Naturzerstörung durch Milizen

Naturzerstörung durch Milizen
Guatariba Foto: lentedorafa/flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Naturzerstörung durch Milizen

Brasilien: Kriminelle holzen Regenwaldschutzgebiete ab für illegale Wohnblöcke

Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro

Offiziell galt der bis zu 2,3 Meter große und 70 Kilogramm schwere Puma seit den 1930er Jahren im Großraum Rio de Janeiros als ausgerottet. Doch überraschenderweise filmte im vergangenen Jahr eine Überwachungskamera die Raubkatze in einem Landschaftspark im Westen der brasilianischen Stadt. Eine Gruppe von Forschern der Universität von Rio de Janeiro (UERJ) setzte sich auf ihre Fährte. Sie durchstreiften die Natur- und Waldreservate im Stadtgebiet und errichteten mehrere Fotofallen. Die Mühe zahlte sich aus. »Unsere Daten bestätigen, dass Puma concolor die Stadt neu besiedelt«, berichtete das Forscherteam im September im Wissenschaftsjournal Check List. Jedoch konnte es nicht sagen, wie viele Exemplare der auch Berglöwe genannten Raubkatze durch Rio streifen.

Was klar ist: Die Rückkehr der Berglöwen unterstreicht die Bedeutung des Erhalts der Reste des Atlantischen Regenwaldes in der Metropole und die Notwendigkeit, Korridore zwischen den größeren Waldfragmenten aufrechtzuerhalten und zu erweitern. Doch seit Jahren ist das Gegenteil der Fall. Insbesondere der Westen Rios wird von schwer bewaffneten, kriminellen Milizen kontrolliert. Diese nutzen die seit rund zehn Jahren explodierenden Immobilienpreise und die dadurch ausgelöste Wohnungsnot in der Metropole aus. Sie reißen sich öffentliche Flächen unter den Nagel und stampfen oft unter den Augen von Polizei und Umweltbehörden ganze Wohnblocks illegal aus dem Boden, die sie weiterverkaufen. Dabei dringen die sich auch aus ehemaligen Polizisten rekrutierenden Milizen immer weiter in die Naturschutzgebiete vor. Laut jüngsten Daten des städtischen Umweltsekretariats holzten die Kriminellen von 2017 bis 2020 rund 500 Hektar Wald für den illegalen Wohnungsbau in Rio ab. Fast die Hälfte davon allein in den drei westlichen Stadtteilen Campo Grande, Santa Cruz und Guaratiba.

Rios Stadtregierung hat diesem Treiben zwar den Kampf angesagt und laut eigenen Angaben seit Anfang des Jahres mehr als 300 illegale Bauten abreißen lassen – 34 davon befanden sich in einem Atlantischen Regenwaldgebiet. Aufnahmen des Senders Globo vom Juni zeigten jedoch, dass auch weiterhin illegale Bauten in den Naturschutzgebieten entstehen.

Im Oktober richtete Rios Staatsanwaltschaft deshalb eine spezielle Einsatzgruppe gegen Landraub und illegale Immobiliengeschäfte durch die organisierte Kriminalität im Stadtgebiet ein. Das Dekret der Staatsanwaltschaft hob dabei die Machenschaften der Milizen im unter Naturschutz stehenden Mangrovengebiet von Guaratiba hervor. Diese verkauften illegal Flächen des Gebiets, schütteten Straßen in den Mangroven auf und errichteten Gebäude ohne jegliche Infrastruktur. Die ungeklärten Abwässer der Wohnhäuser schädigten den Fluss Cabuçu-Piraquê und die Mangroven. Zudem beklagte die Staatsanwaltschaft die Abholzung des 4.398 Hektar großen Regenwaldreservats von Mendanha, das Teil des Gericinó-Mendanha-Bergmassivs und somit ebenso wie die Mangroven von Guaratiba Lebensraum des wiederentdeckten Pumas ist.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die Erstveröffentlichung erfolgte in „junge Welt“ vom 20.11.21

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.