Europas Heizung droht auszugehen: der Golfstrom

Meereis in der Framstraße Foto: AWI/Sebastian Menze

Hollywood-Regisseur Roland Emmerich hatte es in seinem Katastrophenstreifen „The Day after Tomorrow“ schon vor 10 Jahren vorausgesehen: Ohne den klimatischen Einfluss des Golfstroms wäre es in Europa um einige Grad kälter. Im Film erstarrt das Land unter einem dicken Eispanzer. Was als Fiktion galt, bestätigen jetzt Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Institutes, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Sie entdeckten Hinweise auf einen zentralen Steuermechanismus und ein wichtiges Puzzle-Teil in der Klimaanlage der Erde: In den vergangenen 30.000 Jahren beeinflusste die An- und Abwesenheit von Meereis in der Framstraße die Intensität des Golfstroms und das europäische Klima stark. Schmilzt dort – wie aktuell – das Eis, wird es in Europa kühler.

Die Meerenge zwischen Grönland und Spitzbergen spielt als zweispuriges Förderband von salzigem Atlantikwasser im Osten und dem kälteren Meerwasser sowie den Eismassen aus der Arktis im Westen, eine große Rolle in Bezug auf die Kraft der gewaltigen Meeresströmung des Golfstroms. Das wärmere Wasser aus dem Atlantik kühlt sich ab und sinkt in dem nordatlantischen Nadelöhr in tiefere Schichten. Die entstehende Sogwirkung zieht den Golfstrom wie ein riesiges Pumpwerk Richtung Europa, wo sein warmes Wasser für ein erträgliches Klima sorgt.

Treten an dieser Stelle aber Veränderungen ein, wirken sich diese auf den schon 1513 entdeckten Strom und damit das europäische Klima aus.

 

Algenarten dienen als Biomarker der Klimageschichte

 

Die Geologin Juliane Müller und Ruediger Stein vom AWI warfen mithilfe eines neun Meter langen Bohrkerns, den Wissenschaftler früherer Expeditionen am westlichen Kontinentalhang von Spitzbergen dem Sediment entnommen hatten, einen Blick in unsere Klima-Vergangenheit. Bei der dortigen hohen Sedimentationsrate lässt bereits ein einziger Zentimeter Rückschlüsse auf 5 bis 10 Jahre Klimageschichte zu.

Anhand des Moleküls Brassicasterol, welches von einer im Meerwasser lebenden Kieselalge stammt und IP25, das eine im Eis lebende Alge produziert, konnten die Wissenschaftler rekonstruieren, dass es in den vergangenen 30.000 Jahren zu zwei Eis-Schmelzen am Nordpol gekommen ist. Zum ersten Mal gegen Ende der bislang jüngsten Eiszeit vor 17.600 Jahren, zum zweiten Mal vor 12.800 Jahren. Die Wissenschaftler wissen: Zum selben Zeitpunkt verlor der Golfstrom an Kraft. Er transportierte damals jeweils weniger Wärme nach Europa.

 

AWI-Wissenschaftler weisen Empfindlichkeit des Golfstromsystems nach

 

Ursache ist laut der Geologen die plötzliche Freisetzung großer Süßwassermengen, welches in den Atlantik trieb und das Salzwasser verdünnte. Während das Eis in der Meerenge die Eisbedeckung in Europa und Nordamerika stabilisierte, führte das Abschmelzen zu einer Veränderung der Dichteverhältnisse. Die Pumpe des Golfstroms wurde geschwächt und die Temperaturen in Europa sanken. „Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, wie wichtig das arktische Meereis für die globale Ozeanzirkulation ist und dass plötzliche Veränderungen in der Meereisbedeckung des Arktischen Ozeans in direktem Zusammenhang mit abrupten Klimaschwankungen stehen“, erklärte Juliane Müller.

Das Verständnis für die Strömungsmuster des globalen Förderbandes ist nicht nur wichtig für die Überprüfung und Verbesserung der Klimamodelle der Vergangenheit, sondern trägt auch zu genaueren Vorhersagen seines zukünftigen Verhaltens bei.LMR

 

 

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