Jagd im „Wolfs-Erwartungsland“ ist falsches Signal

Foto: Euronatur/Joachim Flachs

Almbauern in Wackersberg bei Bad Tölz beruhigte Bayern Landwirtschaftsminister Helmut Brunner jüngst mit der Aussage, im Freistaat „wolfsfreie Zonen“ einzurichten. Dass die Tiere, noch ehe sie dort wieder richtig heimisch wurden, schon wieder auf der Abschussliste stehen sollen, ruft Artenschützer auf den Plan. Der Umwelt-Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag erklärt im global°-Interview, warum die Tiere wichtig sind und wie der Mensch ihnen ohne Angst zu begegnen lernt.

 

Foto: florianvonbrunn.de

Ist der Wolf überhaupt schon wieder in Bayern heimisch?

Florian von Brunn: Bisher sind Wölfe in Bayern nur auf der Durchreise gewesen. In letzter Zeit ist das etwas häufiger der Fall gewesen. Die Sichtungen nehmen zu. Ab und an werden auch Risse festgestellt.

 

Noch also sind die Tiere in Bayern eher selten...

Bayern ist „Wolferwartungsland“ – früher oder später haben wir hier Wölfe, wenn sie nicht durch Umweltkriminelle getötet werden.

 

Von wie vielen Tieren reden die Almbauern also, wenn sie jetzt Ihre Angst vor dem "Raubtier" artikulieren?

Bisher bezieht sich die Angst auf sehr wenige Erfahrungen mit einzelnen durchziehenden Wölfen.

 

Wolf in Bayern: Panikmache hilft ebenso wenig wie Schönfärberei

 

Warum dann Horrorszenarien?

Offensichtlich spielen überkommene Ängste und Schreckensbilder eine Rolle. Dazu kommt dann aber noch der Blick über die Grenze, zum Beispiel nach Frankreich. Aus meiner Sicht werden die Schwierigkeiten überzogen dargestellt und das Positive fällt häufig unter den Tisch. Man sollte aber nicht bestreiten, dass es Konflikte gibt und dass es mancherorts auch viele Tiere sind, die Wölfen zum Opfer fallen. Eine realistische Diskussion ist besser als Panikmache, aber auch als Schönfärberei.

 

Kennen Sie persönlich Fälle, dass ein Wolf in Bayern Schaden anrichtete?

Im Frühjahr wurden in Zorneding, in der Nähe von München, zwei Schafe gerissen und eines verletzt. Das Landesamt für Umwelt hat diese Risse eindeutig einem Wolf zugeordnet. Vor einigen Jahren hat ein Wolf in den bayerischen Alpen 28 Schafe gerissen. Gerissenes Rotwild wird nicht als Schaden gezählt, auch wenn manche Jäger das sicher anders sehen.

 

“Wolfsfreie Zonen sind eine Sprachlüge“

 

Was halten Sie von der Aussage, es müsse "wolfsfreie Zonen" geben?

Diese Aussage widerspricht geltenden internationalen und europäischen Rechtsnormen für den Artenschutz. Sie ist für mich aber nicht nur rechtlich problematisch: Ich halte sie für billigen Populismus.

 

Wissen Sie, wie der Landwirtschaftsminister die Wölfe zum Beachten der Sperrzonen bewegen will?

Herr Brunner will die Wölfe abschießen lassen. Der Ausdruck „wolfsfreie Zone“ ist genauso ein Euphemismus, um nicht zu sagen eine Sprachlüge, wie die „Entnahme“ von Bibern. Man versucht die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen. Die Tiere sollen getötet, die Bestände durch Bejagung reduziert werden. Das muss man einfach beim Namen nennen.

 

Ernsthaft: Reicht das vorhandene Wolfsmanagement nicht aus, um Schäden vom Hab und Gut sowie den Tieren der Bauern abzuwenden bzw. diese zu ersetzen?

Bisher konnten wir das in Bayern ja noch nicht testen. Aber im Freistaat wird nicht sehr viel Geld für so etwas ausgegeben. Das sehen wir am Ausgleich für Biberschäden, der völlig unzureichend ist. Das vermindert die Akzeptanz noch mehr. Wenn Wölfe und andere große Beutegreifer akzeptiert werden sollen, brauchen wir großzügige Entschädigungsregeln. Aber das ist mit der CSU kaum zu machen. Da gibt es wenig Verständnis für Natur- und Artenschutz.

 

Lernen, wie der Mensch dem Wolf angstfrei begegnen kann

 

Braucht es vielleicht aber nicht doch Verbesserungen, um die dann irgendwann stattfindende „Begegnung“ zwischen Wolf und Mensch vorzubereiten?

Natürlich. Es muss noch sehr viel getan werden!

 

Was?

Wir müssen anhand der Erfahrungen aus Ostdeutschland, Italien und Frankreich unsere Entschädigungsregelung überprüfen. Es muss aber auch noch viel mehr Aufklärung betrieben werden, bis hinein in die Schulen. Und wir brauchen Programme, die auf Herdenschutz durch spezielle Hunde setzen. Das muss viel besser erprobt und vorbereitet werden.

 

Eignet sich der Wolf als Projektion für alles „Böse“ - oder ist er - im Gegenteil das Symbol für gelungenen Naturschutz?

Ich finde, Wolf, Luchs und andere große Beutegreifer wären ein großartiges Beispiel für ein neues Verhältnis zur Natur, für gelungenen Naturschutz, bei allen Problemen, die es in einem so dicht besiedelten Land zwangsläufig auch gibt.

 

Wie erklären Sie das einem Almbauern?

Ich glaube durchaus, dass man mit Almbauern reden kann. Man muss ihre Sorgen ernst nehmen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Aber dabei darf man eben nicht die Wiederansiedlung von Wölfen preisgeben! Wölfe und Luchse gehören für mich ins Gebirge. Und sie sind eine natürlich Möglichkeit, um den Überbesatz an Wild zu reduzieren. Dadurch gibt es weniger Verbiss und in der Folge einen sich selbst verjüngenden, stabilen und klimaresistenteren Bergwald mit allen seinen auch für den Menschen wichtigen Schutzfunktionen.


red

 

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