Das Erbe des „ewigen“ Eises

Foto: Andrea Wurth

Ewiges Eis verschwindet: Seit Beginn der Industrialisierung um 1850 haben die Gletscher in den Alpen etwa ein Drittel ihrer Fläche und die Hälfte ihrer Masse verloren. Der größte unter ihnen, der Schweizer Aletschgletscher, ist allein in den letzten 40 Jahren mehr als 1,3 Kilometer abgeschmolzen. Und das Tempo des Abschmelzens wird weiter steigen: Gletscherforscher rechnen mit einem fast vollständigen Verlust der Eismassen noch in diesem Jahrhundert.

Wer von der Aletsch Arena aus den Zustieg zum gewaltigen Gletscher geschafft hat, wird das blau schimmernde Eis und die metertiefen Schluchten, Spalten und Risse mit ihren bizarren Formen und dem gurgelnden Schmelzwasser so schnell nicht wieder vergessen. Schwer vorzustellen, dass der mächtigste Gletscher des Alpenraums, obendrein Zentrum des UNESCO-Welterbes Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch, einmal nicht mehr da sein könnte. Doch trotz seiner gigantischen Ausmaße – 23 Kilometer Länge und bis zu 900 Meter Dicke – machen dem Großen Aletschgletscher warme Sommer und die steigende Schneefallgrenze zu schaffen.

 

Schön und vergänglich

 

Niemand vermag genau zu sagen, wie das Gebiet des Aletschgletschers einmal aussehen wird, wenn das Eis geschmolzen ist. Einig sind sich die Forscher darin, dass spätestens zum Ende des aktuellen Jahrhunderts auch im Aletschgebiet weitere Seen entstehen werden: Der größte von 500 bis 600 Seen in den Schweizer Alpen, so heißt es, wird sich im Gebiet des Konkordiaplatzes ausbreiten. »Das ist ein dynamischer Prozess«, sagt David Volken, Gletscher- und Hochwasserexperte beim Schweizerischen Bundesamt für Umwelt. »Es werden arktische Seenlandschaften entstehen, mit Eistunneln und Gletschertoren – schön und vergänglich.«

Dazu muss sich das Schmelzwasser des Gletschers in einer Talsenke sammeln, die Gletscherzunge mündet in den See, bildet ein Eisriff und kalbt, das heißt riesige Eisbrocken fallen mit lautem Getöse ins Wasser. »Viel Action verspricht das«, meint Volken. »Und es ist sehr eindrucksvoll, besonders wenn die Eisberge in der Sonne glitzern.« Doch Schönheit und Gefahr liegen dicht beieinander: Fallen Eis- und Geröllmassen in einen Bergflanken-See, steigt das Risiko von Überschwemmungen im Tal.

Foto: Ed Kummer

»Deshalb sollte man diese Seen auch keinesfalls sich selbst überlassen«, warnt Experte David Volken. Diese mitunter zerstörerische Kraft kann man regulieren und sogar nutzen – etwa mit neuen Kraftwerken, Dämmen und klugen Bewässerungssystemen. So könnte man das Schmelzwasser speichern und dosiert an landwirtschaftliche Flächen abgeben oder höhere Regionen beschneien – auch zum Wohl von Flora und Fauna, die den Schnee zum Überleben benötigen.

 

Pioniere in Grün, Gelb und Blau

 

Wärmer wird’s und damit erst mal auch brauner. Das schmelzende Eis hinterlässt unwirtlich erscheinende Moränenfelder aus Geröll und abgeschliffenen Steinen, die sich jedoch innerhalb weniger Jahrzehnte von frischem Grün und Farben erobern lassen. In den ersten Jahren sprießen vor allem Moose und weitere sogenannte Pionierpflanzen, die dem scheinbar feindlichen Untergrund ihre Lebensgrundlage abringen. Nach etwa 30 Jahren gesellen sich Sträucher und Bäume wie die glatte Lärche und die für die Aletschregion typische knorrige Arve, beides Kiefernarten, in über 2000 m Höhe hinzu. Nach 100 Jahren, ein Klacks auf dem Zeitstrahl der Erde, ist das ehemals Braune von einem jungen Lärchen-Birkenwald bedeckt und lockt gestresste Städter auf der Suche nach Entschleunigung ins „neue Grün“ der Aletsch Arena. So zumindest die Vision des Glaziologen David Volken.

 

Anne Winterling

 

 

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