Klimaprotest kann nerven – aber richtig sein

Klimaprotest kann nerven – aber richtig sein

zeit.de: Aktivisten, die Straßen blockieren, um vor der Klimakrise zu warnen, können ganz schön nerven. Man kann über ihre Mittel diskutieren – sollte sie aber nicht verurteilen.

Okay, es ist doof im Stau zu stecken. Und noch viel doofer fühlt es sich, wenn nicht wie gewöhnlich die viel zu große Masse an Autos auf den Straßen schuld ist (Stau sind ja immer die anderen). Wenn man sich nicht wieder mal ärgern muss, weil man doch wieder nicht mit der S-Bahn gefahren ist und deswegen im Auto festhängt. Sondern wenn man stattdessen die Schuldigen kennt und die auch noch direkt vor einem auf der Straße kleben. Das nervt schon mächtig, klar.

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Seit ein paar Tagen passiert genau das immer wieder überall in der Republik, da setzen sich Menschen auf die Straße und blockieren den Verkehr. Manche kleben sich sogar die Hände fest, was nicht sehr angenehm sein kann. Irgendwann werden sie dann losgewaschen, landen für ein paar Stunden auf einer Polizeiwache oder sogar in einer Zelle und müssen mit einer Anzeige rechnen. Sie nehmen all das in Kauf, damit nicht mehr so viele Lebensmittel weggeworfen werden. Damit die Politik endlich beherzter etwas gegen die Klimakrise und das Artensterben tut.

Man kann und sollte darüber diskutieren, ob Straßenblockaden wirklich das beste Mittel sind, um diese Ziele zu erreichen. Ob sie sinnvoll gewählt sind. Ob das Mittel den Zweck rechtfertigt. Und ob überhaupt die Analyse des Aufstands der letzten Generation (so nennt sich die Gruppe) stimmt: dass nämlich nur noch sehr wenig Zeit bleibt, um die Klimakrise mit halbwegs zivilen Mittel zu bremsen. Dass wir deswegen jetzt zu schnellen, ungewöhnlichen Maßnahmen greifen müssen. Und dass sanfte Veränderungen – demnächst vielleicht mal ein E-Autos, die nächste Reise mit der Bahn und irgendwann mal ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung – nicht mehr reichen. Kurz: dass die Politik und jeder Mensch ganz einfach in eine andere Gangart schalten müssen.

Doch die Auseinandersetzung mit solchen Fragen ist eher selten. Viele Kommentare sind voller Herablassung, da wird geschimpft, verurteilt oder belächelt. Von „schweren Rechtsverletzungen, die man nicht rechtfertigen kann“, spricht der Grüne Winfried Kretschmann. (War der jemals ein junger grüner Wilder, also Mitglied der Partei, die durch die AKW-Blockaden groß wurde?) Da sagt der neue SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert, der in seinem früheren Leben, also vor einem guten Jahr, noch den aufmüpfigen Juso gab: „Was ist das für ein Zeichen an die KS im ambulanten Pflegedienst, die da im Auto nicht und nicht pünktlich zu der Frau kommt, die bettlägerig ist und bei der die Unterwäsche gewechselt werden muss.“

Hä? Warum ist die Blockade kein Zeichen an den Manager, der auf dem Weg zu seiner Firma ist, wo er drei Leute rauswerfen will – um ein ebenso blödes Klischee zu benutzen? Oder ein Zeichen an den Autoliebhaber, der gerade einen neuen Porsche Probe fährt. Oder ein Zeichen an mich und Sie, die wir heute morgen mal wieder zu faul waren, zur S-Bahn zu radeln? Nein, wenn das Autofahren mal für ein paar Minuten gestört wird, dann sitzen hinter dem Steuer deutscher Autos offensichtlich vor allem Vertreterinnen von Pflegeberufen, die dringend zu Schutzbedürftigen müssen. Und der Kampf für den Klimaschutz wird automatisch einer, der sich gegen Bedürftige richtet. Uff.

Doch wer weiß denn so genau, ob nicht längst auch mal eine Krankenschwester auf der Straße sitzt – weil auch sie das Gefühl hat, dass unsere Regierung die Klimakrise immer noch nicht wirklich so ernst nimmt, wie man das mit Krisen tun sollte. Weil sie diejenige ist, die die Opfer der kommenden Seuchen, die mit den steigenden Temperaturen zunehmen werden, wird pflegen müssen. Oder die der Hitzewellen. Oder die der Überschwemmungen… weiterlesen

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