MPI: Super-GAU-Risiko in Europa 200 Mal höher

Foto: ap/Niggl

Alles viel schlimmer: „200 mal häufiger als in der Vergangenheit geschätzt“, bewerten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz das Risiko gefährlicher Kernschmelzen in westeuropäischen AKW. Die atomare Verseuchung des Kontinents mit radioaktivem Cäsium-137, besagt ihre aktuelle Studie, würde nach einem GAU „mehr als 1.000 Kilometer weit“ reichen. „Die Forscher fordern aufgrund ihrer Erkenntnisse eine tiefgehende Analyse und Neubetrachtung der Risiken, die von Kernkraftwerken ausgehen“, schreibt das MPI über die neuen Atomdaten.

Jos Lelieveld, der Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz zum Anstoß für seine Forschung: „Nach Fukushima habe ich mich gefragt, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein solcher Unfall wieder passiert, und ob wir die Verbreitung der Radioaktivität mit unseren Atmosphärenmodellen berechnen können.“

Ergebnis: „Einmal in 10 bis 20 Jahren dürfte es zu einer Kernschmelze in einem der aktiven Reaktoren kommen. Derzeit sind weltweit 440 Kernreaktoren in Betrieb, 60 befinden sich in Planung.“

Die Berechnung der Forscher: Um die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze zu ermitteln, teilten die Wissenschaftler die Laufzeit aller Kernreaktoren weltweit seit Inbetriebnahme des ersten zivilen Reaktors bis heute durch die Zahl der bisherigen Kernschmelzen. Die Laufzeit der Reaktoren summiert sich auf 14.500 Jahre. Zahl der Kernschmelzen: vier – eine in Tschernobyl und drei in Fukushima. Daraus ergibt sich, dass es in 3.625 Reaktorjahren zu einem GAU kommt.

„Selbst wenn man dieses Ergebnis auf einen GAU in 5.000 Reaktorjahren aufrundet, um das Risiko konservativ abzuschätzen“, sagen die MPI-Forscher, „liegt das Risiko 200mal höher als Schätzungen der US-amerikanischen Zulassungskommission für Kernreaktoren im Jahr 1990 ergaben.“

 

Foto: ap/Martin Wimmer

Die Forscher bestimmten zudem die geografische Verteilung von radioaktiven Gasen und Partikeln rund um eine mögliche Unglücksstelle mit Hilfe eines Computermodells, das die Erdatmosphäre beschreibt. Um die radioaktive Verseuchung näherungsweise zu ermitteln, berechneten die Forscher, wie sich Partikel des radioaktiven Cäsium-137 (137Cs) in der Atmosphäre verbreiten und wo sie in welchen Mengen über den Niederschlag in den Boden gelangen. Die Simulation der Mainzer Forscher ergab, dass durchschnittlich nur acht Prozent der 137Cs-Emission in einem Umkreis von 50 Kilometern um ein verunglücktes Kernkraftwerk nieder gehen. Ungefähr 50 Prozent der Teilchen würde innerhalb von 1.000 Kilometern abgelagert, und etwa 25 Prozent würde sogar weiter als 2.000 Kilometer transportiert.

Die Ergebnisse der Transportrechnungen kombinierten die Forscher mit der ermittelten Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze und der tatsächlichen Reaktordichte in der Welt, um zu bestimmen, wie oft eine radioaktive Kontamination droht. Laut Definition der Internationalen Atomenergie Behörde IAEA gilt ein Gebiet mit mehr als 40 Kilobecquerel Radioaktivität pro Quadratmeter als kontaminiert. Dieser Ernstfall drohe „Westeuropa, wo die Reaktordichte sehr hoch ist, durchschnittlich einmal in 50 Jahren“, fassen die MPI-Forscher zusammen.

Noch dramatischer: „Im weltweiten Vergleich tragen die Bürger im dicht besiedelten Südwestdeutschland durch die zahlreichen Kernkraftwerke an den Grenzen von Frankreich, Belgien und Deutschland das höchste Risiko einer radioaktiven Kontamination.“ Eine solche AKW-Havarie „würde dort etwa 34 Millionen Menschen betreffen, im Osten der USA und in Ostasien wären es 14 bis 21 Millionen Menschen.“

Jos Lelieveld: „Der Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie verringert zwar das nationale Risiko einer radioaktiven Verseuchung. Deutlich geringer wäre die Gefährdung, wenn auch Deutschlands Nachbarn ihre Reaktoren abschalteten.“

 

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