Handwerk goldenen Boden hat und mehr Wertschätzung und vielleicht etwas weniger Druck verdient. Und damit kommen wir zur Frage: Was brauchen wir eigentlich nicht so dringend?

Was ist wirklich systemrelevant?

Mal Hand aufs Herz. Brauchen wir wirklich Laubbläser, Kampfhubschrauber, Billigmöbel, noch größere Autos, noch breitere Reifen, noch leistungsfähigere Mobiltelefone, noch mehr Lebensmittel, noch mehr Transporte von A nach B und von B nach A, noch mehr Fernseher, noch mehr Shopping-Trips, noch mehr Wegwerfprodukte, noch mehr Geschwindigkeit, Hetze, Wettkampf, noch mehr Düngemittel, Pestizide, Überproduktion, noch mehr Umgehungsstraßen, Industriegebiete, Massentierhaltung. Die Antwort liegt bei Ihnen …

Unsere Wirtschaftsfachleute sagen JA. Wir brauchen Wachstum, wir brauchen Steuereinnahmen, wir stehen im Wettbewerb, wir müssen konkurrenzfähig bleiben, wir müssen Arbeitsplätze schaffen, wir müssen 24/7 verfügbar und um jeden Preis preiswerter sein, wir müssen, wir müssen, wir müssen.

Wie fühlt sich das an? Ja richtig, wie ein Hamsterrad. Aber da wir so schnell laufen, müssen die anderen auch so schnell laufen. Und wenn die plötzlich noch schneller laufen, weil sie auch so leben wollen wie wir, dann müssen wir noch schneller laufen und wenn dann alle immer schneller laufen, und alle – aber vor allem das Kapital – davon profitieren, dass man global dorthin geht, wo am schnellsten gelaufen oder am billigsten gearbeitet wird, ja dann profitiert vordergründig zunächst einmal jeder ein bisschen – aber was passiert dabei auf Dauer? Gigantische Emissionen aus dem Warenverkehr, Plastikmüll, verseuchte, degradierte Böden, Armutsschere, Konsumterror, Burn out… ME FIRST. Doch wir können auch anders …

Wie wollen wir wirklich leben?

Die jetzige Krise ist eine Krise, weil Menschen erkranken, weil wir Freunde verlieren, Väter, Mütter, Onkel und Tanten. Weil wir deren Weisheit und deren Weitsicht verlieren.

Sie ist keine Krise, weil „die Wirtschaft“ zusammenbricht. „Die Wirtschaft“ hat schon ganz andere Krisen überlebt. Wir haben (im Gegensatz zu anderen Gebieten auf diesem Globus) (gegenwärtig) weder zerbombte Städte, noch zerstörte Infrastrukturen. Wir haben weder Kriegstraumata noch Millionen von Flüchtlingen. Im Gegenteil, wir sind auf dem modernsten Stand, wohlgenährt und gut gebildet sowie hervorragend ausgestattet.

Also warum jammern wir hierzulande um unsere „schöne, bedrohte Wirtschaft“? Warum denken wir in der gegenwärtigen „Zwangspause“ nicht lieber darüber nach, was wir ändern können, um wirklich zukunfts- und widerstandsfähiger zu werden. Warum spannen wir jetzt nicht Hilfsschirme auf, die bereits an morgen denken.

Denn wo landet sonst das viele Geld am Ende? Etwa wieder …

Darüber können und sollten wir JETZT nachdenken. Nachdenken, wie unsere Zukunft auf diesem Planeten wirklich aussehen soll und wirklich möglich ist. Doch zurück vom Blick in die Ferne zur gegenwärtigen „Krise“.

Eigentum verpflichtet

Bereits vor Wochen habe ich angeregt: Friert alle Mieten und Pachten vorübergehend ein, setzt die Rückzahlungen von Krediten vorübergehend aus und wir bekommen Zeit. Zeit zum Überlegen, Zeit zum besonnenen Handeln, Zeit für Kreativität und Zeit für uns. Wie fühlt es sich an, plötzlich Zeit zu haben?

