Mehr Grün in den Städten

Mehr Grün in den Städten
Foto: DUH

Mehr Grün in den Städten

Zur Verbesserung der Luftqualität und für Lärmminderung fordert die Deutsche Umwelthilfe (DUH) den Ausbau von urbanem Grün in Städten.

Knapp 75 Prozent der Menschen in Deutschland leben in urbanen Räumen, betont der Umweltverband. Kleine Stadtparks, grüne Schulhöfe oder bunte Blumenwiesen würden diesen Anwohnern beim Stressabbau helfen und trügen zu verbesserter Luftqualität bei. Die DUH fordert die Städte deshalb auf, freie und freiwerdende Flächen grüner zu gestalten. Neben den positiven gesundheitlichen Effekten unterstützt mehr Stadtgrün zudem die Artenvielfalt. Der in den Städten notwendige Rückbau der immensen Flächen für den Autoverkehr muss jetzt für Fahrradfahrer, Fußgänger und Menschen, die sich erholen wollen, genutzt werden. Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer derDUHbezeichnet Stadtgrün daher als „systemrelevant“. In einem Interview mit globalmagazin erklärt er dies ausführlicher:

Ihr Büro ist mitten in Berlin: Haben Sie heute schon einen Spaziergang im Grünen machen können?

Sascha Müller-Kraenner: Ich bin mit dem Fahrrad ins Büro gekommen. Normaler erledige ich auch die meisten Termine zu Fuß…

Obwohl Sie in der Großstadt leben und arbeiten?

Berlin hat ja vergleichsweise viele Grünflächen und sich mit dem Handlungsprogramm Berliner Stadtgrün 2030 sogar verpflichtet, künftig noch mehr für Grün in der Stadt zu sorgen…

Es bleibt aber eine Stadt und ist nicht Natur…

Sascha Müller-Kraenner Foto: DUH

Wir haben natürlich in allen Bezirken auch Bereiche, wo die Menschen zu wenig Grün vor der Haustür haben und dafür unter Verkehrslärm und schlechter Luft leiden. Das sind dann oft ausgerechnet die Quartiere, wo es den Menschen auch sozial schlechter geht. Das hat eine groß angelegte Berliner Studie zum Thema Umweltgerechtigkeit sehr eindeutig aufgezeigt.

Wie und wo können Stadtmenschen Natur erleben?

Wenn wir über lebenswerte Städte reden, dann muss ich Stadtnatur in meinem nahen Umfeld erleben können. Das kann die Jogging-Runde im Stadtpark für die Sportlichen unter uns sein; ältere Menschen freuen sich vielleicht eher über eine Bank im Schatten kühlender Bäume.

Reicht das schon aus?

Nein.Ich muss da auch problemlos und ohne großen Aufwand hinkommen können. Wenn alle raus aufs Land fahren müssen, um sich im Grünen zu erholen, ist das ein Zeichen für schlechte Stadtplanung. Wir wissen, dass allein der Anblick von Grün unserer Psyche gut tut. Straßenbäume, begrünte Hausfassaden, Blumenwiesen hinterm Haus, der Minipark um die Ecke, Grün zwischen den Straßenbahngleisen – das ist vieles möglich.

Wo sehen Sie Chancen, dieses Erlebnis zu verbessern?

Ich denke, man muss sich das kleinteilig anschauen…

Zum Beispiel?

…runter auf die Stadtteilebene gehen, ins Quartier. Wie steht es dort um die Grünflächen, von wem werden sie genutzt? Welche Ansprüche haben die Bewohnerinnen und Bewohner, die Kinder oder alte Menschen? Welche Ideen gibt es?

Und doch auch die Frage: Wie setzen wir die um?

Ich sehe eine große Chance darin, die Menschen bei der Gestaltung ihres engsten Umfeldes, in dem sie sich täglich bewegen, einzubeziehen. Sich die Schulhöfe anzuschauen, die Wege zur Schule, wie grün sind die? Bieten die eigentlich außer Verkehrslärm und entsprechenden Gefahren auch noch was anderes? Das prägt doch von Klein auf. Ich glaube, wenn es uns gelingt, den Menschen bewusst zu machen, dass unsere Städte im Grunde auch ganz anders aussehen könnten, als vom Auto geprägt, und wir sie an dieser Umgestaltung teil haben lassen, dann werden viele Menschen die notwendigen Veränderungen auch mittragen.

