Die Mutter aller Probleme

Foto: Idgie Gutmensch

Die Sprache der Demokratie Die Streitkultur Die Bereitschaft zum Konsens

Die Mutter aller Probleme ist nicht die Migration

Die Mutter aller Probleme ist die neue Diskussionskultur

Die Mutter aller Probleme sind Diffamierung und Ausgrenzung

Die Mutter aller Probleme ist die mangelnde Bereitschaft zur Tolerenz

 

Demokratie lebt von der Freiheit – auch der Meinungsfreiheit. Zur Demokratie gehört die Vielfalt von Ansichten, gehören die Diskussion, aber auch der Konsens, der Kompromiss und die Einigung.

Jeder darf nach seiner Facon selig werden.

Unser Grundgesetzt sagt dazu:

„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

Bekannt ist auch das Zitat: "Die Freiheit eines Menschen endet dort, wo die Freiheit eines anderen Menschen beginnt".

Gemäß Rosa Luxemburg ist Freiheit auch immer die Freiheit der Andersdenkenden.

Zugegeben, das ist sicherlich nicht immer einfach.

Sicherlich gibt es Menschen, die in ihren Meinungen extrem verbohrt sind, deren Rhetorik so dermaßen unterirdisch ist, dass man sich nicht auf eine Diskussion einlassen möchte.

Vielleicht ist es bei den Unbelehrbaren auch wirklich zwecklos.

Man muss sich nicht in jedem Forum auf endlose battles einlassen, wenn von vorne herein absehbar ist, dass das virtuelle Gegenüber nur seine Meinung herausposaunen will.

Diskussion oder gar konstruktive Zusammenarbeit ist schwierig bis unmöglich, wenn Jemand nur Konfrontation will.

Ist nicht die Sprache längst zum Kampfmittel geworden als Waffe zur Provokation?

Wenn die Politiker zu wenig streiten, sich zu sehr einig sind, entsteht der Eindruck, dass gemauschelt wird, dann wird ihnen schnell Schmusekurs und Stillstand vorgeworfen.

Der Wähler ist unzufrieden.

Streiten sich die Parteien wochenlang erbittert um Details erscheint es oft wie Korinthenkackerei, wie sinnloses Hickhack und Machtspielchen.

Auch dann ist der Wähler unzufrieden.

Aber sind die Wähler nicht in erster Linie damit unzufrieden, dass die Politiker um sich selbst kreisen, sich als Selbstdarsteller geben und um Macht und Posten schachern?

Ob sie die wirklichen Probleme ihres Stimmvolkes wahrnehmen darf manchmal bezweifelt werden. Es geht halt darum, zugkräftige Themen in den Mittelpunkt zu stellen.

Aber wichtig wären eigentlich die entsprechenden Lösungsmöglichkeiten.

Oft sind die Politiker nicht wählerisch in der Wahl der Mittel und kämpfen mit allen Bandagen.

Die Debatten werden schärfer und der Ton immer aggressiver.

Wenn der Druck zu groß wird, wird gehandelt, das stimmt schon. Aber manchmal gerät das dann zum blinden Aktionismus und ist wenig hilfreich bis kontraproduktiv.

Von rechts außen wird ein Horror-Szenario heraufbeschwört. Da spricht man von „Überfremdung, Asyl-Orkan oder menschlicher Überflutung“ und die Menge fordert: “Absaufen lassen“.

Andererseits wird beschönigt und von Ankerzentren und Rückführung gesprochen.

Begriffe wie „Antiabschiebeindustrie“ und „Gefährder“ werden achtlos in die Diskussion geworfen und auch der Begriff „Biodeutscher“ scheint sich etabliert zu haben. Übelkeit verursachen mir auch Begriffe wie Integrationsverweigerer oder Passdeutsche.

Wir sind die Guten und wer nicht für uns ist, ist gegen uns? Wir gegen den Rest der Welt? Wo bleibt der Dialog?

Kein geringerer als der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes Andreas Voßkuhle rügte schon vor einiger Zeit die inakzeptable Rhetorik, worauf prompt die Antwort kam, man brauche keine Sprachpolizei.

Vielleicht braucht man sie doch?

Auch der Bundespräsident Frank-Walther Steinmeier beklagt im Sommer 2018 die Schärfe der Streitereien und zeigte sich zutiefst besorgt. Er forderte: man müsse zu einer Sprache zurückfinden, die es erlaube, Kompromisse zu schließen.

Aber will man überhaupt Kompromisse oder will man nur die Öffentlichkeit in seinem Sinne beeinflussen, mit allen Mitteln? Wollen nicht manche ewig Gestrigen bewusst die Konfrontation und sind an Kompromissen wenig interessiert? Versucht man da nicht die Spaltung, putscht Kontroversen unerbittlich hoch?

Falls man angegriffen wird oder wirklich mal in eine Diskussion gerät helfen Nebelkerzen und Ablenkungsmanöver nach Marke „wag the dog“ (immer noch einer meiner Lieblingsfilme). Wenn der Hund nicht mit dem Schwanz wedelt, wedelt eben der Schwanz mit dem Hund.

de.wikipedia.org/wiki/Wag_the_Dog_&

Genau so beliebt ist es, einen Sündenbock zu finden, auf den alle Unzufriedenheit projiziert werden kann. Das demonstriert die AfD am Beispiel der Flüchtlingspolitik seit Monaten.