Schluss jetzt mit Träumen und zurück zu meinem Gedankenexperiment. Die Hauptbelastungen für unsere Wirtschaft sind Mieten und Personal. Die Hauptbelastungen für viele Bürger sind: Mieten und Konsum! Vieles andere fällt weg, wenn das „System partiell“ heruntergefahren wird, z.B. eine Verringerung der Ausgaben für Transporte und Mobilität.

Also statt überhasteter Hilfsaktionen für „die Wirtschaft“ die erste Maßnahme: Mietzahlungen und Pachten einstellen. Was vor wenigen Wochen noch als Phantastereien eines Visionärs abgetan wurde und selbst von meinen engen Wegbegleitern aus Wissenschaft und Wirtschaft milde belächelt wurde, ist seit gestern Realität. H&M, Adidas und Deichmann wollen keine Miete mehr zahlen. Dafür wurden sie sofort mit einem Shitstorm überzogen. Warum eigentlich? Genau das ist richtig so! Das ist der Weg. Damit kann Geld für Menschen und den Wandel bereitgestellt werden. Denn: Die Immobilien sind am wenigsten „gefährdet“ und somit auch ihre Besitzer. Bereits abgeschriebene Immobilien sind sowieso Hühner, die goldene Eier legen, und deren Besitzer haben sich in den letzten Jahren über fulminante Wertsteigerungen freuen dürfen. Über die Instandhaltung wird man sich sicher einigen können. Trotzdem höre ich allenthalben den Aufschrei: Wie soll man dann die Kredite für die Immobilien tilgen? Auch hier könnte die Maßnahme „einfrieren“ helfen. Immobilienkredite müssen bis auf weiteres nicht zurückbezahlt werden. JA ABER – die Zinsen… Na ja bei Nullzinsen bzw. sogar Strafzinsen auf Einlagen und einem sowieso schon mit Kapital gefluteten Finanzmarkt dürfte eine Stundung / ein Aufschub der Tilgung eigentlich gar nicht so schwierig sein.

Damit wäre Panik Nummer eins eingedämmt. Wer unbelastete Immobilien besitzt, kann in der Krise naturgemäß sehr ruhig bleiben. Alles was belastet ist, wird auf der Einnahmen- und Ausgabenseite jeweils gestoppt bzw. entlastet. Und somit gilt auch hier: Eine Verschnauf- und Nachdenkpause wäre möglich.

Nachdenken warum?

In einer Welt, die seit Jahren an Komplexität und Geschwindigkeit immer mehr zunimmt, haben wir viel zu wenig Zeit, um echte Chancen, aber vor allem auch Risiken wirklich zu erkennen, geschweige denn ihr Eintreten und ihre Auswirkungen zu prognostizieren, denn „systemische“ Risiken sind hochkomplex, eng vernetzt mit anderen Risiken, strahlen auf unterschiedliche Wirtschafts- und Lebensbereiche aus. Zudem überschreiten sie nicht nur nationale Grenzen, sondern auch systemische: solche zwischen wissenschaftlichen, technischen, wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen … Systemen also. Das gilt – neben den Komplexen der mangelhaften Steuerung in Wirtschaft und Politik (Kapitalmärkte, Korruption …) und negativen Begleiterscheinungen der Globalisierung (Ungleichheiten, gewaltbasierte Auseinandersetzungen, Identitätsverluste …) – auch für menschliche Eingriffe in die Natur, beispielsweise die Emission von Schadstoffen, die Ressourcen-, Gewässer- und Flächenübernutzung und in besonderem Maße den anthropozän induzierten globalen Klimawandel.

Schleichende Krisen bewältigen

Im Gegensatz zu Corona kommen der Klimawandel, das Artensterben, der Verlust von Boden, aber auch die Armutsschere und die Migrationswellen „schleichend“ daher und im hektischen Alltagsleben fühlt man sich sowieso hilflos.

Warum soll ich in Politik, Wirtschaft oder Alltagshandeln Nachteile in Kauf nehmen (nicht mehr gewählt zu werden, Marktanteile zu verlieren, auf meinen SUV verzichten …), wenn mein Einzelbeitrag gering ist und vielleicht sogar ein unbekannt anderer profitiert?! Was dann bleibt, sind Verdrängung und Flucht in Esoterik, Verschwörungstheorien, in verbalen oder wirklichen Extremismus.

