Die Erde rechnet ab: Jeder kann Klima schützen

Foto: Pixabay CC/PublicDomain

"Die Erde rechnet ab": Claus-Peter Hutters neues Buch "wie der Klimawandel unser Leben verändert" (Untertitel) soll uns aus der Lethargie reißen und Mut machen.

Jede und jeder habe Möglichkeiten, an einer besseren Welt und Natur mit zu arbeiten, meint der Chef der baden-württembergischen Akademie für Naturschutz in Stuttgart und Präsident der Stiftung Nature Life International im Gespräch mit global° Chefredakteur Gerd Pfitzenmaier:

 

Claus-Peter, Du hast inzwischen viele Bücher zu Umwelt- und Klimaschutz geschrieben. Fühlst Du dich als "Rufer in der Wüste", der immer wieder das Gleiche anmahnt - aber die Menschen reagiern nicht darauf?

Claus-Peter Hutter: Du hast recht. Wir beide haben den Klimawandel seit den 1980er-Jahren angesprochen. Auch das Artensterben, das wir jetzt unter dem aktuellen Stichwort "Bienensterben" debattieren. Das Problem sehe ich darin, dass diese Themen immer nur mit einer Verzögerung von 20 bis 30 Jahren in der Öffentlichkeit ankommen. Bestes Beispiel dafür ist der Klimawandel. Es ist die Lethargie des Menschen und seiner Systeme. Wir reagieren erst, wenn Extremlagen wie Hitzewellen und Starkregen so häufig auftreten wie aktuell.

 

Du meinst die so genannten Jahrhundertwetter...

...die jetzt quasi im Quartalstakt stattfinden. Wir sehen daran: Je heftiger die Natur reagiert und je dramatischer die Schäden sind, desto kürzer scheint das Gedächtnis der Menschen zu sein.

 

Unser Vorteil scheint, dass wir die Situation seit 30 Jahren beobachten und dabei Zusamenhänge deutlicher erkennen.Wir sehen dann auch Fortschritte, oder?

Einige Erfolge sind tatsächlich sichtbar. Etwa die Klärleistung. Ich erinnere mich, dass ich als Jugendlicher noch Schaumberge an den Schleusen des Neckars sah. Damals gab es Fischsterben im Fluss oder wir konnten am Unterlauf an der Farbe des Wassers erkennen, welche Farbe die Gerber am Oberlauf gerade benutzten. Das ist heute anders und dass sich dies änderte, ist eine saubere Leistung.

Aber: Heute kämpfen wir gegen Mikroplastik. Diese große Herausforderung müssen wir erst noch meistern.

 

Trotzdem: Stimmen die Erfolge nicht doch auch optimistisch?

Ja: Der Wolf ist wieder heimisch, Luchse sind wieder in den Wäldern. Weißstörche, Uhus oder Seeadler fliegen auch wieder mit uns - in der Masse jedoch verschwinden Tier- und Pflanzenarten in einer Geschwindigkeit, wie wir uns dies vor 20 bis 30 Jahren nie ausgemalt hätten. Das sind doch eigentlich Allerweltsartern, die nun jedoch plötzlich für uns zu Highlights werden, weil sie so selten sind.

 

Muss ein Naturschutzautor daher fast schon gebetsmühlenartig auf diese Entwicklungen verweisen. Ist das vielleicht sogar der einzig gangbare Weg Richtung Veränderung?

Wenn ich das beantworten könnte oder wenn auch nur jemand wüsste, der das beantworten kann...lass mich an dieser Stelle Klaus Töpfer zitieren. Der sagte "Wir müssen daran arbeiten und immer wieder Lösungen suchen. Nur dann sind wir für Krisen gerüstet - und Lösungen brauchen die Krisen." Das übrigens ist auch mein Ansatz im Buch Die Erde rechnet ab. Die Krise - den Klimawandel, ganz egal ob er nun oder in welchem Maß er vom Mensch gemacht oder verstärkt ist - ist da und wir müssen reagieren.

 

Wir steuern auf den Abgrund und reagieren nicht

 

Cover: Ludwig Verlag

Wer ist Dein Adressat?

Es geht um Kommunen, es geht um die Wirtschaft und vor allem um jeden einzelnen von uns.

 

Was können die jeweils tun?

Naja, wir verhalten uns imMoment noch so als säßen wir in einem Boot, das direkt auf einen Wasserfall zusteuert. Wir haben Ruder an Bord, aber niemand greift nach ihnen und versucht den Sturz über die Klippe abzuwenden. Im Gegenteil: Wir rudern noch weiter in die Fließrichtung. Dabei sollten wir dagegen halten.

 

Ist dann die Katastrophe noch abwendbar?

Genau das gilt es zu durchbrechen: Aber vielleicht braucht es fürs Umsteuern noch einiges an schlimmen Ereignissen.

