Wann gibt es kein Öl mehr?

Bohrinsel im Meer

Ölförderung

In Zeiten drohender Polarschmelze, steigender Meeresspiegel und Hitzewellen stehen Ressourcenschonung und alternative Energiequellen hoch im Kurs. Der Öl-Branche fällt es schwer, auf den Klimawandel und das geänderte Bewusstsein zu reagieren. Ist es vielleicht nun erreicht, das lang heraufbeschworene Ende des Öls?

In London wird derzeit eine alte Frage wieder neu diskutiert: Ist er nun doch erreicht – der Gipfel des Ölzeitalters, „Peak Oil“ genannt? Was Bergsteiger in Verzücken versetzen würde, bereitet der Ölindustrie Kopfzerbrechen. Der Gipfel. Gemeint ist damit der Höhepunkt der Ölförderung, danach ginge es nur noch bergab. Diese Debatte begleitet die Branche seit ihren Kindertagen.

 

Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts bei einer Bohrung in Pennsylvania Öl gefunden wurde, kam es in Begleitung des daraufhin ausbrechenden Ölbooms auch zur Frage, wann der Rausch wieder vorbei sein könnte. Sie verschwand seitdem nicht mehr und landete auch 2017 bei der Oil & Money-Konferenz wieder auf dem Tisch. Dieses Gipfeltreffen, dass als eines der wichtigsten der Branche gilt, musste sich die alte Frage aber ganz neu stellen. Ging es zuvor stets darum, wann die großen Öllager erschöpft seien, sah man sich nun mit der Möglichkeit sinkender Nachfrage konfrontiert.

 

Einschätzungen von Experten gehen weit auseinander

 

Wie realistisch dies ist, dabei gehen die Einschätzungen der Experten weit auseinander. Während der Chef des Rohstoffhändlers Vitol, Ian Tayler, bereits für 2028 über sinkende Nachfrage spekuliert, blickt man beim Schweizer Rohstoffhändler Glencore zuversichtlicher in die Zukunft. Hier verweist der Verantwortliche des Ölgeschäftes, Alex Beard darauf, dass dem Öl schon oft das Aus prognostiziert wurde, doch die Nachfragen stiegen immer weiter. Ähnlich gelassen scheint es offenbar das Ölkartell der OPEC zu sehen, hier wird wenigstens bis 2040 weiterhin steigende Nachfrage erwartet. Handlungsbedarf besteht für die erdölexportierenden Staaten offenbar nicht.

 

Taylor lässt sich davon nicht beirren und sieht Anpassungsdruck. Die Energielandschaft der Zukunft werde sich verändern und mit ihnen müssten dies die Produzenten und die Rohstoffhändler, um nicht vom Markt zu verschwinden. Für Taylor geht es dabei vermutlich um mehr als nur ums Geschäft: Unter seiner Leitung konnte Vitol zum global führenden Ölhändler aufsteigen. Allein sieben Prozent des weltweit gehandelten Öls gehen über den „Ladentisch“ des Rohstoffhändlers. Es geht also auch um eine Art von Vermächtnis. Taylor ist deshalb bemüht, sein Haus umzustrukturieren. Neben dem Handel mit dem emissionsärmeren Erdgas soll Vitol ins Stromgeschäft einsteigen.

 

Dieser Umstrukturierung ist aus ökologischer Perspektive durchaus beizupflichten. Fossile Brennstoffe haben sich inzwischen den Ruf als globale Dreckschleudern mehr als verdient. Ihre Emissionen gelten als die Hauptursache für die rasante Erderwärmung. Doch ihr negativer Umwelteinfluss beginnt bereits früher.

 

Der Abbau von Ölsanden in Kanada oder die Schieferölförderung in Nordamerika sind mit hohen ökologischen Folgekosten verbunden. Manche ziehen da bereits jetzt die Reißleine. Die französische Großbank BNP Paribas verweigert inzwischen Geschäftsbeziehungen zu Unternehmen, die ihren Schwerpunkt in den umstrittenen Bereichen haben. Damit möchte die Bank ihren Beitrag zum Pariser Klimaabkommen leisten, der ihrer Ansicht nach nicht ohne einen fundamentalen Umbau der Energiewirtschaft zu erreichen ist.