Aber Hand aufs Herz: Wer blickt wirklich noch durch im Dschungel von Finanzkonstrukten, Klimawandel, Digitalisierung, Konkurrenzkampf, Gesundheitsbelastung und Konsumangebot? Meist ist im überlasteten Alltag nicht mal Zeit für Betroffenheit, geschweige denn dafür, wirklich selbst aktiv zu werden.

Die Universitäten stehen im Kampf um Forschungsgelder, die Unternehmen im globalen Wettbewerb, die Politik hastet von Wahlkampf zu Wahlkampf, die Schüler und Studenten büffeln sinnentleert für gute Noten, Rentner möchten endlich auch mal das Leben genießen, andere kämpfen darum, ihr Haus abzubezahlen. Daneben gilt es, die Kinder zu erziehen oder den Urlaub zu planen oder im Job erfolgreich sein zu müssen oder einfach seine Lebensmitte finden zu wollen. Es geht um Anerkennung, Existenzsicherung oder manchmal auch schlichtweg ums Überleben.

Wer hat da schon Zeit, sich um die wirklich großen Herausforderungen zu kümmern … Man bleibt lieber in seinem Trott, um nicht noch mehr Komplexität erleiden zu müssen und verbleibt in einem Job, den man eigentlich gar nicht liebt. Als Führungskraft schwört man sein Team, sein Unternehmen oder sein Volk auf ein „weiter so“ ein, denn alles andere hieße Neuland betreten – und das macht bekanntlich ja noch mehr Arbeit und vielleicht auch Angst. Außer, ja außer man wird von der Neugierde getrieben. Von der Neugierde auf Verbesserung, auf Vereinfachung, auf Veränderung.

Zeit für Neugierde, Zeit für Innovation

JA ABER… Wie soll das funktionieren?

Mein Vorschlag: Es ist Zeit für Experimente. Zeit dafür, die Konzepte und Dinge auszuprobieren, die es schon gibt. Vom „Bedingungslosen Grundeinkommen“ bis zur Gemeinwohlökonomie, jeweils angepasst auf ein zeitlich beschränktes Experiment und verbunden mit der Bereitschaft, daraus zu lernen.

Die Krise bietet uns die unglaubliche Chance, diese bereits vorhandenen Konzepte zu erproben, statt einfach nur „die Wirtschaft“ zu retten. Die Wirtschaft muss aus meiner Sicht nicht „gerettet“ werden. Sie ist dynamisch, schnell, wendig. Sie ist selbst nach den dunkelsten Perioden der Menschheit, nach schwersten Zerstörungen, wie etwa nach dem 2. Weltkrieg, unglaublich schnell wiederentstanden. Sie braucht jedoch ganz schnell Rahmenbedingungen, in denen sie sich zum Wohle des Menschen entfalten kann, ohne dabei den Planeten zu riskieren. Doch all das schüttelt man nicht aus dem Ärmel und all die Pioniere, die hier bereits experimentieren, tun dies auf eigene Kosten, auf eigenes Risiko und oft auch mit sehr viel Idealismus und Selbstausbeutung. Während andere Akteure, vor allem in der Wirtschaft, durch geschickte Lobbyarbeit ihre Pfründe sichern und Vorteile weiter ausbauen – auf unser aller Kosten. Die Bankenrettung oder die Abwrackprämie sind dafür denkwürdige Beispiele, da sie nichts zu einer wirklichen Systemveränderung beigetragen haben.

Foto: Mohammed Hassan/Pixabay CC/PublicDomain

Deshalb mein klarer Vorschlag:

Ein Sabbatical als Think-and-Do-Tank für uns alle

Schritt 1:

Mieten und Pachten werden für 1 Jahr ausgesetzt. Alle Kredittilgungen ebenfalls.

Schritt 2: Alle Gehälter werden ausgesetzt. Jeder Bürger erhält einen Grundbezug, der ihm den Einkauf von Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs ermöglicht. (Wer sehr wohlhabend ist, kann aus Solidarität darauf verzichten). Entsprechende Modelle gibt es längst.