Warum müssen Städte grüner werden, wem nützt/hilft das?

Städtisches Grün tut uns Menschen auf mehreren Ebenen gut. Ich hatte die Psyche schon erwähnt…

Was noch?

Grün hilft Stress abzubauen, es wirkt sozialer Isolation entgegen. Grünflächen laden dazu ein, vor die Tür zu gehen, sich zu bewegen, sich zu treffen. Grün bindet Staub und Lärm, das schont unsere Atemwege, das sind ja alles keine zu vernachlässigenden Größen.

Nun bin ich aber kein Mediziner sondern Vertreter eines Umweltverbandes. Und da ist es mir wichtig zu betonen, dass wir schon deswegen mehr Grün in den Städten brauchen, um uns an den Klimawandel anzupassen. Bäume, unversiegelte Flächen und offene Wasserflächen helfen, um mit diesen Hitzebelastungen fertig zu werden oder um das Wasser von Starkregen aufzunehmen. Und nicht zuletzt brauchen wir das Grün, um den massiven Rückgang der Tier- und Pflanzenvielfalt aufzuhalten.

Ist mehr Grün in Städten nicht aber ein (teurer) Luxus, der Platz raubt für Fabriken, Straßen, Büros oder Wohnungen?

Klar, die Forderung nach mehr Grün ist schnell ausgesprochen. Die Flächen müssen dazu irgendwo herkommen.

Das ist eine Zwickmühle, oder?

Die Städte stehen hier im Grunde vor zwei Herausforderungen: Erstens das Grün, das da ist, aufzuwerten, mehr für seine Erholungsfunktion und seinen Erlebniswert zu tun,  mehr für die Artenvielfalt. Und zweitens mehr Flächen für neues Grün zu schaffen. Da kommen wir dann schnell in die von Ihnen angesprochene Verteilungsdiskussion, die wir auch aus anderen Zusammenhängen kennen. Fahrradständer gegen Parkplätze zum Beispiel.

Foto: DUH

Wo liegt die Ursache für diesen Konflikt?

Wir müssen festhalten, wer in den letzten Jahrzehnten den Platz in den Städten geraubt hat. Das ist eindeutig der Verkehr, und zwar der Autoverkehr. Wenn Sie da die Hälfte raus nehmen, und das ist keine spinnerte Idee sondern notwendig, um die Klimaziele einzuhalten, dann eröffnen sich gigantische Gestaltungspotenziale für lebenswertere Städte, für Fuß- und Radverkehr, klimaschonende, gesundheitsfördernde Mobilität, Erholung, Erlebnis – und das alles im Grünen.

Kann uns die aktuelle Krise zum Thema etwas lehren?

Wir wussten auch schon vor Corona, dass die Lebensbedingungen in den Städten die Menschen teilweise krank machen. Dass die Siedlungsentwicklung inner- wie außerorts zu wenig Rücksicht auf ökologische Aspekte nimmt, auf die Artenvielfalt, auf die Ressourcen generell. Was wir begreifen müssen, ist, dass es hier Zusammenhänge gibt, über die auch wir Menschen uns nicht schadlos hinwegsetzen können. Unsere Eingriffe in Lebensräume, unsere Art zu wirtschaften, zu konsumieren, schwächt das Ökosystem in einem in der Erdgeschichte nie dagewesenen Ausmaß und vor allem in nie gekannter Geschwindigkeit. Vielleicht verschafft uns der Corona-Virus an dieser Stelle mehr Sensibilität.

Wird uns diese neue Sensibilität helfen können?

Das ist meine Hoffnung. Aber ich möchte das mit der Forderung verbinden, den notwendigen Transformationsprozess und die riesigen Chancen, die er uns Menschen bietet, endlich ernst zu nehmen.

pit

Publikationen der DUH zum Thema Stadtgrün

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