17.10.2019

Doch keine Pipeline in Vittel – Rückschlag für Nestlé

Foto: Infosperber CC

Im französischen Vittel dreht sich der Wind gegen Nestlé: Die Behörden begraben ein umstrittenes Pipeline-Projekt.

 

Im französischen Kurort Vittel pumpt Nestlé grosse Mengen Trinkwasser ab. Pro Tag füllt der Schweizer Nahrungsmittelkonzern mehr als zwei Millionen Liter Vittel-Wasser in Plastikflaschen. Als Folge sitzen die rund 5000 Einwohnerinnen und Einwohner zunehmend auf dem Trockenen: Der Grundwasserspiegel sinkt jedes Jahr um rund 30 Zentimeter (Infosperber berichtete).

 

Um das Problem der Wasserknappheit zu entschärfen, sollte eine rund 15 Kilometer lange Pipeline gebaut werden. Diese hätte die Bevölkerung von Vittel und von Contrexéville, einer weiteren Kleinstadt, deren Mineralwasser von Nestlé vermarktet wird, mit Trinkwasser aus den Nachbargemeinden versorgt. Kostenpunkt für den Steuerzahler: 15 bis 30 Millionen Euro.

 

Behörde vollzieht Kehrtwende

 

Nichtregierungsorganisationen und Zivilgesellschaft sprachen sich vehement gegen das Vorhaben aus. Nachdem gegen Personen, die in den Entscheid involviert waren, rechtliche Schritte eingeleitet wurden (Infosperber berichtete), können die Gegnerinnen und Gegner des Pipeline-Projektes nun einen Erfolg verbuchen: Die Behörden vollziehen eine Kehrtwende und begraben das umstrittene Pipeline-Projekt. Sie erinnern auch an die Möglichkeit, dem Schweizer Konzern die Zulassung für die Wasserbohrungen zu entziehen, die ihm vom Departement Vosges ausgestellt wurde.

 

Das Departement Vosges, zu dem Vittel gehört, gab den Kurswechsel am 2. Oktober bekannt. Die Behörden teilten mit, dass sie ihre Unterstützung für den Bau des bereits weit fortgeschrittenen Pipeline-Projekts zurückziehe. Als Grund nennen sie die "ungewisse technische Umsetzung". Eine alternative Lösung mit dem Ziel, die lokalen Ressourcen zu optimieren, werde in den nächsten Wochen vorgelegt.

 

Neue Offensivstrategie der zuständigen Wasseragentur

 

Der Direktor der zuständigen Wasseragentur bestätigte die Sistierung des Projekts gegenüber dem französischen Online-Portal "mediapart". Allerdings muss die Wasseragentur, die aus Vertretern der Zivilgesellschaft, aus lokalen Behörden und der Industrie besteht, den Entscheid am 18. Oktober in einer internen Abstimmung bestätigen. Gegenüber "mediapart" erklärte der Direktor der Agentur, dass die Abstimmung nicht blosse Formalität sei, da es "verschiedene Interessengruppen" gebe. Weiter spricht er von einer "späten Erkenntnis": Obwohl das Pipeline-Projekt bereits seit mehreren Jahren verfolgt wird, äusserte die Wasseragentur erst im Sommer 2018 Vorbehalte und weigerte sich, sich an der Finanzierung zu beteiligen.

 

Nach ihrer Kehrtwende geht die Wasseragentur noch einen Schritt weiter und will die Kontrolle über den gesamten lokalen Entscheidungsprozess übernehmen. Das ist ein Schlag ins Gesicht der örtlichen Wasserkommission (CLE), die eigentlich zuständig wäre – und die das Pipeline-Projekt vorgeschlagen hatte. Die CLE besteht aus 45 Mitgliedern und vertritt 180 Kommunen, Verbraucherverbände, Wasserschutzbehörden und den Staat. Ihr vorrangiges Ziel ist der Schutz des Grundwassers.

