19.02.2019

#FridaysForFuture: Offener Brief an die Bundeskanzlerin

Screenshot: Video

Die von der Bundeskanzlerin am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz gemachten Bemerkungen bezüglich der Schülerstreiks für das Klima verwundern sehr. Wähnt sie doch Russland als verborgene Quelle hinter den Streiks und man muss sich fragen, ob diese Äußerungen überhaupt ernst gemeint waren. Auch die Tatsache, dass in Belgien, wo die SchülerInnen ebenfalls zu Zehntausenden auf die Straße gehen, bereits eine Ministerin wegen ähnlich absurder Vermutungen zurücktreten musste, hat Frau Merkel offensichtlich nicht davon abhalten können.

 

Als Reaktion publizieren wir einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin, verfasst von Gunther Moll, der schon einen Brief in 3 Teilen an die streikenden SchülerInnen, deren LehrerInnen und Eltern, geschrieben hatte. Er bittet die Kanzlerin um Unterstützung für die Schülerstreiks und mahnt zu Vernunft und Verantwortung, die man sich in der Tat von allen Politikern wünscht.

 

 

„Fridays for Future“

 

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

 

bitte erlauben Sie mir, mich nach Ihrer Aussage auf der Münchner Sicherheitskonferenz zu „In Deutschland protestieren jetzt die Kinder für Klimaschutz“ und „Aber dass plötzlich alle deutschen Kinder – nach Jahren ohne sozusagen jeden äußeren Einfluss – auf die Idee kommen, dass man diesen Protest machen muss, das kann man sich auch nicht vorstellen. Also Kampagnen können heute übers Internet viel einfacher gemacht werden“ in einem offenen Brief an Sie zu wenden.

 

Als ich zum ersten Mal von der „Fridays for Future“ Bewegung hörte, kamen mir spontan ein Gedanke und eine Frage in den Sinn.

 

Der Gedanke: Klasse, jetzt könnte es losgehen. Damit meine ich die Verwirklichung der fiktiven Geschichte einer sogenannten Kinderwagen-Revolution, in der es Kindern, Eltern und Großeltern gelingt, die Regierenden in unserem Land endlich zur Gewährleistung der in der UN-Kinderrechtskonvention verbriefen Rechte zu bewegen. Diese fiktive Geschichte hatte ich gemeinsam mit meinem Sohn Benjamin 2012 im Buch „DieKinderwagenRevolution“, und nochmals in einer gekürzten, überarbeiteten Fassung 2016 im Buch „Der Umbruch: Wie Kinder, Eltern und Großeltern unser Land veränderten“ erzählt.

 

Die Frage: Hätte ich zu meiner Schulzeit bei den Freitagsdemonstrationen mitgemacht? Meine Antwort lautet „Nein“. Nicht, weil mir dazu der Mut gefehlt hätte, sondern weil ich damals noch glaubte, dass Politiker*innen nur das Beste für uns Bürger*innen erreichen wollen. So bin ich in den 60er und 70er Jahren aufgewachsen, so hatte ich es überall gelesen und gehört. Heute ist meine Meinung, die ich vor kurzem im Artikel „Der große Betrug“ auf den Punkt brachte, eine ganz andere.

 

In meinem Beruf als Kinderpsychiater kann ich seit über drei Jahrzehnten fast täglich mit Kindern über ihre Wünsche, Hoffnungen, Sorgen und Ängste sowie ihre jeweils ganz besondere Sicht der Welt sprechen. Deshalb darf ich Ihnen, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, folgendes mitteilen:

 

Erstens: Die Kinder in unserem Land haben, auch durch die Erziehung ihrer Eltern und Großeltern, durch den Unterricht ihrer Lehrer*innen und die heute im Internet für jeden verfügbaren unabhängigen Informationsquellen – und wir haben in unserem Land zum Glück so viele tolle Eltern, Großeltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen und Journalist*innen – einen Wissensstand, den ich zu meiner Schulzeit bei weitem noch nicht hatte.

 

Und zweitens: Die Kinder in unserem Land haben – aus demselben Grund – eine Haltung und Verantwortung für sich, ihre Mitmenschen und unsere Umwelt gewonnen, wie es die Vereinten Nationen in ihrer Menschenrechtserklärung vorgeben. Sie sind viel, viel weiter, als so viele von uns Erwachsenen. Sie können, das kann ich Ihnen durch meine berufliche Erfahrung versichern, selbstständig denken und sozial verantwortlich handeln. Und dies nicht nur im „Hier und Jetzt“, sondern – eine unserer großen menschlichen Fähigkeiten – gerade auch in die Zukunft hinein.

 

Eine Zukunft, die – wenn nicht schnellstmöglich die „Klimaziele“ umgesetzt werden – zu einer Klimakatastrophe führen wird. Denn auch Sie, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, können – obwohl Sie eine der mächtigsten Personen auf unserer Erde sind – keinen „Planet B“ hervorzaubern.

 

Als Kinderpsychiater versuche ich alles, damit sich Kinder – so wie es die UN-Kinderrechtskonvention vorgibt – in größtmöglichem Ausmaß zu vollen und harmonischen Persönlichkeiten entwickeln und in einem Höchstmaß an Gesundheit leben können. Zur Persönlichkeitsentwicklung gehört es, sich aus einem inneren Antrieb heraus aufrichtig für „seine Sachen“ einzusetzen; zur Gesundheit gehört grundlegend eine gesunde Umwelt.

 

Damit die Klimakatastrophe noch abgewendet werden kann, müssen wir unser Klima und unseren Planet sofort schützen. Dafür treten die Kinder in unserem Land ein. Nur dafür.

 

Ich ziehe vor den Schüler*innen, deren „Fridays for Future“-Bewegung nicht eine durch einen „äußeren Einfluss“ gemachte Kampagne ist, sondern aus ihren Herzen und ihrer Verantwortung heraus herrührt, meinen Hut – und unterstütze ihren Protest zum Klimaschutz, soweit ich es nur kann.

 

Tun Sie, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, dies bitte auch. Dies ist – jetzt aus meinem Herzen heraus – mein ganz großer Wunsch an Sie.

 

Hochachtungsvoll,

 

Ihr Gunther Moll

 

Professor Dr. Gunther Moll

Leiter der Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit am Universitätsklinikum Erlangen

www.gunther-moll.de

www.facebook.com/Professor.Gunther.Moll

 

Die Veröffentlichung erfolgt im Rahmen unserer Medienpartnerschaft mit Pressenza, wo der Artikel zu erst erschien...(CC BY 4.0)


red

 

 

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