Ob die Rechten wissen, dass der Begriff Sündenbock eigentlich aus dem Judentum kommt, weil am Jom Kippur – dem Versöhnungstag - ein Ziegenbock symbolisch mit allen Verfehlungen beladen und dann in die Wüste geschickt wurde?

Zugegeben - Teile der Bevölkerung sind wirklich unzufrieden, fühlen sich unverstanden und abgehängt. Allerdings brennen ihnen eigentlich ganz andere Themen auf den Nägeln. Da geht es eher um Wohnraum, Pflege, Kitaplätze, Schulen, soziale Gerechtigkeit, Klima, öffentlicher Nahverkehr etc.

Das „Problem“ Flüchtlinge ist jedenfalls in der Öffentlichkeit viel präsenter als es in den Köpfen der Bürger.

Da werden mit Hilfe der Medien und cleveren Marketing-Strategien, mit fake Profilen und Massenposts Kontroversen künstlich hochgeputscht und ein Volkszorn demonstriert, den es so eigentlich gar nicht gibt.

Und wer sich sprachlich richtig austoben will, findet Gelegenheiten satt in den oft a-sozialen Netzwerken…Da darf scheinbar jeder pöbeln, verunglimpfen und diffamieren, wie es ihm beliebt…

Und es stimmt einfach nicht, dass fake news wahr werden, wenn man sie nur oft genug wiederholt und populistisch dargestellt werden.

Jede Seite lebt in ihrem eigenen Mikrokosmos und in ihrer eigenen Informationsblase, abgeschottet vom Rest der Welt und der Einzelne nimmt nur seine eigene Wahrheit zur Kenntnis.

Fakt ist: es gibt unterschiedliche Wahrheiten, genauso wie unterschiedliche Wahrnehmungen.

Ich würde mir wünschen, dass man die Wahrnehmung Andersdenkender zunächst mal einfach ernst nehmen kann, auch wenn man selbst das vielleicht völlig konträr empfindet.

 

Sehr bemerkenswert fand ich daher die Aktion „Deutschland spricht“. www.zeit.de/serie/deutschland-spricht

Immerhin 4300 Gesprächspaare mit kontroversen Ansichten haben sich da zum Gespräch zusammengesetzt und versucht, die Empörung über die Missstände und das Ohnmachtsgefühl über die jeweiligen Ärgernisse zu überwinden und im Dialog zusammenzufinden. Welch tolle Idee!

Wir brauchen „Herz statt Hetze“, wir brauchen bunte Vielfalt statt „Schuldkultur“.

Zurück zum Pluralismus statt Abschottung und Nationalismus.

Vielleicht muss man auch offen sein für neue Wege.

Nur, wer vom Weg abweicht, wird Spuren hinterlassen…

Vielleicht muss man schon früh anfangen, neue Werte zu definieren.

Auf Herzensbildung setzen, statt immer wieder die Leistungsgesellschaft propagieren, die schon unsere Kinder krank macht. Ist nicht soziale Kompetenz wichtiger als der Pythagoras?

Andererseits - nervig und manchmal hinderlich ist auch der vielleicht verständlich Wunsch nach political correctness, der zu immer neuen abstrusen Wortschöpfungen führt, weil – sobald ein Begriff anfängt negativ besetzt zu wirken flugs einen neuer geschaffen werden muss.

Dabei geht es doch eigentlich darum, das negative Empfinden zu verändern. Der Begriff an sich ist doch eigentlich zweitrangig, oder?

Ist es nicht egal, ob ich Gastarbeiter, Ausländer, Geflüchteter oder Bürger mit Migrantenhintergrund sage? Ob Negerkuss oder Eiweißschaum mit Schokoladenüberzug….

Wichtig ist doch, ob ich es abwertend meine oder nicht und was ich im Kontext gerade dazu sagen will, oder??

Wo ist die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen? Wer ist noch bereit, wirklich zuzuhören? Andere Meinungen erst mal zu akzeptieren.

Vielleicht kann man sich auch erst mal dafür interessieren, wie das jeweilige Gegenüber zu dieser Meinung gekommen ist. Worauf sie sich begründet. Vielleicht schafft man es ja auch mal, die Perspektive zu wechseln, sich in das Gegenüber hinein zu versetzen und kann Verständnis für dessen Ansichten entwickeln.

Stichwort: Wer sich nicht bewegt bewegt nichts.

Unsere Freiheit ist das Grundgesetz. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Keine Einschränkungen. Nicht „die Würde des deutschen Menschen“, nicht „die Würde des christlichen Menschen“ nein – die Würde JEDES Menschen ist unantastbar.

Die Regeln für unser Zusammenleben sind im Grundgesetz definiert. Es kann sicher nicht schaden, sich darauf zu besinnen.

 

Das ist sicher zielführender als Thekenpolitik mit Stammtisch-Parolen wie:

ich mein ja bloss

das wird man ja wohl noch sagen dürfen….

 

 

 


07.11.2018 09:14
Idgie Gutmensch

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