Rio: Mehr Milliardäre und mehr Arme, Gewinner und Verlierer der Coronakrise

Rio: Mehr Milliardäre und mehr Arme, Gewinner und Verlierer der Coronakrise
Foto: Norbert Suchanek

Rio: Mehr Milliardäre und mehr Arme, Gewinner und Verlierer der Coronakrise

Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro

Klaffende Schere: Vor der Coronavirus-Krise lagen sie auf Pappdeckeln unter den Markisen vor allem im Stadtzentrum Rio de Janeiros und an der Copacabana. Heute gibt es Obdachlose in allen Stadtteilen, selbst im Nobelviertel Ipanema. An manchen Orten wie im Aterro do Flamengo haben sie sich notdürftig mit alten Plastikplanen regelrechte Zeltsiedlungen errichtet. 

Laut offiziellem, alle zwei Jahre durchgeführten Zensus gab es 2018 in der Millionenmetropole am Zuckerhut geschätzte 4.628 Obdachlose. 2020 zählten die städtischen Behörden 7.272 auf der Straße lebende Menschen. Ein Zuwachs von 57 Prozent. Doch Hilfsorganisationen, die die Wohnungslosen mit warmen Mahlzeiten versorgen, halten diese Zahlen für  untertrieben. Die seit Jahren steigende Inflation sowie die durch die Covid-19-Pandemie ausgelöste Arbeitslosigkeit und Einkommensverluste hätten viel mehr Menschen in die Armut getrieben. Zudem habe sich auch das Profil der Straßenbevölkerung Rios verändert. Mehr als 70 Prozent der Obdachlosen waren vor der Corona-Krise Männer und älter. Heute leben vermehrt Frauen mit kleinen Kindern und ganze Familien auf der Straße.

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Foto: Norbert Suchanek

Der Wohnungseigentümer habe die Miete verdoppelt, beklagt eine Mutter mit drei Kindern, deren „neues“ Zuhause eine notdürftig mit zerrissenen schwarzen Plastikplanen überdeckte alte Matratze im Stadtpark von Flamengo ist. Da ihre geringen Einkünfte aus dem Sammeln von Aluminiumdosen nicht mehr für beides, Miete und Essen reichte, entschied sie sich für ein Leben auf der Straße. Ihre Kinder sollten nicht hungrig zu Bett gehen müssen. Geschichten wie diese sind heute typisch in den Straßen von Rio genauso wie in den anderen brasilianischen Großstädten wie Sao Paulo, Recife oder Curitiba. 

Auch laut jüngster Studie des Ökonomen Daniel Duque der Getulio Vargas-Stiftung (FGV) stieg die Armut in Rio während der Coronakrise deutlich an. 2019 galten noch „lediglich“ 16,9 Prozent der Bevölkerung am Zuckerhut als arm. Heute sind es, so Daniel Duque, mehr als ein Fünftel, 23,8 Prozent. 

Doch wo es Verlierer gibt, da sind die Gewinner nicht weit: Die Multimilliardäre! Laut Forbes stieg die Zahl der Milliardäre in Rio de Janeiro von 21 im Jahr 2014 auf 25 im Jahr 2019 und weiter auf 37 in diesem Jahr an. Unter den 10 reichsten Cariocas haben drei ihren Reichtum im boomenden privaten Gesundheitssektor erworben und dieses während der Coronakrise noch deutlich vergrößert.  So stieg laut Webjournal „Diário do Rio“ das Vermögen des Verwaltungsratsvorsitzenden der Krankenhauskette „ Rede D’Or“, Jorge Moll Filho von 2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2020 auf heute 11,3 Milliarden an. Er ist damit der viertreichste Brasilianer.  

Die reichste Frau Rio de Janeiros und zweitreichste Brasiliens wiederum ist Dulce Pugliese de Godoy Bueno mit 6,4 Milliarden Dollar auf dem Konto. Sie ist Mitbegründerin der privaten Krankenkasse Amil, die seit 2012 zur US-amerikanischen UnitedHealth Group gehört und die Dasa Clinical Diagnostics Group, das viertgrößten Labornetzwerk der Welt kontrolliert. Darüber hinaus gehören mehrere Krankenhäuser zu ihrem „Gesundheitsimperium“.  Der Dritte im Bunde ist Teil der Verwandtschaft: Ihr Sohn Pedro de Godoy Bueno, der zur Zeit jüngste Milliardär Brasiliens. Er ist Präsident von Dasa und Aktionär des Gesundheitskonzerns UnitedHealth Brasil. Sein Vermögen verdreifachte sich „dank“ Covid-19 von 1,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 2020 auf 3 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr.

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Foto: Norbert Suchanek

Insgesamt verfügen die zehn reichsten Milliardäre in Rio de Janeiro zusammen über ein Vermögen von 76,9 Milliarden US-Dollar, rund 400 Milliarden Reais. Zum Vergleich. Der Staatshaushalt des Bundesstaates Rio de Janeiro betrug in diesem Jahr rund 90 Milliarden Reais mit einem aufgrund der wirtschaftlich katastrophalen Fußballweltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen 2016 sowie der Coronavirus-Pandemie aufgehäuften Schuldenberg von 172 Milliarden Reais. Ein Bruchteil des  seit 2014 angesammelten Vermögens der superreichen Cariocas würde damit ausreichen, um Rios Schuldenlast nicht nur komplett zu tilgen.  Damit ließen sich auch bequem die Hunderten von seit Jahren leerstehenden und vor sich hin verrottenden historischen Gebäude im Stadtzentrum und den angrenzenden Vierteln wie Lapa, Flamengo und Catete renovieren. Dies würde nicht nur Wohnraum für das Heer der Obdachlosen schaffen. Dies wäre auch ein beispielhaftes, Arbeitsplatz schaffendes Konjunkturprogramm zur Rettung des kulturellen Erbes der einst schönsten Stadt der Welt. Kein Carioca müßte auf der Straße und von der Hand in den Mund leben. Und kein Kind müßte ohne ein Dach über dem Kopf hungrig zu Bett gehen. 

Es braucht schlicht den politischen Willen und etwas Kreativität dazu.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die Erstveröffentlichung erfolgte in „junge Welt“.

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