Nachhaltigkeit made in Germany

Nachhaltige Unternehmen setzen auf "made in Germany" (Foto: Fotolia)

Rainer Brang, Erfinder von Hörbert, setzt auf Langlebigkeit und Robustheit (Foto: Privat)

Würste, Spielzeug und Fahrradlenker – wer in Deutschland mit einer Produktion starten will, muss eine Nische finden, Altes neu denken und auf Qualität und Nachhaltigkeit setzen.

Die Herkunft zählt: Mehr als die Hälfte der deutschen Verbraucher wollen lokale Marken kaufen. Wichtigster Grund: Die Konsumenten möchten die deutsche Wirtschaft unterstützen. Das haben Marktbeobachter von Nielsen in der aktuellen Studie Global Brand Origin herausgefunden. Demzufolge bevorzugen 56 Prozent der Befragten lokale Angebote.

 

Nische finden

 

Den Trend zum lokalen Konsum nutzen auch deutsche Gründer. Kaum ein Szeneclub, der nicht mit dem Schwarzwälder Affen-Whiskey Monkey 47 coole Kunden lockt. In Berlin schrauben seit kurzem zwei Ingenieure schicke Edelstahldreiräder zusammen. Die Smikeson-Renner waren auf der Spielwarenmesse in Nürnberg ein Hit, weil Käufer das Label „Hergestellt in Deutschland“ schätzen.

Doch eine Produktion in Deutschland aufzubauen, ist ein Risiko. Hohe Investitionen und Löhne schrecken ab. Dass es dennoch geht, zeigt etwa Haero-Carbon. Das Start-up stellt Lenker für Triathlon-Fahrräder her. Wer beim Ironman in Roth oder auf Hawaii startet, kennt die Lenker aus Lorch. Gerade einmal 185 Gramm wiegen die schwarzen Stangen aus Carbon. „Wer sich für unser Produkt entscheidet, ist nah am Profisport dran“, sagt Gründer und Geschäftsführer Christoph Härer. Auf einige Hundert Kunden in Deutschland kommt er, gefragt nach der Größe der Zielgruppe.

 

Einfach und robust

 

Für möglichst „alle Kinder“ hingegen will Rainer Brang seinen Hörbert „Made in Schwaben“ herstellen. Der Softwareentwickler baut den MP3-Player aus Holz in Frickenhausen zusammen. Er sieht die Musikbox im Retro-Design als besonders robust und langlebig an. 38.000 Besucher im Museum of Modern Art in New York hätten den Hörbert „getestet“. Der Klangspieler überlebte die Heerscharen von Kinderhänden und dudelt immer noch fleißig.

Geht dann doch mal was kaputt, können Eltern mit wenigen Handgriffen Ersatzteile austauschen. „Wir haben Hörbert angelegt wie früher Autos gebaut wurden“, lacht Erfinder Brang. Vor 30 Jahren wäre es noch möglich gewesen, selbständig Öl am Opel zu wechseln. Oder die Fenster ohne Elektromotor runter zu kurbeln. Genauso simpel sei der MP3-Player aus Buche und Pappelholz konstruiert. Jeder könne ihn intuitiv bedienen und vor allem reparieren. „Eine App ist nicht nötig“, sagt Brang.

 

Regionale Zulieferer

 

Altes neu gedacht ist die Geschäftsidee von Grillido. Drei Gründer aus Deckenpfronn erfinden Spezialwürste und schaffen es mit der Idee bis ins Privatfernsehen. Die Wurstrevolution lehnt in der dritten Staffel „Die Höhle der Löwen“ 100.000 Euro Risikokapital ab. Mit einem Fünftel wollte sich ein Investor beteiligen. Fünf Prozent wollten im Manuel Stöffler und Michael Ziegler maximal dafür geben. Deal geplatzt. Aufmerksamkeit garantiert. 400 000 Würste produzieren die Gründer aktuell pro Monat. Abnehmer sind Sternköche, Fitnessstudios und eine Supermarktkette. Dass die Produktion in Deutschland läuft, ist für die Schwaben selbstverständlich. Die Schwarzwälder setzen bei Fleisch, Kräutern und Gemüse auf Regionalität. Produziert wird in einer Stuttgarter Metzgerei, 40 Kilometer nordöstlich von Deckenpfronn.

Von etwas weiter weg bezieht Rainer Brang seine Musikbox-Bauteile. Dreiviertel kommen aus Deutschland, viele direkt aus Baden-Württemberg. So liefert ein Unternehmen ein paar Straßen weiter weichmacherfreie Kabel. Das Gehäuse schreinern zwei Betriebe aus dem Neckartal. Die Platine kommt aus dem bayerischen Wald, die Edelstahl-Gitter fertigt ein Metallbauer in Mecklenburg-Vorpommern. Die bunten Tasten findet Brang bei einem Automobilzulieferer in Dänemark. „Gibt’s Probleme, sparen wir uns langwieriges Hin- und Herschicken“, erklärt der 41-Jährige den Vorteil kurzer Wege. Stattdessen sucht Brang den persönlichen Kontakt. Tüftelt etwa einen halben Tag mit dem Lieferanten an der richtigen Form des Drehknopfs, der die Lautstärke regelt. Verhindern, dass Visaton den eingebauten Lautsprecher in Asien fertigt, kann er indes nicht. „Dafür sind wir als Unternehmen noch zu klein“, sagt Brang.

 

Infrastruktur nutzen

 

Räumliche Nähe wiederum spielt ebenso für Radfahrer Christoph Härer eine große Rolle. Denn seine Gründung ist direkt angedockt an die Alfred Härer GmbH. Einem traditionellen Werkzeugbauer aus dem Remstal. Die Verflechtung ist eng im Familienunternehmen. Beim Automobilzulieferer ist der 44-Jährige für das Personalwesen zuständig. „Ich kann einfach zu unserem Techniker gehen und neue Lenkermodelle testen“, verdeutlicht Härer, der die vorhandene Infrastruktur nutzt. Auf Maschinen die ansonsten Druck- und Spritzgießteile formen backt der ambitionierte Hobby-Triathlet Prototypen.

Produzieren in Deutschland ist für die meisten Gründer trotzdem wenig attraktiv. Laut aktuellem KfW-Gründungsmonitor sind fast 70 Prozent aller Start-ups Dienstleister. Auf Platz zwei folgt der Handel mit 12 Prozent. 2015 wagten nach Angaben des IfM Bonn 388.000 Gründer den Schritt in die Selbständigkeit.


14.12.2017 12:21
Hendrik Stüwe

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