GNH: Der Weg zu Glück und Wohlbefinden

Foto: gnhcenterbuthan.org

GNH - mehr als eine visionäre Idee: Das Wohlergehen der Bürger will der so genannte Gross National Happiness-Index (GNH) messen. Die im Himalaya-Staat Bhutan Anfang der 1970er-Jahre entwickelte Methode findet weltweit immer mehr Befürworter als Alternative zur gängigen Messlatte des Brutto-Inlandsprodukts (BIP). global° fragte den Leiter des GNH Center in Bhutan, Dr. Tho Ha-Vinh, bei seinem Besuch des Münchener Vereins Bene e. V., warum die Regierung des Landes sogar ihre Kabinettsentscheide nach diesen Regeln beschließt.

 

global°: Warum erfanden die Menschen in Bhutan GNH?

 

Den Gedanken hatte unser vierter König. Er suchte nach bedeutenderen Maßstäben für das Wohlergehen unsres Landes als der Anhäufung nur materieller Güter. Damals öffnete sich unser Land für die Welt. Er merkte, dass dies nicht nur Vorteile haben würde: Unsere Kultur und Traditionen gerieten in Gefahr, unsere Natur war bedroht. Er suchte nach einem Weg, Moderne zuzulassen – ohne zu viele Opfer zu fordern.

 

Ist GNH heute als Maßstab in Bhutan allgemein akzeptiert?

 

Ja – auch wenn nicht jeder Bürger, den Sie auf der Straße danach fragen, GNH wirklich erklären kann… und manchmal lamentieren einige, dass die Methode unsere Wirtschaftsentwicklung verlangsame, denn wir laufen nicht jedem möglichen Gewinn hinterher und bedenken stets die Wirkungen, die uns ein so genannter Fortschritt bringt.

 

Diese Einschränkung nehmen die Menschen in Bhutan hin?

 

Es ist ein sehr langer Weg, GNH in die Tat umzusetzen…

 

Wie machen Sie das in Bhutan?

 

Wir haben dafür drei Institutionen. Eine kümmert sich um die GNH-Forschung. Dort werden die Methoden der Erhebung mit Wissenschaftlern aus der ganzen Welt stetig verfeinert.

Dann die GNH-Commission: Sie kümmert sich um die Planung der Regierungsarbeit und setzt die Prioritäten für die Fünfjahrespläne…

 

GNH gibt konkrete Entscheidungen für Regierung vor

 

Sie nutzen GNH tatsächlich fürs konkrete Regieren?

 

Natürlich. Letztes Jahr etwa wollte die Regierung pro Woche einen autofreien Tag einführen. Sehr rasch gab es in den Städten Proteste, da dies das Alltagsleben erschwerte. Die Regierung entschied sich für eine Abstimmung per SMS: Und die Bürger einigten sich auf einen autofreien Tag pro Monat. Damit sind jetzt alle zufrieden.

 

Abstimmung per SMS?

 

Das zeigt die Ambivalenz unseres Landes: Einerseits sind wir ein Entwicklungsland, andererseits hochmodern.

 

Das klingt nach gelebter Demokratie…

 

Bhutan ist als Land so etwas wie ein Labor. Wir testen, wie die Idee des GNH in der Realität funktionieren kann. Das ist stets eine Gratwanderung, denn wir können uns nicht von der Welt abschotten – das wollen wir auch gar nicht. Aber wir können ausprobieren, ob es den alternativen Weg gibt, auf dem wir neben dem Maßstab des reinen Wirtschafts- und Wohlstandswachstums doch auch unseren neuen Maßstab gibt, der uns erlaubt das Wohlbefinden – eben Happiness - objektiv zu quantifizieren.

 

Und das machen Sie in Ihrem Center?

 

Unser Center widmet sich als Nichtregierungsorganisation der GNH-Umsetzung im Alltag. Wir entwickeln Methoden, den ganzheitlichen Ansatz von GNH im gesellschaftlichen Miteinander umzusetzen und erlebbar zu machen. Es geht darum, Materielles und Spiritualität einzubeziehen und deren Stärken zu kombinieren.

 

GNH lässt sich in allen Ländern verwirklichen

 

Bringt diese Art von Entwicklung nur positive Wirkungen hervor, oder gibt es auch negative?

 

Vor einer Generation konnten nur wenige Menschen Bhutan lesen und schreiben. Heute besuchen alle die Schule, nahezu alle können Englisch. Das hat Folgen, da viele nicht mehr zurück wollen in die entlegenen Dörfer und lieber in der Stadt gute Jobs suchen.

 

Und wie lassen sich so unterschiedliche Ansätze in einen Index packen, um daraus einen Maßstab zu kreieren?

 

Dafür gibt uns die Sozialwissenschaft eine Reihe quantitativer Methoden an die Hand. Wir fragen etwa, wie viel Prozent ihres Einkommens die Menschen in Bhutan für die Gemeinschaft spenden oder wie viele Stunden jeder Bürger pro Woche meditiert. Da kommt für westliche Verhältnisse Erstaunliches heraus: Fast alle spenden über zehn Prozent ihres Einkommens!

 

Lässt sich die Methode auf andere Länder übertragen?

 

Sicher. Sie ist universell. Nur müssen für jedes Land natürlich spezielle Fragen entwickelt werden, die der Situation angepasst sind. Im Prinzip jedoch geht es für alle Länder und jeden Menschen darum, ausgeglichene Entwicklungswege zu finden und zu beschreiten. Das schließt neben einer philosophischen Grundhaltung den Schutz der Natur, die Wahrung von Traditionen und eine gute Regierungsführung ein. Dies versuchen wir allen Gästen in unserem Center zu vermitteln: Es geht nicht nur um Bhutans Entwicklung, es geht um alle Menschen auf der Erde.

 

Interview: Gerd Pfitzenmaier

 

 

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