31.01.2019

Wie Solarkraftwerke die Insekten retten können

Foto: © NREL

Bisher stehen Solaranlagen meist auf öden Böden. Doch durch richtige Bepflanzung können sie zu ökologischen Rettungsinseln werden. Je grösser sie sind, desto rentabler ist ihr Bau. Attraktiv an Solarkraftwerken ist die im Vergleich zu konventionellen Kraftwerken sehr kurze Bauzeit. Und gebaut werden sie vor allem da, wo Platz ist, unter anderem in den USA. Bis 2050 werden dort 2,4 Millionen Hektaren mit Sonlarpanels bedeckt sein, schätzt das Nationale Labor für erneuerbare Energien (NREL).

 

Für die schwindende Insektenpopulation könnten diese Flächen ein Hoffnungsschimmer sein. Die Zahl und Artenvielfalt der Insekten geht seit Jahrzehnten zurück. Die meisten Experten führen das auf ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zurück: Verlust an Lebensraum, Futtermangel, Pestizide, Parasiten, und der Klimawandel machen ihnen das Leben schwer. Ohne Bienen, Motten, Schmetterlinge, Käfer, Wespen und die Tiere, die von ihnen abhängen, wäre die Welt aber deutlich ärmer. Auch wirtschaftlich wird der Insektenschwund zum Problem. Unter anderem hängen mehr als ein Drittel der kommerziell genutzten Pflanzen von Bestäubern ab (siehe auch Infosperber: "Der Bestäubungsindustrie gehen die Bienen aus").

 

Aus Schotter wird ein Blumenmeer

 

Die derzeit meist mit Schotterbelag oder pflegeleichtem Rasen versehenen Kraftwerksböden könnten Rettungsinseln für Insekten werden, falls sie richtig bepflanzt werden. So wie ein Grundstück von fast 17 Hektaren im südwestlichen Oregon. Einst war es eine Viehweide, dann wurde es zum Solarkraftwerk. Optisch war das eintönig, ökologisch auch. Bis der Betreiber Pine Gate Renewables im Jahr 2017 Wildblumen säte, die das robuste Gras ablösten. Zwischen den Reihen der Solarpanels entstand ein Blumenmeer, das Nahrung für viele Bestäuber bietet.

 

Blumen spriessen beispielsweise auch bei SoCore Energy in Wisconsin und Great River Energy in Minnesota, die nach eigenen Angaben 81 Hektaren, darunter auch die Fläche um ihr Hauptquartier, mit Wildpflanzen begrünten. Insgesamt sind 2016 und 2017 allein in Wisconsin etwa 800 Hektaren bestäuberfreundlich bepflanzt worden, schätzt NREL. Im ganzen Land würden sich 350‘000 Hektaren in der Nähe bestehender oder bereits geplanter Solarkraftwerke dazu anbieten.

 

Nicht nur Insekten können profitieren

 

Blühende Wiesen zwischen Solarpanelen – das gibt nicht nur ansprechende Bilder, mit denen die Betreiber von Solaranlagen gerne werben. Auf längere Sicht, sagt der Ökologe Lee Walston, sparen sie damit sogar Geld. Obwohl die Saat anfänglich teurer ist als Schotter oder Gras, kann die Wartung auf Dauer günstiger sein als bei konventionellen Anlagen. Die Wildpflanzen müssen seltener gemäht werden und brauchen weniger Pestizide. Der Bewuchs senkt zudem die Temperatur, die in der Nähe von Solarkraftwerken um drei bis vier Grad über der Umgebungstemperatur liegen kann ("Nature"), so dass die Solarpanels effizienter arbeiten.

 

Profitieren könnten auch die Landwirte in der Umgebung. Untersuchungen haben ergeben, dass die Erhöhung der Bestäuberzahl zu höheren Erträgen bei Nutzpflanzen führt. Ein Problem stellt jedoch Pestizideinsatz in unmittelbarer Nähe dar. Für Insekten schädliche Gifte können dadurch auf die Öko-Wiese getragen werden.

 

Auf die richtige Mischung kommt es an: Der Monarchfalter als Beispiel, dessen Population seit 2005 um 80 Prozent zurückgegangen ist, ist spezialisiert auf die Blüten der Seidenpflanze. Foto: USFWS

Hübsche Blüten reichen nicht, auf die Vielfalt kommt es an

 

Ganz so einfach, wie es sich anhört, ist die Sache aber nicht. Einfach Blumen spriessen lassen, sieht zwar hübsch aus. Um eine möglichst vielfältige Bestäubergemeinschaft zu fördern, braucht es jedoch die richtige Pflanzenmischung. «Ein häufiges Problem mit dem Bestäuber-Lebensraum ist, dass die Samenmischungen nicht sehr vielfältig sind", sagt Sarah Foltz Jordan, Spezialistin für Bestäuberschutz bei der gemeinnützigen Organisation Xerces Society für die Erhaltung Wirbelloser. Gerade bedrohte Insektenarten sind oft spezialisiert auf bestimmte Pflanzen. Zudem muss der Bewuchs der Höhe der Panels angepasst werden, damit diese nicht durch das spriessende Grün beschattet werden.

 

Ob sich durch die Bepflanzung von Solarfarmen merkliche Änderungen herbeiführen lassen, ist noch nicht bekannt. «Wenn wir ein Habitat schaffen können, wo vorher keines war, hat das wahrscheinlich eine positive Wirkung», sagt Scott McArt, Entomologe der Cornell University, gegenüber "Scientific American". Genauer kann er es nicht sagen, denn es gibt derzeit noch keine ausreichende Datengrundlage. Im Juli 2018 hat McArt zusammen mit einem Energieversorger eine Studie begonnen, die in einem Kraftwerk drei Jahre lang nahverfolgen wird, in welchem Umfang die Bestäuberpopulation profitiert.

 

Andere Experten wie der Ökologe Ihor Hlohowskyj vom Argonne National Laboratory in Chicago, sind skeptischer. «Die Etablierung von Bestäuberlebensraum auf Solaranlagen ist keine Antwort auf den Rückgang der Bestäuber», sagt er. Mit der grossen Fläche, die Solaranlagen einnähmen, böten sie aber eine einzigartige Möglichkeit, die Artenvielfalt zu erhalten.

 

Autorin: Daniela Gschweng / Infosperber

 

Den Originalbeitrag finden sie unter inforsperber.ch

 

 

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