Wald und Psyche: „Gesünder, glücklicher, freundlicher“

Wald und Psyche: „Gesünder, glücklicher, freundlicher“
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Wald und Psyche: „Gesünder, glücklicher, freundlicher“

chrismon.de: Die Natur tut den Leuten gut. Sie müssten nur wieder viel mehr draußen sein. Im Grünen. Oder im Blauen. Sagt der Psychiater Manfred Spitzer

chrismon: „Wer in den Wald geht, ist netter zu den Leuten“, haben Sie mal gesagt. Wie meinen Sie das?

Manfred Spitzer: Dieser Gedanke geht auf Immanuel Kant zurück, der meinte, dass wir uns beim Anblick der Natur – Sternenhimmel, Wald, Wasserfälle, Meer, weites Land, Berge, Täler – als Teil eines größeren Zusammenhangs erleben. Dabei wird uns bewusst, wie winzig klein wir einerseits sind, doch zugleich auch riesengroß. Kant vermutete, dass uns dieses Gefühl dazu bringt, uns mitmenschlicher zu verhalten.

Und hat Kant recht gehabt?
Manfred Spitzer F: wikimedia 4.0 CC

Ja. Amerikanische Psychologen von der Universität Rochester beispielsweise fanden heraus, dass Natur­er­leben unseren Egoismus schrumpfen lässt, als würde unser Ego angesichts von Bergen und Tälern, Bäumen und Flüssen kleiner. Damit legen die Daten auch nahe, dass wir in dem Maße, wie wir unsere Verbindung mit der Natur verlieren, auch unsere Verbindung zu anderen Menschen verlieren. Und das stimmt nachdenklich!

Es heißt, der Wald macht uns auch gesünder und glücklicher.

Die Japaner sprechen schon lange von „Waldbaden“, womit sie etwas Ähnliches meinen wie wir beim Verwenden des Wortes „Sonnenbaden“: Man umgibt sich – wie in einem Bad im Wasser – vollständig mit etwas, das uns guttut. Japanische Unter­suchungen bestätigen ganz klar, dass sich Blutdruck und Pulsfrequenz normalisieren, Angst und Stress abnehmen, die Konzentrationsfähigkeit steigt. Das lässt sich auch auf den Wald in Mitteleuropa oder in den USA übertragen.

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Welchen Einfluss hat die Farbe Grün?

Mehr Kreativität! Im Vergleich zur Farbe Rot, die unsere Genauigkeit erhöht, weil wir „enger“ oder „kleinteiliger“ denken, bewirken die Farben Grün und Blau, dass wir „weiter“ bzw. „offener“ denken und uns daher mehr einfällt. Überhaupt die Farben: Warum eigentlich wollen die Menschen nicht ins Gelbe oder Rote, Graue oder Violette fahren, sondern immer ins Blaue, was für Himmel und Wasser steht, oder eben ins Grüne? Für Jahrhunderttausende lebten unsere Vorfahren in und mit der Natur. Bäume spendeten Schatten und man war sicher, wenn man hinaufkletterte. Und konnte weiter sehen und damit Gefahren früher erkennen.

Der ideale Wald für die körperliche und seelische Gesundheit ist . . .

. . . der, den ich in weniger als einem halben Kilometer von meiner Wohnung aus fußläufig oder mit dem Fahrrad leicht erreichen kann.

Und wenn ich aber mitten in der Stadt wohne?

Ein paar Bäume in der Straße und nicht allzu weit entfernte Parkflächen wirken sich positiv auf die Lebens­qualität und sogar die Gesundheit aus.

Wenn es nicht genug Natur in den Städten gibt, kann das also die Bewohner krank machen?

Ja, das Leben auf dem Lande ist ge­sünder. Zudem reduziert Natur in der Stadt die Kriminalität, weil sie unser Sozialverhalten ver­bessert. Die Begrünung ist keine Frage des Geschmacks oder eine romantische Mode­er­scheinung, die man auch sein lassen kann. Denn immer mehr Menschen leben in Städten, und die Menschen werden älter und damit anfälliger.

Aber auch der Jugend tut die Natur gut.

Klar! Die Zeit, die Kinder und Jugendliche in der Natur verbringen, nimmt drastisch ab: Nachmittags waren sie früher vor allem draußen, und das bestimmte auch ihre Entwicklung mit. Seit einigen Jahrzehnten aber befinden sie sich entweder in der Schule oder zu Hause. Den Hin- und Rückweg legen sie oft im Inneren eines Fahrzeugs zurück. „Why go outside when you have an iPhone?“, titelte der Economist schon im Jahr 2013 einen Bericht, demzufolge die US-­amerikanischen Nationalparks um ihre jungen Besucher bangen. Viele Kinder und Jugendliche leiden heute schon sichtbar unter dem, was schon vor 15 Jahren als Natur-­Defizit-Syndrom bezeichnet wurde . . .

. . . also einer Entfremdung von der Natur . . .

Ja, junge Menschen kennen zum Beispiel weniger Pflanzen und Tiere, weil sie viel weniger Zeit draußen verbringen. Das ist langfristig ungesund, obwohl man die Schäden zunächst natürlich nicht merkt. Es wird daher Zeit, dass sie sie wieder bewusst er­leben lernen – in ihr „baden“, denn das macht uns gesünder, glücklicher und freundlicher.

Der Text stammt aus unserer Medienkooperation it Chrismon. Hier lesen sie ihn im Original.

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