Ergebnis Nummer 1: Die größte Belastung der Firmen, die Personal- und Mietkosten, entfallen. Da auch der Einkauf größtenteils entfällt, fallen stehende Bänder und Prozesse nicht mehr so sehr ins Gewicht. Firmen könnten in eine Art Ruhezustand gleiten.

Nur das, was wirklich „systemrelevant“ ist, wird in Zeiten der Quarantäne und Ausgangsbeschränkungen aktiv und durch besondere Maßnahmen am Laufen gehalten. Alle anderen Wirtschaftssubjekte agieren freiwillig unter Akzeptanz der gegebenen Gesundheitsbeschränkungen und auch nach deren Aufhebung. Mitarbeiter von (nicht systemrelevanten) Unternehmen oder Organisationen entscheiden, ob sie bereit sind, sich an der Optimierung und Neuausrichtung im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu beteiligen. Richtschnur können bewährte Tools wie etwa ISO-Vorschriften, Checklisten, Bewertungen, Bilanzen und Rankings sein. Das Spektrum reicht hier vom Deutschen Nachhaltigkeitskodex über die Global Reporting Initiative, den Zusammenschluss der B-Corp Unternehmen bis hin zum Ansatz der Gemeinwohlökonomie, die neben Firmen auch alle Arten von Organisationen bis hin zu Städten und Kommunen umfasst. Es gibt bereits Organisationen wie den Bundesdeutschen Arbeitskreis für umweltbewusstes Management (B.A.U.M.), Unternehmensgrün e.V., econsense, den Ethikverband der deutschen Wirtschaft, Konzepte für eine nachhaltige Finanzwirtschaft und last but not least die von den Vereinten Nationen verabschiedeten Sustainable Development Goals (SDG). Doch wie viele Firmen und Unternehmer und CEOs kennen all diese Instrumente?

Meine Minimalforderung lautet daher: Jede gegenwärtige finanzielle Zuwendung an wen auch immer sollte zumindest mit dem Hinweis oder einer „Bitte“ um zukünftig nachhaltig orientiertes Wirtschaften verbunden sein. Diese Maßnahme ist ohne Kostenbelastung unmittelbar in jedes Antrags- und Zuwendungsformular integrierbar.

Wer nicht an der Optimierung seines Arbeitgebers, seines Unternehmens mitarbeiten will, kann sein Engagement für Verbesserungen in der Gesellschaft einbringen, von der Altenpflege bis zur Katastrophenhilfe, von Sport und Spiel bis hin zur Kultur, oder sich zunächst ganz einfach erholen bis …

Ja ganz einfach: bis das Experiment beendet ist. Das gilt genau für die Dauer eines Jahres. Spätestens in einem Jahr würden alle stillstehenden Maschinen, Veranstaltungen, Aktivitäten, Schulen und Universitäten u.v.m. wieder anlaufen, in gleicher Geschwindigkeit, aber optimiert, in gleicher Qualität, aber ausgeruht und wir wären um eine Erfahrung reicher. Ein Jahr ohne Jahresurlaub aber mit Zeit für Muse, Kreativität, Erholung und Selbstverantwortung.

Was kann in diesem Jahr passieren?

Die Verpflichtungen zum Rückzug können abhängig vom Verlauf der Pandemie gelockert werden und müssen nicht aus Rücksicht auf die zusammenbrechende Wirtschaft überhastet aufgegeben werden – um dann bei einem Wiederaufflackern der Bedrohung erneut in Ausgangsbeschränkungen und hohe Todesraten zu münden.

Der Konflikt zwischen Jung (ihr verspielt unsere Zukunft) und Alt (ihr riskiert unser Leben) bricht gar nicht erst aus, sondern mündet in Solidarität und Zeit zum Austausch.

