17.09.2018

Brasilien: Die Rückkehr des Gelbfiebers per Anhalter

Iguazú-Wasserfälle, Brasilien Foto: Pixabay CC0 / LUM3N

Gelbfiebermücken reisten per Auto und Lastwagen von Amazonien in den Süden. Vergangenen April infizierten sich drei Deutsche mit Gelbfieber auf der im Süden von Rio de Janeiro gelegenen und bei Touristen beliebten Regenwaldinsel Ilha Grande. Laut Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin sind dies nach 1999 die ersten an diesem gefährlichen Fieber erkrankten deutschen Staatsbürger. Einer der Brasilienurlauber überlebte die Erkrankung nicht.

 

Seit 2016 leidet Südostbrasilien unter der seit rund Hundert Jahren größten Gelbfieberepidemie. Brasiliens Gesundheitsbehörden registrierten zwischen Juli 2016 und Juni dieses Jahres mehr als 2000 bestätigte Infektionen. Wenigstens 850 Menschen starben in den betroffenen Bundesstaaten Minas Gerais, Espirito Santo, Rio de Janeiro und São Paulo an dem von Stechmücken übertragenen Virus. Ein internationales Wissenschaftlerteam der Universität Oxford und dem Gesundheitsinstitut Fiocruz in Rio de Janeiro untersuchte nun die Ursachen der Epidemie in Minas Gerais, wo die ersten Infektionen auftraten.

 

Gelbfieber ist ein Virus, der durch drei unterschiedliche Stechmückenarten auf Menschen und Affen übertragen werden kann: Die im Regenwald vorkommenden Stechmücken Sabethes und Haemagogus oder die aus Asien eingeschleppte und in Städten sich verbreitende ägyptische Tigermücke „Aedes aegypti“.

 

Brasiliens Südosten galt seit Jahrzehnten als frei vom Gelbfieber. Der letzte größere Gelbfieberausbruch fand hier 1942 statt. Hierbei handelte es sich um das urbane, von der Tigermücke verbreitete Gelbfieber. Das seit 2016 grassierende Fieber indes ist in Atlantischen Regenwaldgebieten in der Region des Rio Doce ausgebrochen und ließ zunächst Dutzende von Affen verenden. Stechmücken des Regenwaldes übertrugen den Virus schließlich auf die in den Gebieten lebenden oder arbeitenden Menschen, vernehmlich Männer.

 

Foto: Pixabay CC0

Die nun in der aktuellen Ausgabe von Science veröffentlichte Studie ergab, dass 85 Prozent der Erkrankten im Untersuchungsgebiet Männer der Altersgruppe von 35 bis 54 Jahren waren. Die meisten von ihnen waren Landarbeiter, die im Schnitt fünf Kilometer von den Waldgebieten entfernt wohnten. In den ländlichen Regionen seien Männer mobiler und deshalb häufiger den Regenwaldmücken ausgesetzt als Frauen, die eher häuslichen Beschäftigungen nachgehen, erläutert Luiz Alcântara von Fiocruz.

 

Die Forscher untersuchten auch die DNA des Gelbfiebervirus im Blut der erkrankten Primaten und Menschen und verglichen sie mit Virusgenen von früheren Epidemien. Die Ergebnisse zeigten, dass der Ausbruch nicht durch eine bereits früher in der Affenpopulation Südostbrasiliens zirkulierende Gelbfieberviruslinie ausgelöste wurde, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit durch einen erst 2016 aus Amazonien eingeschleppten Stamm.

 

Die Studie widerlegt damit die vorige These, die den Dammbruch von Samarco als Ursache annahm. 2015 war der Damm eines mit Minenabraum gefüllten Stausees in Minas Gerais gebrochen und hatte den Rio Doce über Hunderte von Kilometern auf fast seiner gesamten Länge verschlammt und vergiftet. Nach Meinung des Tropenmediziners Eduardo Massad von der Universität von São Paulo (USP) hätte diese drastische Umweltkatastrophe die Region aus dem ökologischen Gleichgewicht gebracht. Der verschlammte und vergiftete Fluss reduzierte die natürlichen Feinde der Moskitos und schwächte gleichzeitig das Immunsystem der Affen, was sie anfälliger für die in der Region bereits seit langem zirkulierenden Gelbfieberviren machte.

 

Doch die Virenanalyse der Forscher aus Oxford und Rio de Janeiro widerspricht dieser Annahme. Die DNA der in Minas Gerais isolierten Erreger entspräche weitestgehend einem im nordamazonischen Roraima vorkommenden Virusstamm. Die Forscher schätzen, dass dieser Erreger möglicherweise durch illegalen Handel mit Amazonasaffen nach Minas Gerais kam oder durch Stechmücken, die als „Trittbrettfahrer“ per Auto oder Lastwagen von Nordbrasilien über Tausende von Kilometern in den Südosten des Landes reisten. Die kontinuierliche Erschließung Amazoniens durch mehr und mehr Straßen und seine Anbindung ans nationale Straßennetz ist damit einer der Faktoren, für die jetzige Gelbfieberepidemie in Südostbrasilien. "Nach der Ankunft in Minas Gerais im Juli 2016 verbreitete sich dann der Virus aus Amazonien rasch in den lokalen Moskito-Populationen und Affen mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 3,3 Kilometern pro Tag in Richtung der Metropolen São Paulo und Rio de Janeiro“, so Luiz Alcântara.

 

Dass es nicht zu einem Ausbruch von städtischem Gelbfieber in den Millionenmetropolen kam, hält Nuno Faria, Forscher am Zoologischen Institut der Universität Oxford, für einen Glücksfall. „Obwohl die Bedingungen für die Übertragung in den Städten vorherrschen, ist dies glücklicherweise nicht geschehen ", so der Co-Autor der Science-Studie. Es sei noch nicht klar, warum sich der städtische Zyklus der Krankheit mit der Tigermücke als Übertragungsfaktor nicht entwickelte. Möglicherweise habe der Gelbfiebervirus Probleme mit der seit den 1970er Jahren eingeschleppten Tigermückensorte. Die Aedes Aegypti-Moskitos, die die letzte urbane Gelbfieberepidemie 1942 in Rio de Janeiro ausgelöst hatten, wurden in den 1950er Jahren in Brasilien ausgerottet.

Autor: Norbert Suchanek, Rio de Janeiro

 

Die Erstveröffentlichung dieses Artikels fand in "Neues Deutschland" statt...

 

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