 

Allerdings gab es in letzter Zeit Zweifel an der Unabhängigkeit der Kommission. So muss sich die konservative Politikerin Claudie Pruvost, die die Wasserkommission bis 2016 geleitet hatte, vor Gericht verantworten. Ihr wird eine unzulässige Parteinahme zugunsten von Nestlé vorgeworfen, es gilt die Unschuldsvermutung. Während Pruvosts Amtszeit fiel der umstrittene Entscheid, das Wasserdefizit von Vittel durch Einsparungen und Substitutionen auszugleichen.

 

 

Französische Medien reagieren kritisch

Einige französische Medien – allen voran "mediapart", beurteilen die Kehrtwende der Wasseragentur kritisch. Man dürfe nicht vergessen, dass es der Staat war, der den Vorschlag des Pipeline-Projektes für Nestlé "begleitet und zugeschnitten" habe, schreibt das Online-Portal. Gemäss Recherchen sei die geologische Studie über die Defizite des Grundwassers von 2014, die das Pipeline-Projekt überhaupt erst legitimiert hatte, vom Staat geleitet worden.

 

Ausserdem zitiert "mediapart" einen leitenden Beamten des Büros für Geologie- und Bergbauforschung (BRGM), der sagt, dass die Priorität der Studie darin bestanden habe, die Interessen des Schweizer Nahrungsmittelkonzerns zu schützen. Demnach habe der Staat die Studie beeinflusst, indem er den Mitarbeitenden vorgeschrieben habe, "alle möglichen Szenarien zu untersuchen, nur nicht das industrielle Szenario." Beim industriellen Szenario geht es darum, dass Unternehmen – und damit auch Nestlé – ihre Wasserentnahmen reduzieren müssten. Sie seien gebeten worden, die am wenigsten schmerzhaften Szenarien für den Arbeitsmarkt zu untersuchen.

 

Weiter sei die betreffende Studie in Zusammenarbeit mit "Water Watch" durchgeführt worden. Eine Organisation, die für ihre Nähe zu Nestlé bekannt sei. Als Beleg dafür zitiert "mediapart" die Nichtregierungsorganisation Anticor. Diese erklärte, dass Nestlé eine Renovation von Räumlichkeiten der "Water Watch" mit 300'000 Franken mitfinanziert habe.

 

Schweizer Markt wird mit anderem Wasser beliefert

Einige Stunden nachdem die Kehrtwende der Wasseragentur publik wurde, reagierte Nestlé mit einer Erklärung. "Wir möchten unser Engagement bekräftigen, zu einer nachhaltigen Lösung beizutragen, um die Wasserressourcen (...) und die Zukunft des Territoriums zusammen mit allen betroffenen Akteuren zu erhalten. Wir haben uns immer für einen konzertierten und gemeinsamen Ansatz ausgesprochen. Dies wird auch in den kommenden Wochen der Fall sein", so Sophie Dubois, CEO von Nestlé Waters France. Ausserdem weist der Nahrungsmittelkonzern erneut daraufhin, dass man die Grundwasserentnahmen in Vittel seit 2010 um 26 Prozent gesenkt habe.

 

Gemäss der Zeitung "Vosges matin erklärte Dubois, dass Nestlé im vergangenen Monat den Verkauf von "Vittel Bonne source" in der Schweiz eingestellt hat, um ihn durch "Vittel Grande Source" zu ersetzen. 2018 umfasste der Schweizer Markt 43 Millionen "Bonne Source"-Flaschen. Diese Umstellung werde sich auf die Entnahme des Grundwassers in Vittel auswirken. Dank der Massnahme werde bis 2020 eine Reduktion auf 600'000 m3 erreicht, was gegenüber 2019 einem Rückgang von fünf Prozent entspreche.

 

Argumente, die zum Beispiel "mediapart" nicht gelten lässt. In Wirklichkeit verfolge der Konzern die Strategie, seine Entnahmen aus einem anderen, oberflächlicheren Trinkwasserspiegel zu erhöhen. Ein Vorgehen, das die Onlineplattfom als "Taschenspielertrick" bezeichnet.

 

Autor: Tobias Tscherrig / Infosperber

 

Den Originalbeitrag kann bei Infosperber nachgelesen werden...

 

 

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