Vorbild Tallinn: Nahverkehr umsonst

Foto: Tallinn

Vorbild im Osten: Freie Fahrt im Nahverkehr erhofft sich die Stadtverwaltung von Tallinn. In Estlands Hauptstadt darf seit Jahresanfang jeder umsonst im Nahverkehr Bus und Bahn fahren. Die Gratistour soll den drohenden Verkehrskollaps in der 420 000 Einwohner-Stadt an der Ostsee verhindern helfen.

„Tallinn ist eine innovative Stadt“, verkündet Bürgermeister Edgar Savisaar. Er musste allerdings einigen Widerstand brechen, ehe er sein günstiges ÖPNV-Konzept durchboxte. Vor einem Jahr ließ der Rathauschef seine Bürger über die Idee abstimmen. Mehr als 75 Prozent der Tallinner unterstützen die Initiative. Savisaar: „Wir sind die erste Hauptstadt, in der ein derartiges Konzept in einem solchen Umfang umgesetzt wird."

100.000 Menschen jeden Tag nutzten 2012 den Nahverkehr der estnischen Hauptstadt. Nun hofft der Bürgermeister laut einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa, dass „diese Zahl zunimmt und immer mehr Bürger ihr Auto stehen lassen“. Zudem will Savisaar mit dem Konzept, ärmeren Familien entgegenkommen. Die Freifahrten sollen helfen, dass diese Menschen wieder mobiler werden.

 

Streit über die Kosten der Freifahrten

 

Ohne Tricks funktioniert die Idee aber wohl doch noch nicht. Laut dpa wurden „wurden auf mehreren Straßen in der Innenstadt Fahrstreifen in Busspuren umgewandelt und die Ampelschaltung zugunsten von Bus und Bahn geändert.“ Die ohnehin schon Stau-geplagten Autofahrer in Tallinn entnerven solch zusätzliche Schikanen gehörig.

Dennoch: Der Erfolg scheint dem Konzept Recht zu geben. In ersten Untersuchungen zeige sich, so berichten Agenturen, dass weniger Fahrzeuge auf den Straßen verkehren. In Bussen und Bahnen dagegen habe sich die Fahrgastzahl bereits in den ersten Tagen des neuen Jahren merklich erhöht.

Mitfahren darf jeder, der eine Chipkarte besitzt, mit der sich Fahrgäste an Lesegeräten in den Fahrzeugen identifizieren müssen. Hier auch schlummert die größte Hürde des Konzepts: Das neue elektronische Ticketsystem funktioniere mancherorts noch nicht perfekt, beklagen Kritiker. Auch Datenschützer sind skeptisch. Die Datenschutzbehörde äußert Rechtsbedenken wegen der Speicherung und dem Zugang zu den personenbezogenen Daten auf der Chipkarte.

Zweiter Grund zur Klage sind die Kosten für den Haushalt der Kommune. „Kritiker warnen vor den Kosten der Umstellung“, berichtet die dpa. Dem Stadtsäckel würden jährlich rund zwölf Millionen Euro entgehen, die bisher aus dem Fahrkartenverkauf stammten.

Auch teure Investitionen in dringend notwendige neue Busse und Bahnen belasten den Haushalt.

Edgar Savisaar Stadtverwaltung hält dagegen, dass zusätzliche Steuereinnahmen durch neu zugezogene Tallinner, die sich bisher nicht offiziell als Einwohner angemeldet hätten, dieses Loch ausglichen. Dadurch könne der Nulltarif mindestens teilfinanziert werden.

Tallinns Beispiel jedenfalls könnte schule machen. In den Nachbarländern beobachten die Rathauschefs in Helsinki, Riga und Vilnius wie sich der Gratis-Nahverkehr in Estland anlässt. Die Städte in Finnland und Litauen kündigten bereits an, dem Beispiel eventuell folgen zu wollen.

 

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