06.02.2018

Gefahr durch Plastikteile "auf dem Trockenen"

Polyacrylfasern im Boden Foto: Anderson Abel de Souza Machado

Plastik ist nicht nur im Meer gefährlich: Kleineste Kunststoffteilchen bedrohen auch Lebewesen an Land. Sie wirken sogar schädlicher als im Ozean, belegt eine neue Studie von Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und Ihrer Berliner Kolleginnen und Kollegen.

Fazit der aktuellen Studie: "Die Auswirkungen von Mikroplastik in Böden, Sedimenten und Binnengewässern könnten terrestrische Ökosysteme auf der ganzen Welt dauerhaft negativ beeinflussen." Das beschreiben die Wissenschaftler jetzt in einer Pressemeldung.

 

Verschmutzung der Böden mit Mikoplastik bis 23 Mal höher als im Meer

 

Die Frage, wie kleinste Plastikteilchen Ökosysteme „auf dem Trockenen“ beeinflusst, bewegt die Forscherinnen und Forscher am IGB. „Zwar gibt es bislang wenig Forschung auf diesem Gebiet, doch die vorliegenden Ergebnisse sind alarmierend: Kleinste Plastikteilchen sind praktisch überall auf der Welt vorhanden und können verschiedenste Beeinträchtigungen auslösen", sagt dazu Studienleiter Anderson Abel de Souza Machado. "Die bisher beobachteten Effekte von Plastikpartikeln in Mikro- und Nanogröße auf terrestrische Ökosysteme weltweit lassen darauf schließen, dass auch diese stark gefährdet sind.“

Dass Mikroplastik schädlich für Ökosysteme ist, etwa wenn es von Schlüsselorganismen in Seen aufgenommen wird, zeigten IGB-Forschende bereits in früheren Arbeiten.

Anstoß für die Forschung: Weltweit werden jährlich mehr als 400 Millionen Tonnen Plastik produziert. Schätzungsweise ein Drittel allen Plastikmülls findet dabei seinen Weg in Böden oder Binnengewässer. Ein Großteil dieser Plastikteile zerfällt in Partikel, die kleiner als fünf Millimeter sind und weiter in Nanopartikel mit einer Größe von weniger als 0,1 Mikrometer.

Die Verschmutzung durch Mikroplastik an Land ist dabei viel größer als in den Meeren – sie wird je nach Umgebung auf das vier- bis 23-fache geschätzt.

Die Forscher wisssen: "Ein wichtiger Faktor zur Verbreitung von Mikroplastik ist beispielsweise Abwasser. 80 bis 90 Prozent der darin enthaltenen Partikel, etwa von Kleiderfasern, verbleiben im Klärschlamm." Den Schlamm jedoch bringen Bauern als Dünger auf Felder aus, wodurch jährlich viele Tausend Tonnen Mikroplastik auf unseren Böden landen.

 

Plastikteilchen tragen etwa auch Krankheitskeime in die Umwelt

 

Foto: Pixabay CC/PublicDomain/RitaE

Die Folge dieses unbedachten Handels sind immens. Mikroplastik kann Eigenschaften aufweisen, die unmittelbar schädigend für Ökosysteme sein können. So können die Oberflächen kleinster Plastikteile mit krankheitserregenden Organismen angereichert sein und die Krankheiten in die Umwelt transportieren. Mikroplastik kann auch mit der Bodenfauna interagieren und deren Gesundheit sowie die Bodenfunktion beeinträchtigen. So bauen etwa Regenwürmer ihre Höhlen anders, wenn sich Mikroplastikteile im Boden befinden, was sowohl die Körperfunktionen des Regenwurmes als auch die Bodenbeschaffenheit verändert.

Generell gilt: Wenn Plastikpartikel zerfallen, gewinnen sie neue physikalische und chemische Eigenschaften, mit denen auch die Gefahr wächst, dass sie toxisch auf Organismen wirken. Besonders problematisch sind chemische Effekte bei der Zersetzung. So treten aus den Plastikpartikeln Additive wie Phthalate und Bisphenol A aus. Diese sind für ihre hormonellen Wirkungen bekannt und können etwa bei Wirbeltieren zu Störungen des Hormonsystems führen. Außerdem können Teilchen in Nanogröße Entzündungen auslösen, Zellbarrieren überwinden oder verändern und sogar besonders selektive Membranen wie die Blut-Hirn-Schranke oder die Plazenta überwinden. Innerhalb der Zelle können sie unter anderem Änderungen der Genexpression und biochemische Reaktionen auslösen.

Welche langfristigen Effekte dies hat, sei noch nicht hinreichend untersucht, sagen die IGB-Forscher. Zumindest für Fische wurde aber bereits nachgewiesen, dass sich Nanoplastik nach Passieren der Blut-Hirn-Schranke verhaltensändernd auswirkt.

Auch der Mensch nimmt Mikroplastikteile über die Nahrung auf: Diese wurden bereits in Fischen und Meeresfrüchten, aber auch in Salz, Zucker und Bier gefunden. "Diese Aufnahme kleiner Mikroplastikteile könnte sich als neuer Langzeit-Stressfaktor für die Umwelt erweisen", schließen die wissenschaftler aus ihrer Arbeit.


red

 

 

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