Artenschwund im Domino-Effekt

Foto: Wikimedia CC 3.0/Nadalo

Erst verschwinden die Pflanzen, dann folgen die Tiere: Wissenschaftler des Frankfurter Senckenberg-Instituts zeigen in einer jetzt vorgelegten Studie den Zusammenhang und die Abfolge des Aussterbens der Pflanzen- und Tierarten auf dem Planeten.

Das internationale Expoertenteam veröffentlichte die Arbeit im Fachorgan Nature Communications .

 

Artverlust führt zu „Kaskade von Aussterbeereignissen“

 

Die wissenschaftler sprechen von einem „Domino-Effekt“, den der Verlust einer Pflanzenart auslösen kann: „Besonders bedroht sind Insekten“, schreiben die Wissenschaftler. Sie seien auf die Interaktionen mit bestimmten Pflanzenarten angewiesen. Pflanzen hingegen verkrafteten das Verschwinden ihrer tierischen Partner besser.

Die Rundblättrige Glockenblume etwa sei, so schreiben die Wissenschaftler, nur eine von vielen Pflanzenarten, die vom Klimawandel negativ betroffen sein wird. Sie sei zudem eine wesentliche Nahrungsquelle für eine spezialisierte Bienenart, die Glockenblumen-Scherenbiene. „Wie alle Tier- und Pflanzenarten sind beide Teil von komplexen ökologischen Netzwerken, in denen die interagierenden Arten miteinander verwoben sind“, heißt es in der Pressemeldung über die Studie.

„Das lokale Aussterben von Tieren und Pflanzen kann daher zu einer Kaskade weiterer Aussterbeereignisse in diesen Netzwerken führen, zum Beispiel als Folge des Klimawandels“, sagt Matthias Schleuning vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum.

 

Kaskade des Artenschwindens

 

Foto: Pixabay CC/PublicDomain

Er und seine Kollegen haben modelliert, wie empfindlich mehr als 700 europäische Pflanzen- und Tierarten gegenüber möglichen zukünftigen Klimaveränderungen sind. Erstmals haben sie diese Modelle mit Informationen zu den Interaktionen von Pflanzen mit ihren Bestäubern und Samenausbreitern kombiniert. Die Simulation zeigt, dass der initiale Funke von Aussterbekaskaden in Folge des Klimawandels vor allem von Pflanzenarten ausgeht und sich indirekt auf die Tierarten überträgt.

Besonders gefährdet durch diesen Domino-Effekt sind Tierarten, die nur mit wenigen Pflanzenarten interagieren, weil sie – im Gegensatz zu Generalisten - empfindlicher auf den Klimawandel reagieren. „Diesen Spezialisten geht es in Zukunft gleich doppelt an den Kragen. Nach unseren Analysen haben sie nämlich zudem eine enge klimatische Nische und sind damit auch direkt durch eine zukünftige Temperaturerhöhung bedroht“, erklärt Christian Hof, Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum. „Die Glockenblumen-Scherenbiene hat also ein doppeltes Aussterberisiko: direkt durch den Klimawandel als auch indirekt durch das Verschwinden einer wichtigen Nahrungspflanze wie der Rundblättrigen Glockenblume“, ergänzt Jochen Fründ, Universität Freiburg.

 

Klimawandel: Nicht alle Tierarten können auf andere Pflanzen ausweichen

 

Im Gegensatz dazu fanden die Forscher nur geringe Rückkopplungseffekte von Tieren auf Pflanzen, denn Tierarten, die besonders unter dem Klimawandel leiden, waren in der Regel nur mit wenigen Pflanzenarten vernetzt. „Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Die Glockenblume wird von verschiedenen Bestäubern besucht und wird vermutlich wenig unter dem Verlust einzelner, spezialisierter Bestäuber leiden“, ergänzt Fründ.

Ihrem Schicksal könnten Tierarten wie die Glockenblumen-Scherenbiene nur entgehen, wenn sie beim Verschwinden bestimmter Pflanzenarten in großem Umfang auf andere Partner ausweichen. Das Potential der Tiere für eine solche Umorientierung auf neue Pflanzenpartner ist allerdings bislang ungewiss. Besonders bedroht erscheinen Tierarten, die während ihres gesamten Lebenszyklus eng auf bestimmte Pflanzenarten angewiesen sind. Insektenarten sind daher mehr gefährdet als viele Vogelarten, die in der Regel flexibler in ihrer Nahrungswahl sind.


red

 

 

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