Hilferuf des Waldes ist bei Politik angekommen

Rund 150 Waldbesitzer machten auf der Veranstaltung „Walderhaltung durch Pflanzenschutz“ Bundespolitik und -verwaltung auf ihre aktuelle existenzgefährdende Lage aufmerksam. Im Hintergrund ein Teil der 96 Hektar, die in Letzlingen bereits dem Schädlingsbefall zum Opfer fielen.

Fotos: Kollaxo

Rund 150 aufgebrachte Waldbesitzer nutzten die Veranstaltung „Walderhaltung durch Pflanzenschutz“, um einen akuten Hilferuf an die Politik zu richten. Der Hintergrund: Die behördliche Blockade des Pflanzenschutzes öffnet der Waldvernichtung durch Schadinsekten und Pilze im Zuge des Klimawandels Tür und Tor. Nach der Darstellung der dramatischen Situation durch Experten und Betroffene sprachen sich Bundestagsabgeordnete und Bundeslandwirtschaftsministerium für eine sofortige Lösung noch 2014 aus.

Mit einem pragmatischen Forderungskatalog der Waldbesitzer und der grundsätzlichen Bereitschaft zur Soforthilfe auf Seiten der Politik endete die Protestveranstaltung „Walderhaltung durch Pflanzenschutz“ am 17. September in Gardelegen (Sachsen-Anhalt). Die acht Punkte, die Franz Prinz zu Salm-Salm als Vorsitzender des Waldbesitzerverbandes Sachsen-Anhalt zur Abwendung einer Schädlingskatastrophe in den Kiefern- und Eichenwäldern Deutschlands dringend anmahnte, wurden von etwa 150 Waldbauern, Vertretern weiterer Landesverbände sowie vom Dachverband AGDW – Die Waldeigentümer entschlossen unterstrichen.

 

Im Kern geht es um drei Hauptforderungen

 

1. Die Zuständigkeit für die Fragen von Forstschutz durch Pflanzenschutz und insbesondere für den Einsatz von Luftfahrzeugen ist zum Jahreswechsel auf die Bundesländer zu übertragen. Diese entscheiden zukünftig auf der Basis der Gutachten der zuständigen, sach- und ortskundigen Forstfachbehörde.

2. Der Einsatz effektiver Mittel zum Pflanzenschutz im Wald muss auch künftig regulär mit Bodengeräten und Luftfahrzeugen möglich sein, um akut gefährdete Wälder vor dem Absterben zu retten. Dazu müssen die geeigneten biologischen und chemischen Mittel und Verfahren grundsätzlich sichergestellt und zeitnah genehmigt werden.

3. Realitätsferne Auflagen jenseits von EU-Regelungen, wie die Beschränkung des Pflanzenschutzes auf höchstens 50 Prozent eines von Schadinsekten und/oder Pilzen befallenen Waldgebietes, darf es nicht länger geben. Eine sachlich ignorante, fachlich unbegründete und teilweise rechtsmissbräuchliche Blockadehaltung von Bundesbehörden muss überwunden werden.

 

Während der gut dreistündigen Veranstaltung im geschädigten Waldgebiet von Kenzendorf bei Letzlingen war die Wut durchgängig spürbar, die sich seit Monaten in den Waldbesitzerfamilien aufgestaut hatte. Einige berichteten denn auch in bewegender Offenheit von dem Unglück, dass die behördlich verordnete Nichtbekämpfung invasiver Insekten und Pilze über sie und ihr Eigentum gebracht habe. Der finanzielle Schaden – in einem Beispiel von einer Million Euro ohne Wiederaufforstungskosten – werde in unerträglicher Weise verstärkt durch das Gefühl, durch staatliche Fahrlässigkeit „kalt enteignet“ worden zu sein. „Mit einem Schlag sind die mit Herzblut über viele Generationen andauernden Bemühungen um einen intakten Wald vergebens. Fassungslos steht man vor einem gigantischen Ausmaß an Naturvernichtung und Ressourcenverschwendung“, erklärte eine Waldbesitzerin. Gerade auf den Sandböden Norddeutschlands sei es schwierig, die Kraft und Geduld aufzubringen, neue Waldgesellschaften aufzubauen. Dies dauere, sollte es auf den Kahlfläche mit den wenigen geeigneten Baumarten wie der Kiefer überhaupt gelingen, mindestens 40 lange Jahre.