 

Und mit welcher Strategie willst Du das verhindern: Wo ordnest Du Dich in der Spannweite zwischen Klimawandelleugnern und Alarmisten ein?

Ich bin Realist. Wie müssen doch sehen, dass alles vielleicht schon schlimmer wäre, wenn wir in den zurückligenden Jahrzehnten nicht bereits einiges erreicht hätten. Aber wir dürfen nicht übersehen, dass die Herausforderungern inzwischen Dimensionen angenommen haben, die jedes Engagement erfordern.

 

Gibt es dieses Engagenment?

Es gibt noch zuviel Lethargie - in der Politik und auch in der Wirtschaft.

 

Und bei den Menschen?

Die vergessen noch zu oft, dass jede und jeder viel erreichen und verändern kann. Etwa mit bewusstem Einkauf oder im Gespräch mit Politikern. Da können wir Einfluss ausüben.

 

Du hast vieler Bücher gemacht, die sich an Kinder richten. Ist der Aufbau eines Bewusstseins "von unten" jener, der am besten verändert?

Dass ich mit den Kinderbüchern richtig lag, merke ich heute an der Ansprache von Erwachsenen, die mir erzählen, wie sehr sie durch die Bücher damals geprägt wurden. Was wir als Ältere aber machen können ist, auf jeden Fall unser Wissen weiter zu geben...

 

Warum glaubst Du, das sei wichtig?

Weil viel Wissen droht, verloren zu gehen. Ich bemerke, dass Grundwissen, das frühere Generationen selbstverständlich hatten, kollektiv wegbricht: Wie wir kochen, die Artrenkenntnis.

 

Ist das neu?

Nein, das war nicht immer so. Früher gaben die Menschen viel Alltagswissen weiter. Das hielt weitere Generationen lebenstauglich, weil sie wussten, was sie zum Leben wirklich brauchen.

 

Zum Beispiel?

Zum Leben brauchen wir keine Computerspiele (höchstens wenn wir sie herstellen). Sie wussten aber, welche Gemüse- und Obstsorten saisonal wachsen und wie sie die verarbeiten.

 

 

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Das fehlt heute, meinst Du?

Ich sehe eine fortdauernde Wissenserossion. Vor 10 Jahren kannten Kinder keine 5 Wildpflanzen. Heute, fürchte ich, sind es noch weniger. In vielen Bundeländern ist Biologie als eigenes Lehrfach abgeschaft. Man kann Abitur machen, ohne dass die Pennäler Amsel und Spatz unterscheiden können - aber sie kennen die Grundlagen der Mikrobiologie oder der Gentechnik.

 

Claus-Peter Hutter Foto: Naturlife International

Kann ein Buch an dieser Situation etwas verbessern?

Ein Buch ändert daran nichts. Es kann allenfalls Mut machen oder Beispiele aufzeigen, was ich in meinem Umfeld verändern kann. Wir haben doch bald niemand mehr, der die Veränderungen, die der Klimawandel in vielen Ökosystemen haben wird, exakt bewerten können, weil wir an der Uni keine Biologen ausgebildet wurden, sondern nur noch Gentechniker.

 

Der Feher liegt in der Ausbildung? Haben wir zu viele Spezialisten und zu wenig Allgemeinwissen?

Experten gab es immer. Meist waren die jedoch trotz ihres Spezialwissens breiter aufgestellt. Das bricht heute weg. Deshalb setze ich in meinem Buch genau dort an: "Was können wir als Einzelne machen" - beim Wohnen, Leben, im Urlaub oder in der Arbeit - überall können wir sehr viel tun.

 

Genau das meinte ich am Beginn unseres Gesprächs: Sind diese Maßnahmen nicht längt bekannt?

Richtig. Aber die Erfordernisse sind heute dringender...

 

Du hast das doch auch bereits mehrfach gesagt, geschrieben...

Ja, mein letztes Klimabuch stammt aus 2009...

Nein, neu ist es nicht: Aber die Dramitik ist heute größer.

 

Fragst Du Dich als Autor da nicht, ob alles umsonst ist?

Ein wenig frustriert das schon, Aber wenn ich sehe, was wir alles erreicht haben, macht mir das dann doch wieder Mut.

 

Du plädierst dafür, dass wir ob der aktuellen Situation den Kopf nicht in den Sand stecken...

Nein, bestimmt wäre das falsch. Sonst machte all meine Arbeit ja auch keinen Sinn. Nur müssen wir die Menschen dazu bringen, konsequenter zu handeln und zu sein. Viele Behörden etwa "empfehlen" Dachbegrünungen, aber sie machen das nicht verbindlich. Die Wirtschaft boomt, Geld ist da. Ich sage: Es gibt 100 Ausreden - aber keine zählt!


pit

 

 

Claus-Peter Hutter

Die Erde rechnet abWie der Klimawandel unser tägliches Leben verändert - und was wir noch tun können

LUDWIG

ISBN. 978-3-453-28105-9

17,00 €

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