Burnout, Stress und Depressionen haben mehr Raum für Heilung. Viele Menschen werden ihre Kreativität, ihren Mut und ihre Bestimmung neu entdecken. Innere Kündigung kann sich verwandeln in eine Neuausrichtung. Energieblockaden werden damit aufgelöst. Die Effizienz und Effektivität unseres Handelns steigen, weil innere Widerstände abgebaut werden. Unternehmen und Organisationen, deren „Purpose“, deren Leistung für die Gemeinschaft, erkannt und anerkannt wird, erstarken und bekommen mehr Würdigung (Menschen im Gesundheitswesen, der Altenpflege, der Nahrungsmittelerzeugung etc.).

Kunst und Kultur bekommen, wie es sich jetzt schon in der Krise gezeigt hat, ganz neue Impulse. Wir alle finden zu einem gelasseneren Lebensstil und die Wirtschaft muss nicht mehr auf Hochtouren laufen, denn die Dinge, die wir als gar nicht mehr so systemrelevant erachten (Laubbläser, Kampfhubschrauber, der Zweitgrill und das Drittauto, der Düsenjet etc.) sind noch in ausreichendem Maße vorhanden und die langsam wieder anlaufende Produktion stellt jetzt tendenziell nur noch hochwertige, innovative Güter her, die wirklich preiswert sind. Neue Bilanzierungs- und Bewertungssysteme bevorzugen die Produkte und Firmen, die wirklich gut für Mensch und Gesellschaft, für Natur und Umwelt sind, und die Wegwerfmentalität reduziert sich immer mehr.

Wie kam es dazu?

Die Politik hatte ausreichend Zeit, echte Veränderungen der Rahmenbedingungen zu erarbeiten und zur Diskussion zu stellen. Schulen und Lehrer hatten Zeit, mit den Schülern und Eltern wirklich in den Dialog zu gehen, welche „Future Skills“ junge Menschen haben sollten. An den Universitäten dient die Forschung wieder mehr der Allgemeinheit als der Profitoptimierung von Firmen.

Wenn der eine oder andere in diesem Jahr gelernt hat, dass gesellschaftliche Anerkennung nicht nur über Statussymbole und Verdiensthöhe gezollt wird, reduziert er ggfls. inneren und äußeren Druck und wird zum besseren Chef, Kollegen, Partner und entdeckt seine wahren Interessen. Nach anfänglicher Angst vor den Veränderungen beginnt dann die Explosion wirklicher Kreativität und Lebensfreude …

Die Liste der möglichen positiven Effekte darf gerne von Ihnen ergänzt werden… bitte senden Sie mir diese zu. Nichts verbreiten wir seit Jahren lieber als gute Nachrichten, Best Practice-Beispiele und motivierende Visionen.

Nun auf zur Tat

Ich fordere alle Experten auf- insbesondere aus VWL und BWL, aus Sozialwissenschaften und Politik, dieses Gedankenexperiment zu diskutieren, zu kalkulieren und wohlgeplant umzusetzen.

Ich fordere ein Jahr des wirklichen Wagemuts und der Gesundung, statt der Fortsetzung der Praxis, ein kränkelndes System immer wieder mit neuen (Finanz-)Spritzen aufzupäppeln.

Ich rufe Schüler, Studenten, Familien, Rentner, CEOs und NGOs, Medien und Gewerkschaften und alle anderen wichtigen Akteure in unserer Gesellschaft dazu auf, wirkliches Neuland zu betreten und Mut zu zeigen. Mut für ein klitzekleines Experiment, das im Vergleich zu den viel größeren, schrecklichen „Experimenten“ und Herausforderungen des letzten Jahrhunderts mit zwei Weltkriegen und Abermillionen von Toten vergleichsweise wie eine Vergnügungsreise aussieht.

Lasst uns gemeinsam lernen, nicht nur mit dem Virus, sondern mit den ganz großen Herausforderungen unserer Ära umzugehen und dabei wieder wirkliche menschliche Größe und Kreativität zu zeigen. Sind Sie dabei?

#VerantwortungJetzt finden Sie unter www.forum-csr.net und www.VerantwortungJetzt.net

Fritz Lietsch

Fritz Lietsch ist Chefredakteur des Magazins forum nachhaltig Wirtschaften, Moderator sowie Initiator von #VerantwortungJetzt!

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