„Klima- und Absatz-Risiken zugleich bedenken“

„Klima- und Absatz-Risiken zugleich bedenken“
Foto: Julius Silver/Pixabay CC/PublicDomain

Klima- und Absatz-Risiken zugleich bedenken“

Die deutsche Wirtschaft wird stärker von den globalen Folgen des Klimawandels betroffen sein, als von denen im eigenen Land. Zu diesem Schluss kommt die vom Umweltbundesamt in Auftrag gegebene Studie „ImpactChain: Folgen des globalen Klimawandels für Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland“. Daran mitgeschrieben hat der Klimaökonom Prof. Dr. Reimund Schwarze von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Globalmagazin beantwortete er dazu Fragen:

Ist die Coronakrise so etwas wie der „rechtzeitige Warnschuss“, der uns verdeutlicht, wie gefährdet die Wirtschaft durch die Abhängigkeiten von verzweigten Lieferketten – gerade auch in fernen Regionen – sein kann?

Dr. Reimund Schwarze Foto: UFZ

Prof. Dr. Reimund Schwarze: Eine Pandemie ist ein äußerst seltenes, dafür die gesamte Welt betreffendes Risiko. Dass es jetzt mit ganzer Wucht eingetreten ist, ist sicher ein Warnschuss gegen eine weitere wildwüchsige Globalisierung mit immer stärker verzweigten Lieferketten.

Können Sie abschätzen, welche Branchen durch den Klimawandel in ähnlicher Weise am gefährdetsten durch die Bedrohung ihrer Lieferketten sind/sein werden – und warum?

Nach unseren Berechnungen werden die deutschen Dienstleistungs-, Bau- und sonstigen Industriewaren am stärksten nachteilig durch den Klimawandel im Ausland betroffen. Mit einer wichtigen Ausnahme: Die deutschen Ingenieursleistungen in den Bereichen Umwelt und Energie, sprich Maschinenbau- und Elektrowaren, profitieren von einer wachsenden Nachfrage in allen Teilen der Welt bei zunehmendem Klimawandel.

Wie bewusst sind sich nach Ihrer Einschätzung Unternehmer und Manager dieser Gefahr?

Extreme Wetterlagen wie Hurrikane und Überschwemmungen wie zum Beispiel im Jahr 2011 in Thailand haben bereits in vielen Industriezweigen zu einem Umdenken geführt. Damals waren die Lieferketten für die Chipherstellung in der Computerindustrie monatelang gestört. Aber viel passiert ist in den Unternehmen dennoch seither nicht.

Das heißt?

Das Spektrum der Klimarisiken für die Lieferketten wird nach wie vor unterschätzt. Es scheint, dass es den Unternehmern und Managern in Deutschland nicht bewusst ist.

Als Lösung solcher Krisen setzen viele Wirtschaftszweige – auch jetzt wieder – auf alte Muster, um die Geschäfte wiederzubeleben (Kaufprämien): Was schlagen Sie stattdessen vor?

Für den Wiederaufbau nach der Pandemie wird von einigen Seiten wieder die (fälschlicherweise „Umweltprämie“ genannte) „Abwrackprämie“ für Altautos ins Spiel gebracht. Diese hat sich schon nach der Finanzkrise 2008/2009 nicht bewährt. Ich schlage daher wie die meisten Umweltökonomen eine Strategie des grünen Wachstums nach der Krise vor.

Sie wünschen sich eine Verankerung der Risiko-Wahrnehmung in der Berichtspflicht von Unternehmen: Warum muss das extra betont werden und ist es nicht eigentlich selbstverständlich?

Unternehmen und Manager sind heute bereits unternehmerisch und persönlich verpflichtet, umfassend über ihre finanziellen und nicht-finanziellen Risiken zu berichten. Klimarisiken gehören selbstverständlich dazu. Aber das Ausmaß der indirekten Betroffenheit von Unternehmen durch den Klimawandel im Ausland wird unterschätzt.

Foto: Jotoler/Pixabay CC/PublicDomain

Sie empfehlen stärkere Zusammenarbeit mit weniger gefährdeten Regionen: Ist das heute überhaupt erkennbar welche das sein werden und warum?

Klimaökonomische Modelle erlauben eine Vorhersage auf Grundlage von Szenarien. Danach werden die Länder Asiens, insbesondere China und Indien, als Handelspartner stärker gefährdet sein als beispielsweise Nordamerika oder die Türkei. Vor allem eine weitere Vertiefung und Ausweitung des Handels in Europa, also nicht nur in der EU, scheint eine krisensichere Strategie im Klimawandel.

Bislang lenkte vor allem der Preis (für Arbeit oder Rohstoffe) die Suche nach Kooperationspartnern: Wird sich dies künftig ändern – und was zählt stattdessen?

Davon gehe ich aus. Die Gefährdungen der Produktion wurden bisher viel zu sehr auf die Störungen bei Vorleistungen, Arbeit und Rohstoffe, bezogen. Wir brauchen ein erweitertes Konzept von Klimarisiken, welches auch die Absatzrisiken insbesondere in den stark vom Klimawandel betroffenen Schwellen- und Entwicklungsländern mit einbezieht.

Ist die Rückbesinnung auf Kooperationen und Partner möglichst zuhause oder wenigstens in Europa unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten vertretbar – auch für Kunden (die dann den Preis bezahlen müssen)?

Wenn die Klimarisiken umfassend bei der Preisbildung berücksichtigt würden, wäre eine solche Strategie auch gegenüber Kunden und anderen Anspruchsgruppen der Unternehmen wie etwa den Nachhaltigkeitsinvestoren begründbar.

Stichwort Nachhaltigkeit: Wo und wie verknüpfen sich Argumente für veränderte Lieferketten auch mit Arbeitsrechten, Umwelt- und Klimaschutzes oder der Gesundheit?

Die Verknüpfung zu diesen Themen erfolgt über die betriebliche Nachhaltigkeitsberichterstattung. In der sogenannten integrierten Berichterstattung werden diese Ziele über Kennzahlen der langfristigen Wertschöpfung verknüpft, in der traditionellen Berichterstattung im Rahmen der Umwelt- und Sozialverantwortung von Unternehmen werden dagegen unterschiedliche Konzepte der Rechnungslegung benutzt. An der Viadrina bilden wir die Studierenden fächerübergreifend zu einer integrierten Nachhaltigkeitsberichterstattung aus.

pit

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