Rotlicht: Grüne Lunge

Rotlicht: Grüne Lunge
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Rotlicht: Grüne Lunge

Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro

Wer die Metapher von der »grünen Lunge« der Erde in die Welt brachte, ist nicht bekannt. Unaufhaltsam hat sie sich aber als weltweit verwendetes Synonym für den Amazonasregenwald durchgesetzt. Doch sie beruht auf einem Irrtum. Das Bild geht von der Annahme aus, dass Amazonien einen Großteil unseres Sauerstoffs in die Atmosphäre abgibt. So verbreitete UN-Generalsekretär António Guterres anlässlich der dramatischen Waldbrände 2019 in Brasilien die Behauptung, das Gebiet sei »eine Hauptquelle von Sauerstoff«. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron präzisierte: »Unser Haus brennt. Buchstäblich. Der Amazonasregenwald – die Lunge, die 20 Prozent des Sauerstoffs unseres Planeten produziert – steht in Flammen.«

Es ist zwar richtig, dass der Regenwald tagsüber durch Photosynthese große Mengen an Sauerstoff freisetzt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn nachts und ohne Licht kehrt sich dieser Prozess um, und die Bäume verbrauchen das Gas wieder. Außerdem leben in Amazonien nicht nur Pflanzen, sondern auch Sauerstoff umsetzende Tiere und Mikroorganismen. Yadvinder Malhi, Professor für Ökosystemwissenschaften an der Universität Oxford, erläutert, wie Macron auf jene 20 Prozent kommt: »Die Gesamtsauerstoffproduktion durch Photosynthese an Land beträgt etwa 330 Gigatonnen Sauerstoff pro Jahr. Der Amazonas macht etwa 16 Prozent davon aus, etwa 54 Gigatonnen Sauerstoff pro Jahr.« Aufgerundet seien dies die erwähnten 20 Prozent.

Doch auch das Phytoplankton in den Ozeanen betreibt Photosynthese und erzeugt dabei rund 240 Gigatonnen Sauerstoff pro Jahr, womit der Beitrag des Amazonasgebiets auf etwa neun Prozent schrumpfe. Hinzu kommt, dass der Amazonas als Ökosystem ungefähr soviel Sauerstoff verbraucht, wie er produziert. Der Nettobeitrag des Amazonas zum Sauerstoff der Welt ist praktisch null. Gleiches gilt für die Ozeane. Der größte Teil des durch Photosynthese erzeugten Sauerstoffs wird direkt von den darin lebenden Mikroben und Tieren sowie durch Zersetzungsprozesse verbraucht.

Der Sauerstoff, den wir heute einatmen, ist ein Vermächtnis der Vorzeit, ähnlich wie Erdöl oder Steinkohle. In den ersten zwei Milliarden Jahren der Erdgeschichte lag der O2-Gehalt der Atmosphäre unseres Planeten quasi bei Null. Die Zunahme der Sauerstoffkonzentration in unserer Atemluft haben wir dem Aufkommen von Phytoplankton und später von größeren Pflanzen an Land zu verdanken. In einem langsamen Prozess über Millionen von Jahren reicherten sie die Uratmosphäre minimal, aber kontinuierlich mit O2 an, bis sie seit etwa 500 Millionen Jahren ihr bis heute stabiles Sauerstoffniveau von 21 Prozent erreichte.

Selbst wenn die gesamte Photosynthese in den Ozeanen und auf dem Festland aufhörte und keinerlei Sauerstoff produziert würde, könnten wir noch jahrtausendelang weiter atmen. Der prognostizierte Rückgang des Luftsauerstoffs würde selbst in Worst-Case-Szenarien mit kompletter Verbrennung fossiler Brennstoffe und totaler Entwaldung im Verhältnis zu dem riesigen atmosphärischen O2-Reservoir sehr gering sein.

Anders hingegen sieht es beim Sauerstoffgehalt in den Ozeanen aus. Die Meere enthalten nur weniger als ein Prozent des in der Atmosphäre gespeicherten Sauerstoffs. Aufgrund der globalen Erwärmung steigen auch die Meerestemperaturen, und damit sinkt der Sauerstoffgehalt des Wassers. Deshalb breiten sich sogenannte Sauerstoffminimumzonen aus, was zu einem Rückgang oder vollständigem Verschwinden von atmenden Organismen wie Fischen in diesen Gebieten führt.

Eine Lunge, um auf dieses Bild zurückzukommen, produziert in Wirklichkeit gar keinen Sauerstoff, sondern entzieht ihn der Luft und setzt im Gegenzug Kohlendioxid frei. Lungen sind also Treibhausgas- und keine Sauerstoffproduzenten. Da der Amazonas laut einer jüngsten Studie spätestens seit 2010 ein Nettoproduzent von CO2 in der Größenordnung einer mittleren Industrienation ist, stimmt die Metapher zumindest heute einigermaßen.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die Erstveröffentlichung erfolgte in „junge Welt“ vom 18.08.21

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