 

Umdenken der Ölindustrie in Sicht?

 

Auch die Ölindustrie selbst versucht sich an die Veränderungen anzupassen, indem sie z.B. selbst in die Konkurrenz der erneuerbaren Energien investiert. Der niederländische Ölkonzern Shell beliefert inzwischen nicht nur konventionelle Tankstellen mit Diesel und Benzin, sondern nun auch Ladestationen für Elektroautos mit Elektrizität.

 

Möglich wurde dies durch den Kauf von NewMotion, einem Anbieter von Ladestationen. Ein voraussichtlich guter Schachzug, gelten doch Elektroautos in klimasensiblen Zeiten als die Zukunft individueller Mobilität. Trotz dieser strategischen Investitionen bleibt Shell im Bereich der neuen Energiegewinnungsformen noch zurückhaltend. Mit einer eingeplanten Erhöhung des Investitionsbudgets auf eine Milliarde Euro in diesem Markt bis 2020, fällt diese im Gegensatz zum Gesamtbudget von 25 bis 30 Milliarden US-Dollar noch recht schmal aus. Von einer panischen Neuorientierung des Konzerns aufgrund demnächst erwarteter Nachfrageeinbrüche bei Öl kann zumindest noch keine Rede sein.

 

Andere gehen ambitionierter an den Neuen Energiemarkt heran. Die norwegische Statoil plant bis 2030 ein Fünftel ihres Investitionsbudgets für Erneuerbare Energien ein. Erste Projekte zeigen dieses Vorhaben bereits: Vor der Küste Schottlands nahm Statoil seinen ersten schwimmenden Offshore-Windpark in Betrieb. Er versorgt ungefähr 20.000 Haushalte mit Ökostrom. Auch der noch gut durch den Untergang der Bohrplattform Deepwater Horizon in Erinnerung gebliebene Ölkonzern BP möchte sich ein „erneuerbares Spielbein“ aufbauen, musste dabei aber auch schon Federn lassen. Grund war das schwierige Solargeschäft, dass 2011 komplett abgeschrieben werde musste. Ähnliche Erfahrungen machte Shell in der Solarsparte. Hier ließ sich, vor allem durch die staatlich aufgepumpte Konkurrenz aus China, nur schwer Geld verdienen.

 

Plan B: Das Geschäft mit Erdgas?

 

Gibt es für die Ölkonzerne selbst vielleicht keine unmittelbare Zukunft nach dem Öl? Noch ist Öl der mit Abstand wichtigste globale Energielieferant. Das macht aber seinen Preis auch so anfällig für geopolitische Krisen oder Spekulationen auf den Finanzmärkten. Mittelfristig wird eher eine steigende Nachfrage erwartet, zum einen ausgelöst durch den Aufstieg und Energiebedarf zahlreicher Schwellenländer, aber auch durch abnehmende Ölvorkommen. Sollten sich die Ölkonzerne die risikoreichen und kostspieligen Ausflüge in den alternativen Energiesektor deshalb nicht besser sparen?

 

In absehbarer Zeit ist zumindest keine Abkehr von den fossilen Brennstoffen zu erwarten. Doch diese Energieträger sind auch die größten Emittenten des Treibhausgases CO2. Wie lange die globale Gesellschaft die durch den Klimawandel verursachten ökologischen Folgekosten noch tragen kann, ist unsicher. Deshalb hat, trotz der Treue zu fossilen Energieträgern, ein Umdenken bei den Förderkonzernen eingesetzt.

 

Statt auf Öl hat man neuerdings das im Vergleich zu diesem nur halb so viel Treibhausgas ausstoßende Erdgas im Blick. Patrick Pouyanné, verantwortlicher bei Total hält dies zumindest Mittelfristig für den gangbarsten Weg, da auch der Strom für Elektroautos schließlich irgendwoher kommen müsse.


23.08.2018 15:42
Dirk Schwarzer

dirk.schwarzer.82@gmx.de