Tiefkühlpizza ohne Reue?

Cover: Blessing Verlag

Was haben die Tütensuppe zum Mittagessen, das Duschgel zur Körperpflege und der Biosprit im Autotank gemeinsam? Dass das in vielen dieser Produkte enthaltene Palmöl andernorts zur ökologischen und sozialen Katastrophe wird, erläutert Kathrin Hartmann in ihrem 2015 erschienenen Buch Aus kontrolliertem Raubbau.

Der Buchtitel ist Programm – schonungslos deckt Hartmann auf, was ihren Recherchen vor Ort zufolge wirklich hinter Nachhaltigkeitssiegeln für zertifiziertes Palmöl aus Indonesien oder Bioshrimps aus Bangladesch steckt: illegal abgeholzte, monotonen Ölplantagen weichende Regenwälder, von ihrem Land vertriebene indigene Völker, vom Aussterben bedrohte Orang-Utans und Waldelefanten und durch Aquakulturen versalzte, unfruchtbare Böden. Ein qualitativer Unterschied der zertifizierten zu konventionellen Produkten? Für die Autorin Fehlanzeige - kein Wunder, da industrielle, anders als staatliche Nachhaltigkeitssiegel, keine vorgeschriebenen Mindestvorgaben, sondern lediglich freiwillige Vorgaben zu berücksichtigen hätten.

 

Abrechnung mit der „Green Economy: Wachstum als Problem

 

Hartmanns Buch ist eine radikale Abrechnung mit der sogenannten „Green Economy“ - für die Autorin ist Wachstum keine Lösung, sondern das Problem an sich. Die Journalistin berichtet von skrupellosem „Greenwashing“, vom „Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl“, an dem 528 Vertretern der Palmölindustrie, 410 Konsumgüterherstellern und zwölf Banken gerade einmal 40 Nichtregierungsorganisationen gegenüber sitzen, vom Deutschen Nachhaltigkeitstag mit einem fast ausschließlich aus Fisch und Fleisch bestehenden Buffet und selbst in streng geschützten Nationalparks angelegten Palmölplantagen. Aber vor allem erzählt die Autorin von den Menschen vor Ort, in den „Ländern des Südens“, die der „Green Economy“ ihre Lebensgrundlagen in Form von Regenwäldern, sauberem, fischreichem Wasser und Platz zur Pflanzung von Reis, Bananen und Gemüse opfern mussten, die von ihren „freundlichen Kolonialherren“ in die Armut getrieben wurden, sich in Nichtregierungsorganisationen mutig dagegen wehren und dafür von der Gegenseite bedroht werden.

Aufrüttelnd und die Augen öffnend sind Hartmanns Bilder: Wer „Aus kontrolliertem Raubbau“ gelesen hat, denkt beim nächsten Einkauf garantiert zweimal darüber nach, ob es wirklich wieder die palmölhaltige Tiefkühlpizza oder die Billigschokolade sein muss oder ob es dafür nicht Alternativen gibt. Und dennoch ist es nicht der Verbraucher, sondern vor allem die Politik, an die sich Hartmann mit ihrer Schrift wendet: Unter anderem auch die Klimaschutzpolitik in der EU, die etwa mit ihrer Forderung, das Kraftstoff bis 2020 zu zehn Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen soll, dafür sorge, dass sich die Situation in Ländern wie Indonesien sogar noch verschärfe. „Umweltkatastrophen, wie sie in Indonesien durch Palmölplantagen entstehen, werden aus der Klimabilanz einfach rausgerechnet – ansonsten käme man nämlich zu dem Ergebnis, dass Biodiesel 2000 Prozent mehr Treibhausgase ausstößt als die gleiche Menge Diesel aus Erdöl“, erklärt die Autorin.

Ihre Alternativen? Hartmann plädiert für verstärktes Teilen von Gütern, weniger Konsum insbesondere „überflüssiger“ Fertigprodukte, die zudem auch noch krank und dick machten, mehr regionale Produktion, eine Neuorganisation des öffentlichen Nahverkehrs und politische Maßnahmen, etwa gegen die Autoindustrie bei der Produktion von Riesenspritschluckern.

Ihr einleuchtendes und in unserer globalen Welt für den Einzelnen doch oft nicht leicht umsetzbares Fazit: „Es gibt kein Recht auf einen Lebensstil, der anderen schadet!“

Prädikat: Zwar in gewisser Weise einseitig – denn die „angeklagten“ Wirtschaftsvertreter und Industriellen bekommen im Buch nur selten die Gelegenheit, ihre Sichtweise darzustellen - doch vor allem äußerst lesenswert, Mut zur Veränderung machend und eine flammende „Verteidigungsrede“ für die Menschen, denen es zu oft an einem wirklich gerechten Anwalt fehlt.

niso

 

 

Kathrin Hartmann

Aus kontrolliertem Raubbau

Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren

Blessing Verlag

448 Seiten

18,99 Euro

ISBN 978-3-89667-532-3


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