Seine Solidarität mit den vom Wald lebenden Familien bekundete Dr. Hermann Onko Aeikens, Landwirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt: „Wir können es nicht zulassen, dass unser Wald von diesen Schädlingen kahl gemacht wird.“ Er begrüßte den „konstruktiven Vorschlag“, Kompetenzen von der Bundesebene, wo Entscheidungsträger nicht immer die notwendige fachliche Gesamtschau besäßen, auf die Landesebene und Behörden vor Ort zu verlagern.

Für die manches Mal fachfremde Sicht namentlich des Umweltbundesamtes (UBA) führte Dr. Ralf Petercord, Leiter der Sektion Waldschutz im Deutschen Verband Forstlicher Forschungsanstalten, konkrete Beispiele an. Er verurteilte außerdem die Art und Weise, wie Naturschutzverbände aus dem Thema Pflanzenschutz Kapital schlügen, etwa indem sie PR-Fotos mit Kindern während der Giftausbringung initiieren. An die Forstleute adressierte er den Vorwurf, lange Zeit viel zu wenig über das Problem aufgeklärt zu haben.

Nach der Besichtigung einer 98 Hektar großen totalgeschädigten Kahlfraßfläche ergriffen weitere Experten für Forst und Pflanzenschutz das Wort, bevor drei Abgeordnete des Bundestages mögliche Wege aus der aktuellen Notlage von bevorstehenden Insektenplagen auf der einen Seite und blockierten Bekämpfungsmöglichkeiten auf der anderen Seite skizzierten.

Petra Crone, forstpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, sagte: „Wir brauchen eine Vielfalt an Pflanzenschutzmitteln, um auch im Wald Erträge zu sichern und die Vielfalt von Flora und Fauna zu garantieren.“ Angesichts des Klimawandels und der Bedrohung durch invasive Arten rief sie die Industrie dazu auf, „mehr für den Forstbereich zu tun“ und entsprechend mehr zu forschen, zu entwickeln und anzubieten.

Alois Gerig, Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft und Berichterstatter für Wald und Forstwirtschaft, sprach sich für praktikable Regelungen aus und für ein Ende des „Behörden-Hickhacks“: „In den betroffenen Waldgebieten wird auf dramatische Weise deutlich, dass die Nicht-Anwendung von Pflanzenschutzmitteln zu größeren Schäden führen kann als ihre Anwendung.“

Für die Linksfraktion stellte Katrin Kunert fest, dass man sich „in Bezug auf den Eichenprozessionsspinner in den vergangenen Jahren immer wieder für eine praxisnahe Zulassung und Applikation unterschiedlicher Wirkstoffe eingesetzt“ habe. Sie mutmaßte, dass die politischen Positionen „in der Sache nicht weit auseinanderliegen und deshalb zeitig etwas gehen muss“.

Alle drei Mitglieder des Bundestages befürworteten schnellstmögliche Runde-Tisch-Gespräche. „Je eher desto besser“, unterstrich Ministerialdirigent Dr. Axel Heider vom Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL). Sein Haus habe angesichts des Unmuts der Betroffenen, der unbefriedigenden 50-Prozent-Auflage und der Dimension eines „entschädigungspflichtigen enteignungsgleichen Eingriffs“ (Art. 14, Abs. 3 Grundgesetz) bereits Projektmittel für koordinierende Maßnahmen reserviert und verfolge das Problem nun mit Nachdruck, um mit der Einrichtung einer Koordinierungsstelle noch 2014 zu handfesten Lösungen zu kommen.

„Insofern“, resümierte Prinz Salm, „war es ganz offensichtlich richtig, in Form der heutigen Veranstaltung einmal laut zu werden. Normalerweise sind Waldbesitzer keine Krawallmacher. Dass sie heute in dieser großen Zahl von weither gekommen sind, hat eine größere Bedeutung als eine Demonstration vor dem Brandenburger Tor mit 50.000 Menschen.“


19.09.2014 14:50
Waldbesitzerverband Sachsen-Anhalt e. V.

Dr. Ehlert Natzke

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